1968 und folgende am Untermain

Interview mit Johannes Büttner zu den Anfängen der linken und alternativen Bewegung am bayerischen Untermain

Kommunal: Johannes Büttner, heute Stadtrat der Kommunalen Initiative in Aschaffenburg, im Laufe der letzten Jahrzehnte bei einer sicherlich nicht mehr zählbaren Anzahl von Demonstrationen, Aktionen, Kundgebungen, Initiativen dabei gewesen, irgendwie überall, wo links oder radikal-demokratisch was los war – dieser Johannes Büttner war auch schon ganz am Anfang dabei, als es los ging mit der linken Bewegung am bayerischen Untermain. Und so haben wir ihn gebeten, uns ein Interview hierzu zu geben.
Ja, wie ging es denn eigentlich los? Was stand ganz am Anfang der linken Bewegung, der Achtundsechziger am Untermain?

Johannes Büttner: Es gibt unterschiedliche Ansätze. Früh, d.h. Ende der 50er Jahre, waren schon die Antiatombewaffnungs- und Friedensbewegung aktiv. Mit denen hatte ich aber aufgrund meines Alters noch keinen Kontakt. Die erste Organisation, die sich so als Sammlung für junge aufmüpfige Kräfte darstellte, waren die Jusos, die eine eigenen Zeitung herausgaben, den „Rotbrief“. Führungspersonen waren u.a. auch Hilmar Schmitt und Frank Sommer. Der erste mehr dem linken Flügel zuzurechnen, der zweite mehr zum rechten Flügel zählend. Dort trafen sich eher die jungen Praktiker. Theoretisch diskutiert wurde im Politischen Club innerhalb der Volkshochschule, mit Personen wie Günther Maierhöfer und Dieter Peatz.

Als auf der Ostermarschkundgebung 1966 auf dem Frankfurter Römer – auf der Joan Baetz auftrat und ein junger Mann das Mikrofon stürmte und sich gegen die seichte Kritik am Imperialismus verwahrte sowie einen klaren Kurs dagegen forderte und sagte, er sei vom SDS - waren auch die jungen Jusos elektrisiert. Die Anti-Springer-Kampagne sorgte auch in Aschaffenburg dafür, dass eine Demonstration von rund 150 Leuten stattfand, u.a. organisiert von den Jusos und dem Politischen Club.

1968 gab es außer dem Politischen Club und den Jusos nur noch einen kleinen Kader der illegalen KPD und ab 1969 legalen DKP mit Mathias Mager und Betty Fischer, die bis 1956 KPD-Stadträtin gewesen war. Mathias war der eifrige Verteiler und Verkäufer diverser Zeitungen der DFU und DKP. Die so genannten jungen „68er“ aus Aschaffenburg nahmen bis zum Jahr 1969 an den Aktionen in Frankfurt und Darmstadt teil. Innerhalb der Jusos wurde diskutiert, Betriebsgruppen in den Großbetrieben zu bilden, als Bündnis zwischen SPD, Jusos und DKP.

1969 war auch der Auftritt einer kleinen Jazz-Combo in der Grünewaldhalle bei einem Beatwettbewerb von Terres des Hommnes mit Jürgen Wuchner am Bass, Michel Eicken am Klavier, Kurt Steiner am Saxophon und mir an den Drums. Das sogeannte „Hans-Büttner-Trio“ sprengte die Veranstaltung durch Freejazz und mit einem Aufruf zur Unterstützung der Revolution in der Dritten Welt. „Es lebe Che Guevara“ war der Ruf, bevor der Strom abgeschaltet wurde, Flugblätter vom Balkon flogen und der anschließende Tumult zur Unterbrechung der Veranstaltung führte. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Der SDS stürmte die Bühne!“ Und im Kommentar hieß es: „Ein harter Gegenschlag ist überfällig!“

