Aschaffenburg: Schläge, Handschellen, Demütigungen

Dokument (längere Auszüge; komplett hier)

… Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zählt jährlich fast 400 Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamte im Freistaat. Die meisten Verfahren werden eingestellt. Vor wenigen Wochen beschwichtigte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU): Die bayerische Polizei akzeptiere keine Rambos, die Selbstjustiz üben. „Die Realität ist leider anders“, sagt Martina F. …
Der 7. Oktober 2010 ist ein Donnerstag. Nach einem Restaurantbesuch fahren Martina und Günter F. mit dem Auto nach Hause. … Gegen 20.25 Uhr werden die beiden von einer Polizeistreife gestoppt. Allgemeine Verkehrskontrolle. Polizeihauptmeister W. und Polizeimeisterin S. überprüfen, ob das Warndreieck im Kofferraum ist und inspizieren den Verbandskasten. Danach fragen sie Günter F., ob er etwas getrunken habe. „Ein Bier“, sagte er damals. „Es war sogar bloß ein Alkoholfreies“, sagt er heute. Günter F. muss pusten. „Mindestens 15-mal habe ich in das Kontrollgerät geblasen.“ Vergeblich, auf dem Display erscheinen keine Promillewerte. Hat er zu schwach gepustet? Günter F. ist schwerer Asthmatiker. Vom Pusten bekommt er langsam Atemnot, seine Lunge fiept. Die beiden Beamten werden ungeduldig. Sie glauben offenbar, F. simuliere und drohen ihm mit einer Blutkontrolle auf der Polizeiinspektion. „Mein Mann war völlig außer Atem, ich habe versucht den beiden klar zu machen, dass er kurz vor einem Asthmaanfall steht. Doch der Polizist hat mich angeschrien, ich solle mich raushalten.“ Er stößt Martina F. zur Seite. „Ich habe dann einen letzten Versuch unternommen und kräftig gepustet“, sagt Günter F. Diesmal zeigt das Gerät 0,0 Promille an. Und dann habe ich diesen entsetzlichen Fehler gemacht“, sagt Martina F.
Statt den Beamten einen „Guten Abend“ zu wünschen, erkundigt sie sich nach den Namen der beiden Polizisten. „Ich habe ihnen deutlich gesagt, dass ich mich ungerecht behandelt fühle und in Rücksprache mit meinem Sohn, der Strafrichter ist, über das Verhalten beschweren werde“. Die Beamten ziehen sich zurück, brummen unverständlich ihre Nachnamen und steigen in den Streifenwagen. „Das war mir nicht genug, ich wollte auch
die Vornamen.“ Statt seinen vollen Namen zu nennen, springt Polizeihauptmeister W. aus dem Streifenwagen und rammt Martina S. unvermittelt seine Faust in den Bauch, dann greift er nach ihrem Arm, nimmt sie in den Polizeigriff und drückt ihren Kopf auf den Motorhaube. Die Handschellen klicken. „Wegen Behinderung der Polizeiarbeit“, schnaubt er.
„Ich habe sofort angefangen zu weinen und ihn angefleht, er solle mich in Ruhe lassen“, sagt Martina F. Der Beamte verfrachtet sie auf die Rückbank des Polizeiautos. Mit Blaulicht fahren die beiden Polizisten mit Martina F. davon. „Ich habe versucht, dem rasenden Polizeifahrzeug zu folgen. Ich kam mir vor wie in einem Kriminalfilm mit meiner Frau als Hauptverdächtiger eines nicht stattgefundenen Verbrechens.“ Nach wenigen Metern gelingt es Martina F., die rechte Hand aus der Schelle zu ziehen. Als die Polizeibeamtin S. dies bemerkt, schreit sie: „Festgenommene befreit sich!“ Ihr Kollege W. meldet den Vorfall sofort über Funk der Leitstelle und bremst danach abrupt ab. Er steigt aus dem Auto und reißt die Tür auf. „Ich musste mitansehen, wie er meine Frau auf den Gehsteig zerrte und die Handschellen fixierte, während sie weinend auf dem Boden lag.“ Martina F. muss wieder einsteigen.
Vor der Polizeidienststelle erklärt die Frau den beiden Polizisten, dass sie so lange im Fahrzeug warten werde, bis ihr Mann angekommen sei. „Ich wollte sichergehen, dass noch eine weitere Person von dem Verhalten der Polizeibeamten Kenntnis hat.“ Hauptmeister W. blafft: „Ich entscheide, was hier geschieht“, und packt Martina F. an den Haaren. Sie stolpert aus dem Auto. W. schleift sie mehrere Meter über den Boden.
In der Polizeistation erwartet man nach der Funkankündigung einen Schwerverbrecher und durchsucht Martina F. nach Waffen und Drogen. Eine Beamtin fragt, ob sie Medikamente genommen habe. „Nein, habe ich damals geantwortet. Heute müsste ich leider Ja sagen. Denn inzwischen nehme ich Antidepressiva und Tabletten gegen die Angstzustände“, sagt Martina F.
Die Polizeibeamten fragen, ob sie bereit wäre, eine Blutprobe entnehmen zu lassen, sie mache einen betrunkenen Eindruck. Martina F. lehnt ab. „Ich hatte zum Abendessen zwei kleine Gläser Weißwein, ich war nicht betrunken.“ Also versuchen die Polizisten einen richterlichen Beschluss zu erwirken und rufen den Bereitschaftsdienst an.
Die Haare zerzaust, die Hose kaputt, das Oberteil und der Mantel zerrissen. Die Hände immer noch in Handschellen. So wartet Martina F. auf die Entscheidung des Richters. „Ich habe gefragt, ob ich einen
Anwalt anrufen könnte, man hat es mir nicht erlaubt.“
Um 22 Uhr fällt der zuständige Richter seine Entscheidung, er lehnt die Blutprobe ab. „Polizeihauptmeister W, hat mir dann die Handschellen aufgeschlossen und uns noch einen schönen Tag gewünscht.“
Die behandelnde Ärztin notiert am nächsten Tag: „Psychisch schwerst traumatisierte und in Tränen aufgelöste Patientin, breite gerötete Streifen an beiden Handgelenken und unterhalb der Ellenbogen, massive Schwellungen an der Halswirbelsäule.“ Martina F. verbringt die nächsten drei Wochen im Krankenhaus.
Polizeihauptmeister W. hingegen steht schon wenige Tage später vor Hunderten Schulkindern und erklärt, wieso er gerne Polizist sei: Es sei ein absolut spannender Beruf. Jeder Tag bringe etwas Neues. …


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