„Skandal, dass Menschen, die das Fest von Anfang an maßgeblich mitgestaltet haben, diese Konsequenz ziehen mussten“

Leserbrief zum Artikel „Fünf türkische Vereine verlassen »Brüderschaft«“ und Kommentar „Das Feld zu räumen, ist falsch“, MAIN-ECHO, 07.06.2012; mehrere Gruppen hatten ihre Beteiligung am Aschaffenburger Fest „Brüderschaft der Völker“ zurückgezogen, nachdem die Organisation DITIB dort mitwirken durfte.

Das Bestreben der Stadt Aschaffenburg, einen weiteren islamischen Verein zu integrieren, ist vor dem erstarkenden Anti-Islamismus sehr zu begrüßen. Wir haben aber den Eindruck, dass die Intention besagter fünf Vereine leider nicht ganz ernst genommen wird. So müsste sich unseres Erachtens niemand vom Zeitpunkt „vor den Kopf gestoßen“ fühlen, wer den Prozess kennt und den Entschluss heranreifen sah. Wir im Bündnis gegen Rechts kannten ihn spätestens seit vier Wochen, als wir nämlich mit VertreterInnen der besagten Vereine selbst gesprochen haben. Alle fünf Vereine sind seit vielen Jahren Bündnis-Partner, manche von Anfang an.
Wir stehen solidarisch zu ihnen, nach unserem Gespräch auch in diesem Beschluss. Die Kommentatorin, die sich anmaßt, diesen als falsch zu beurteilen, hat offensichtlich nicht m i t VereinsvertreterInnen gesprochen, bevor sie ü b e r sie geschrieben hat.
Sonst hätte sie die Bedenken von VertreterInnen der Stadt ausräumen können, dass »DITIB als Ganzes gesehen wird und nicht als DITIB Aschaffenburg«. Das Problem besteht nämlich für die fünf Vereinen gerade darin, dass es keine eigenständige, unabhängige DITIB Aschaffenburg e. V. gibt. Auch die VertreterInnen der Stadt wissen z.B. davon, dass die größte DITIB-Moschee Berlins 2007 den türkischen Rechtsextremen (Graue Wölfe) zu einer Gedenkfeier ihres Oberwolfes überlassen wurde. Und das ist nicht das Einzige, was gegen diesen Verein vorliegt. Nicht der religiöse Charakter ist das Problem, sondern seine Abhängigkeit und politische Inanspruchnahme von der türkischen Regierung. Dieser Sachverhalt wird, wenn nicht übergangen, so doch relativiert und ist auch mit einer Erklärung nicht ausgeräumt, die z.B. die wunden Punkte der historischen Beurteilung der Aleviten-Verfolgung, die menschenrechtliche Situation in den kurdischen Gebieten und die politische Verfolgung von linken Organisationen nicht berührt. Die Aussage eines stellvertretenden Vorsitzenden eines Vereins, der im Dienst des türkischen Staates steht, er habe mit der Türkei nichts zu tun, mutet schon sehr seltsam an.
Sehr verwundert sind wir über das Bedauern, die Vielfalt türkischer Verhältnisse würde nun nicht mehr dargestellt. Welche Organisation würde gerne die Darstellung der Vielfalt der deutschen Gesellschaft sichern und mitfeiern, wo bereits eine deutsche nationalistische Gruppe eingeladen ist?
Für wissentlich falsch halten wir auch die wiederholte Behauptung, das Fest habe den Jugoslawienkrieg ohne Verlust überstanden. Unseres Wissens hat es sehr wohl Unvereinbarkeiten zwischen Serben und Kroaten gegeben, woraufhin die Serben leider auch nicht mehr dabei sind.
Ja, für uns ist es schon ein Skandal, dass Menschen, die das Fest von Anfang an maßgeblich mitgestaltet haben, diese Konsequenz ziehen mussten, dass der Stadt die Teilnahme von DITIB wichtiger war, die genau die türkischen politischen Kräfte repräsentiert, deretwegen Mitglieder der Vereine sich einmal gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen. Das Fest „Brüderschaft der Völker“ war für sie und für uns immer auch bestimmt von der Solidarität mit ihrem Kampf für das Recht auf Selbstbestimmung, gerade auch dort, wo diese noch fehlt. Ein Bekenntnis zu dieser Solidarität würde im Widerspruch zur offiziellen türkischen Linie stehen. Diesen haben wir aus DITIB-Kreisen noch nicht vernommen.

Bündnis gegen Rechts, Aschaffenburg


1 Antwort auf “„Skandal, dass Menschen, die das Fest von Anfang an maßgeblich mitgestaltet haben, diese Konsequenz ziehen mussten“”


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