Der Durchbruch war der Auftritt des NPD-Vorsitzenden Thadden in der Dämmer Turnhalle 1969. Sowohl in der Halle protestierten die Menschen und wurden von den NPD-Ordnern herausgeprügelt (Wolfgang M.), wie auch außerhalb; und es gab Rangeleien mit der hiesigen Stadtpolizei und der Landpolizei, die damals noch getrennt waren. Anwesende Mitglieder des SDS Heidelberg rieten uns, eine „Basisgruppe“ zu bilden und uns so zu organisieren. Das war der entscheidende Funke. Wir trafen uns fortan in einem Kreis von ca. 30 Leuten, um den antiautoritären Widerstand zu organisieren. Durch die direkten Verbindungen über Dieter Peatz und Wolfgang Fischer zum SDS Frankfurt, über Jean Müller zu den Trotzkisten und über meine Kontakte zum SDS Darmstadt waren wir auch ideologisch von dieser SDS Strömung geprägt. Anarchosyndikalistische Theorien überzeugten auch uns. Der spanische Bürgerkrieg wurde diskutiert, Souchy gelesen, der Staatssozialismus á la Sowjetunion und DDR abgelehnt. Die Basisgruppe unterteilte sich in die Theorie-und-Praxis-Gruppe, die Arbeiter-und-Lehrlings-Gruppe und die Schülergruppe. Getroffen hat man sich im Hofgarten, im Nebenraum „Bauernstube“, und später im angemieteten Keller in Damm, im „Aktionszentrum“ Behlenstraße 2. Immer beäugt von Zivilpolizisten, die mit ihren Autos in dieser Straße standen. Die Nähe zum Frankfurter SDS führte dazu, dass die Basisgruppe sich der Regionalgruppe des SDS für das Umland von Frankfurt anschloss, der Föderation Neue Linke (FNL). Zu dieser Gruppe gehörten auch die FNL Schlüchtern und Frankfurt. Von Frankfurt aus wurden wir betreut, u.a. auch von Mathias Beltz und Winfried Böse. Der erstere wurde später ein bekannter Kabarettist und ist leider verstorben; ein Zitat von ihm: „Parmesan und Partisan – wo seid ihr geblieben. Parmesan und Partisan – alles wird zerrieben!“ Der andere ging später in den Untergrund und wurde in Mogadischu bei einer Flugzeugentführung erschossen.

Das steigende Selbstbewusstsein der Aschaffenburger führte 1970 zur Abnabelung und zu selbstständigen Aktionen. So organisierte die Basisgruppe/FNL gemeinsam mit den Schülervertretungen vom Dalberg-Gymnasium und Kronberg-Gymnasium einen Schülerstreik mit Demo gegen den Numerus Clausus am 11. März 1970. Rund 600 Schülerinnen und Schüler marschierten unangemeldet vom Kronberg-Gymnasium über das Dalberg-Gymnasium zur Maria-Ward-Schule, um diese zu stürmen, was Teilweise gelang. Danach ging es verstärkt durch die Innenstadt zum Dessauer-Gymnasium und wieder zurück. Polizei und Establishment waren überrascht und geschockt.

Beeinflusst von der Entwicklung in der BRD, die hin zur Gründung von K-Gruppen ging, brachten einzelne Personen – u.a. aus Ulm – die Diskussion über die Gründung von starken kommunistischen Organisationen und den Anschluss an solche Parteigründungsversuche auch in die Basisgruppe/FNL Aschaffenburg. Sowohl trotzkistische wie auch maoistische Theorien über den Parteiaufbau stritten um die Wette. Der Einfluss der DKP war bei den anarchosyndikalistischen, antiautoritär angehauchten jungen Revolutionären in Aschaffenburg in dieser Phase aber gering.

Kommunal: Wie würdest Du diese Organisationsansätze von damals heute einschätzen?

JB: Die Geschichte wiederholt sich. Was aber früher als Tragödie geendet hat – als Stalinismus und Bolschewisierung der KPD – endete in den 70er Jahren als Farce. Linksdemokraten hatten in diesen Organisationen keine Chance. Die Ausschliesser klopften dann auch 1979 an die Türe der Dissidenten und Kritiker. Sie holten aber nur die nichtöffentlichen Dokumente ab. Als Person selbst blieb man verschont, anders als 1936 im Hotel Lux. Aber die Theorien und Organisationsansätze waren die gleichen. Leider ist diese Zersplitterung und Dogmatisierung der K-Gruppen eine Sackgasse gewesen. Das sich erhaltene kritische Potential und die Reste der antiautoritären Bewegung von 1968 konnten aber über diese graue Zeit hinweg kin die Alternativbewegung ab 1980 hinübergerettet werden.

Kommunal: Das war, wie wir aus verschiedenen Quellen immer wieder erfahren, eine Aufbruchstimmung damals. Kannst Du das auch für Aschaffenburg feststellen bzw. aus der Aschaffenburger Erfahrung etwas näher erläutern?

