Türkische Gruppen gegen den türkischen Staat

Fünf türksiche Vereine – darunter die Alevitische Gemeinde Miltenberg – nahmen in diesem Jahr am Aschaffenburger Fest „Brüderschaft der Völker“ (über dessen Namen auch mal nachgedacht werden müsste) nicht teil. Sie protestierten damit gegen die Aufnahme der türkisch-staatlichen organisation DITIB ins Fest. In einer Veranstaltung in Aschaffenburg diskutierten nun 50 Interessierte über diesen Vorfall.
Auf den Punkt brachte es dabei Salih Acig vom Vorstand des Internationalen Kulturzentrums: »Wenn sechs Vereine aus derselben Gegend kommen und fünf sagen, mit denen nicht, ist es arrogant zu behaupten, dies sei eine demokratische Entscheidung. Wir sind nicht bereit mit unserem Peiniger, dem türkischen Staat, ein Fest zu feiern.«


1 Antwort auf “Türkische Gruppen gegen den türkischen Staat”


  1. 1 Main-Echo von heute 04. Juli 2012 um 12:49 Uhr

    ME 04.07.12

    Deshalb verzichten fünf Vereine auf Teilnahme
    Diskussion: Nach der Absage für das diesjährige Brüderschafts-Fest erläutern fünf türkische Vereine ihre Motive

    Aschaffenburger Fest »Brü­der­schaft der Völ­ker«

    Vertreter von fünf türkischen Vereine haben am Montagabend erläutert, warum sie dieses Jahr nicht beim Fest »Brüderschaft der Völker« mitmachen. Wie bereits berichtet, nehmen sie nicht teil, weil erstmals auch der Verein Ditib-Moschee dabei ist. 50 Zuhörer kamen zur Diskussion in die Stadthalle; Reinhard Frankl (Bündnis gegen Rechts) moderierte.

    Die Diskussion um das Fest »Brüderschaft der Völker« geht weiter. Auf dem Podium: Ercan Geygel (Alevitische Gemeinde), Özcan Pancarci (Halkevi), Moderator Reinhard Frankl (Bündnis gegen Rechts), Salih Acig (Ikuz) und Ralf Heck (Städtepartnerschaft Bingöl). Foto: Björn Friedrich

    Auf dem Podium saßen Ercan Geygel, Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Aschaffenburg, Salih Acig vom Internationalen Kulturzentrum (Ikuz), der Halkevi-Vorsitzende Özcan Pancarci und Ralf Heck von der Städtepartnerschaft Bingöl. Fadime Kalender (Aleviten Miltenberg) war nicht gekommen, da ihr Verein zeitgleich ein Gedenken abhielt. Vertreter des Vereins Ditib-Moschee waren nicht aufs Podium gebeten worden.

