Erinnerung – 9. November 2011 am bayerischen Untermain

9. November in Aschaffenburg: Der Behelfskabarettist Paul Panzer – in ekliger Selbstüberschätzung nach einem Lied von Ton Steine Scherben benannt – kaspert herum. Im ColosSaal gibt es „Gitarrenzauber“ von einem Musiker, der sich gibt wie die Provinzausgabe von Slash (Guns N´ Roses). Und irgendwer versucht, an den 9. November 1938 zu erinnern. Nicht anders ist es in Miltenberg. Aber immerhin: Es erinnert sich noch jemand.

Am 9. November jähren sich wieder die Pogrome von 1938. Auch am bayerischen Untermain kam es vor 73 Jahren zu organisierten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.

Wir dokumentieren hier die Gedenkveranstaltungen in Miltenberg und Aschaffenburg.

Als kommunal_print Nr. 3 ist ein Auszug aus dem Beitrag „Tatort Miltenberg“ erschienen (PDF). Er beschäftigt sich mit dem 9. und 10. November 1938 in Miltenberg und enthält den kurzen Vortrag bei der Veranstaltung vom 9. November 2011 sowie Auszüge aus den Erinnerungen von Paul Briscoe und die Liste der bekannt gewordenen ermordeten Jüdinnen und Juden aus Miltenberg (beides wurde am 09.11.11 in Miltenberg ebenfalls vorgetragen). Das vierseitige Blatt wurde bei der Miltenberger gedenkveranstaltung am 09.11.11 verteilt.

Bericht über die Miltenberger Veranstaltung:

Würdige Erinnerung an die jüdischen Opfer aus Miltenberg
Gut besuchte Gedenkveranstaltung von Caritas-Treffpunkt Café fArbe und Initiativkreis neunter November

Eine Besucherin hielt es schlicht für „die beste Veranstaltung dieser Art, die ich je besucht habe“. Gemeint ist der Miltenberger Gedenkabend am 9. November, der an die Pogrome von 1938 erinnerte und zu der Menschen aus dem ganzen Landkreis sowie aus Aschaffenburg gekommen waren. Neben Liedern, Texten und einem kurzen Vortrag wurden erstmals die Namen jener jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Miltenberg verlesen, die im Naziterror ermordet wurden.

Der eigens gegründete Initiativkreis neunter November und das Café fArbe, der Caritas-Treffpunkt am Miltenberger Engelplatz, hatten eingeladen. Und gekommen waren über 40 Teilnehmende. Mit diesem Zuspruch hatten selbst die Veranstalter nicht gerechnet. Im Café fArbe begann der Gedenkabend mit Liedern, die Reinhard Frankl für diesen Abend ausgesucht hatte. Er wolle, so Frankl, damit zeigen, dass die Jüdinnen und Juden nicht nur stumme Opfer waren, sondern sich in vielen Fällen sehr wohl zu wehren wussten. So sang er mehrere Lieder in jiddischer Sprache, die vom Kampf der jüdischen Partisanen gegen die Hitler-Armeen berichteten. Frankl, der selbst Familienangehörige aufgrund des antisemitischen Terrors im „3. Reich“ verloren hat, überzeugte durch eine gelungene Liedauswahl und einen anspruchsvollen Vortrag. Unmissverständlich machte er klar, dass immer und überall dem Faschismus Gegenwehr entgegengesetzt werden muss und dass „eine bessere Welt“ erstrebenswert und möglich ist.

Zwischen den Liedern von Reinhard Frankl rezitierte Christine Speer-Akdeniz Gedichte von Anne-Marie Fabian. Speer-Akdeniz, die selbst die Gedenkstätte Auschwitz mehrfach besucht hatte, zog das Publikum in ihren Bann. Ohne Pathos und Kitsch zeigte sie die Brutalität und das Anti-Menschliche des KZ-Systems in kurzen und treffenden Texten. In mitfühlender Stille war dem Publikum bei ihr kein Applaus möglich. Umso größer waren dann die Ovationen, als Martin Pechtold nach Abschluss der Rezitationen um einen Applaus für Christine Speer-Akdeniz bat.