JB: Gemeinsam mit der kleinen „Kulturrevolution“ in der westlichen Welt, der Beat- und Rockmusikgeneration ab 1963, mit Beatles, Stones und Pretty Things bis Jimi Hendrix, und den antiautoritären, internationalistischen und antifaschistischen Ideen der 68er, war diese Jugendbewegung revolutionär. Wir ließen uns nichts mehr gefallen. Ob lange Haare oder abweichende Ideen, wir trotzten gegen diese verknöcherte Adenauer-Ära mit Nyltesthemden, Schlips und Kragen, „Sauberkeit und Recht und Ordnung“. Wir erklärten uns solidarisch mit der Opposition gegen die griechische Diktatur und gingen auf die Straße gegen den Krieg in Vietnam. Wir sahen uns natürlich als weltweite Bewegung – solidarisch mit den Studenten in Berkley und den Roten Garden in Peking. Ob Peace-Symbol, Mao-Abzeichen oder Hammer und Sichel mit rotem Stern – wir trugen dies als Provokation. „Stürzt die Autoritäten und kämpft gegen Ausbeutung und Unterdrückung in der ganzen Welt“ war unsere Losung. Mit Kleinkram wie Kommunalpolitik gaben wir uns nicht ab. Die Weltrevolution – wie auch immer dieses diffuse Konstrukt aussehen sollte – war unser Ziel. „Kinderkrankheiten“ im leninschen Sinn paarten sich mit subjektivistischen Ideen und Wünschen. Kein Wunder, dass später „alte“ autoritäre Organisationsmodelle von kommunistischen Parteien, die in Konkurrenz zur antiautoritären Bewegung standen, als Ausweg gesehen wurden.

Kommunal: Was habt Ihr damals für möglich gehalten bezüglich der gesellschaftlichen Entwicklung?

JB: Wir haben natürlich an die revolutionäre Umgestaltungsmöglichkeit der BRD geglaubt. Zusammen mit den Befreiungskämpfen der Dritten Welt würden wir auch die Menschen hier dazu gewinnen können – vor allem die Werktätigen – über den Kampf auf der Straße, den Generalstreik und den „Sturm auf das Winterpalais“ eine revolutionäre Umgestaltung dieser kapitalistischen BRD zu erreichen. Und das innerhalb von zehn bis 15 Jahren. Wir wollten dies auf jeden Fall in nächster Zeit erleben.

Kommunal: Die Frage, die sich immer stellt: Was lernen wir daraus? Kann die Anfangszeit der linken Bewegungen heute eine Lehre sein, wie wir es besser machen oder auch keinesfalls machen sollten?

JB: Die grundlegende Lehre lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Wer sich nicht wehrt – lebt verkehrt! Selbst die Losung „Rebellion ist gerechtfertigt“ auf der damaligen Zeitung Rebell kann dazu hergenommen werden. Rückgrat zeigen, für die Unterdrückten und gegen alle Unterdrücker in der Welt sich einsetzen, für Demokratie und Gerechtigkeit kämpfen, ja sogar die Ziele der französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – das alles sind auch heute und immer wieder Einsichten unserer Aufbruchsstimmung aus 1968! Heinrich Heine hat diese Grunderkenntnis sehr gut zusammengefasst: „Schlage die Trommel und fürchte Dich nicht und küsse die Marketenderin – das ist die ganze Wissenschaft – das ist des Lebens tiefster Sinn!“

Kommunal: Im Vergleich zu heute scheint manchen die Zeit damals als schier paradiesisch. Ist heute – wenn Du Deine eigene Erfahrung als Maßstab nimmst – eine besonders schlechte Zeit, was gesellschaftliche Bewegungen betrifft?

JB: Die Zeit damals war nicht paradiesisch, wenn damit das Aufsaugen von umwälzlerischen Ideen gemeint ist. Unruhige Zeiten kommen immer wieder. In Wellen entstehen Bewegungen und fordern unseren Einsatz. Weltweit, europäisch oder national. Ob die Bewegung gegen die Wiederbewaffnung 1958, die Kulturrebellion der Beatgeneration 1965, die 68er als internationaler Aufbruch, die Anti-AKW-Bewegung 1975 bis 78, die Gründung der alternativen Bewegung und Grünen Partei, die Friedensbewegung 1982 bis 86, die Bürgerninitiativbewegung ab Ende der 80er Jahre, der Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und gegen Rechts Anfang der 90er, nach dem Fall der Mauer, in Auseinandersetzung zwischen radikal linken – z. B beim KB - und linken Reformansätzen wie in der PDS, der Kampf um die Abschaltung der Atomanlagen, Stuttgart 21 oder heute die Piraten: Wir müssen immer wieder neu denken. Wir dürfen nicht verknöchern und uns unflexibel verkriechen. Den Auseinandersetzungen stellen, den Wind um die Nase pfeifen lassen – wie Käthe Kollwitz auf einem Holzschnitt zum Tode Karl Liebknechts ihn darstellte und darunter schrieb: „Sturm, mein Geselle, du liebst mich!“

Kommunal: Wir danken Dir herzlich für dieses Interview!