Pechtold war es auch, der im zweiten Teil des Abends einen kurzen Vortrag zu den Ereignissen des 9. und 10. November 1938 in Miltenberg hielt. „Dass das antisemitische Pogrom lange vorbereitet war, ist auch in Miltenberg zu belegen. Zwei Mitglieder des Reichsarbeitsdienstes sagen nach dem Krieg aus, dass in den ersten Novembertagen 1938 der Leiter der örtlichen Reichsarbeitsdienstschule mitteilte, von höherer Stelle sei gewünscht, dass der Reichs-Arbeitsdienst sich an solchen `Judenaktionen´ beteiligen solle.“ Weiter berichtete er von massiven Beschädigungen an der Synagoge Miltenbergs, an Wohnungen und Geschäften jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. „Die Liste der Zerstörung und Plünderung ließe sich lange fortsetzen. Erwähnt werden soll allerdings noch, dass sie nicht ohne Misshandlungen vor sich gehen. Von Schlägen und Tritten wird berichtet. Dies alles reichern die Täter mit Beleidigungen an. `Ihr Judenstinker, ihr gehört an die Wand!´ ist dabei nur eine, allerdings überlieferte Beleidigung der selbst ernannten Arier. Im Laufe des Abends und der Nacht werden die Juden verhaftet und in das Miltenberger Gefängnis gebracht. Meist bedeutet dies für sie einen zweitägigen Gefängnisaufenthalt. Neun allerdings müssen bis zum 28. November in Haft bleiben. Diese werden bis auf einen anschließend nach Dachau gebracht und dort für einen Monat inhaftiert. Zur Erinnerung: Sie haben nichts getan. Im Gegenteil: Ihnen wurde etwas angetan. Dennoch kommen nicht die Täter, sondern die Opfer ins Gefängnis und ins KZ.“

Pechtolds Sohn Christof las anschließend Auszüge aus den Erinnerungen von Paul Briscoe, der als Sechsjähriger 1938 in Miltenberg lebte und sich an den Ausschreitungen der Schüler am 10. November beteiligte. „Es war eine Sünde.“ So urteilt der britische Staatsbürger heute über das Geschehen, an dem er damals beteiligt war. Und er stellt fest: „Es war, als würde ich einen Film anschauen, in welchem ich zugleich mitspielte. Ich bekam Nahaufnahmen mit von einigen Gesichtern im Mob. Es waren die Gesichter von denselben Männern, die ich sonntags immer sah, wenn sie, höflich den Hut lüftend, miteinander in die Kirche einzogen.“

Nachdem Reinhard Frankl und Christine Speer-Akdeniz noch einmal Lieder und Texte gebracht hatten, gingen fast alle der über vierzig Anwesenden gemeinsam durch die Stadt vor die Alte Volksschule, gegenüber der ehemaligen Synagoge. Dort lasen Hans Remsberger und Christof Pechtold die 31 bekannt gewordenen Namen der Jüdinnen und Juden aus Miltenberg, die im Nazi-Terror ermordet wurden. Rüdiger Horn sang spontan das jiddische Lied vom Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird, ein Bild für die Ermordung der europäischen Juden im „3. Reich“.

Zahlreiche Teilnehmende dieser Gedenkveranstaltung gingen anschließend noch einmal ins Café fArbe der Caritas, um zusammen diesen eindrücklichen Abend ausklingen zu lassen.

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Bericht über die Aschaffenburger Veranstaltung:

»Gedenken unverzichtbar«: Erinnerung an die Pogromnacht

Mit einer Feierstunde auf dem Wolfsthalplatz hat die Stadt an die Opfer der Pogromnacht erinnert. Das Gedenken an den 9. November 1938 hält Oberbürgermeister Klaus Herzog für »unverzichtbar«. »Denn die Zeitzeugen, die uns aus eigener Anschauung darüber berichten können, werden immer weniger.« Auch in Aschaffenburg brannte am 9. November die Synagoge, die Nationalsozialisten verwüsteten jüdische Geschäfte und verschleppten jüdische Frauen und Männer.

Josef Pechtl vom Haus Wolfsthalplatz erinnerte vor 125 Menschen bei der Gedenkfeier an die Ereignisse der Pogromnacht in Aschaffenburg. Männer und Frauen entzündeten vor dem Denkmal am Jüdischen Dokumentationszentrum Kerzen. Nach der Gedenkfeier eröffnete Klaus Herzog die Ausstellung »Weg der Erinnerung« im Rathaus-Lichthof. Sie erinnert auch an den 25. April 1942: 852 Juden mussten damals in Würzburg zum Vergnügungslokal Platz’scher Garten kommen und von dort am helllichten Tag durch die Stadt zum Verladebahnhof Aumühle laufen. »Da kann keiner sagen, er hätte von nichts gewusst«, so Josef Pechtl. Der Zug fuhr um 15.20 Uhr nach Krasniczy. Die meisten unterfränkischen Deportierten wurden dann in Sobibor und Belzec ermordet. Im Lichthof stehen auf Schienen Tafeln mit den Namen der 852 deportierten Unterfranken. 140 Männer, Frauen und Kinder davon stammen aus Aschaffenburg und Umgebung – darunter auch die elfjährige Irene Löwenstein. In Ordnern sind Einzelschicksale beschrieben. Die Städtischen Musseen ergänzen die Ausstellung mit lokalgeschichtlichen Exponaten. Am Abend lasen Claudia Hirsekorn, Desiree Schneider und Ramona Rohden von der Fos-/Bos-Theatergruppe aus Dokumenten der NS-Zeit.

Leicht gekürzt aus: Main-Echo Aschaffenburg, 10.11.11

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Nachtrag:

Eine Einspielung von Henryk Góreckis durch Auschwitz beeinflußter Sinfonie.


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