    Gedenken an Sivas

    Die Diskussion begann mit einer Gedenkminute. Am Montag jährte sich das Massaker in Sivas. Am 2. Juli 1993 waren während eines Kulturfestivals 35 Menschen in einem Hotel verbrannt, darunter Kulturschaffende alevitischen Glaubens. Polizei und Rettungskräfte griffen erst Stunden später ein. Laut Mitteilung der Aleviten umzingelte »eine religiös fanatische und aufgebrachte Menschenmenge das Madimak Hotel und warf Brandsätze«.
    Der Bitte, der Opfer zu gedenken, kamen die Zuhörer nach. Später wünschte sich Gabriele Lautenschläger, Beauftragte für interreligiösen Dialog in der Diözese Würzburg, eine »klare Kultur des Gedenkens«. Sie bat darum, »Sivas nicht für politische Agitation zu instrumentalisieren«. Das gebiete der Respekt vor den Opfern.
    Özcan Pancarci (Halkevi) las eine Erklärung der fünf Vereine vor. Sie seien sich bewusst gewesen, dass sie durch ihre Nichtteilnahme am Fest, eine kontroverse Diskussion auslösen würden. Sie hätten »keine Phobie gegen Mitglieder der Ditib-Moschee«, die überwiegende Mehrheit seien »tolerante und friedliche Menschen«. Der Dialog dürfe nicht wegen der Diskrepanz beim Brüderschafts-Fest abbrechen. Pancarci: »Der Dialog ist unverzichtbar. Wir müssen miteinander reden und nicht übereinander.«
    Durch die Teilnahme von Ditib seien »Gruppen, die sich in ihrem Heimatland unterdrückt fühlen, mit einem staatlich unterstützten Verein konfrontiert«. Es sei »scheinheilig«, zu sagen, die Politik in der Türkei gehe Ditib nichts an. »Die Menschen in Aschaffenburg sind nicht verantwortlich für die Situation in der Türkei, werden aber als Vertreter dieser Politik gesehen.« Staatliche Organisationen müssten die Meinung der Regierung vertreten. Wer bei der Stadt beschäftigt sei, könne auch nicht öffentlich die Politik der Stadt kritisieren.
    Oliver Theiß vom Büro des Oberbürgermeisters sagte: »Klar, kann jemand, der für die Stadt arbeitet, sie nicht öffentlich kritisieren. Aber als Individuum nehme ich von einer Veranstaltung etwas mit und verändere damit die Diskussion.« Sein Fazit: Mache Ditib mit, nähmen die Mitglieder neue Impulse mit. »Jeder Einzelne verändert doch seine Gruppe.«

    »Nie Recherchen angestellt«

    Gabriele Lautenschläger sagte, es sei wünschenswert, dass sich Ditib von der türkischen Politik distanziere. Sie berichtete von einer Referentin, die sie zu einer Iran-Konferenz eingeladen hatte. Die Frau habe damals gebeten, sich nicht öffentlich zur politischen Situation im Iran äußern zu müssen, damit sie weiter ihre Verwandten dort besuchen könne. Im Fall Ditib sei es ähnlich: »Der Artikel 301 im türkischen Strafgesetzbuch stellt die Beleidigung des türkischen Staats unter Strafe.« Lautenschläger: »Kann ich hier von Menschen verlangen, Stellungnahmen zu schreiben, die in ihrer Heimat dazu führen könnten, dass sie strafrechtlich verfolgt werden?«
    Michael Narloch, der am selben Tag für sein Engagement beim Brüderschafts-Fest das Ehrenzeichen des Ministerpräsidenten bekommen hatte, erinnerte daran, dass die Organisatoren früher nie Recherchen angestellt hätten: »Wir haben nie gefragt: Wo kommst du her?« Zu den jugoslawischen Gruppen habe man gesagt: »Da unten könnt ihr Krieg machen, aber in Aschaffenburg nicht.«
    Uli Kratz, Geschäftsführer des Stadtjugendrings, bedauerte den Ausstieg der fünf Vereine, »da sie wesentlich zum Aufbau und zur Etablierung des Fests beigetragen haben«. Lernprozesse entstünden aus gegenseitigem Kennenlernen: »Man sollte Ditib die Chance geben, die Werte des Fests mitzutragen und mitzunehmen.«

    »Fuß des türkischen Staats«

    Salih Acig aus dem Ikuz-Vorstand kritisierte den Entscheidungsprozess: »Wenn sechs Vereine aus derselben Gegend kommen und fünf sagen, mit denen nicht, ist es arrogant zu behaupten, dies sei eine demokratische Entscheidung. Wir sind nicht bereit mit unserem Peiniger, dem türkischen Staat, ein Fest zu feiern.« Zuhörer Christoph Schwandt bezeichnete Ditib »als Fuß des türkischen Staats in der Tür der deutschen Gesellschaft«. Ihm sei deswegen »mulmig«.
    »Konflikte sind eine Chance, dass sich etwas löst«, sagte Ercan Geygel von den Aschaffenburger Aleviten. »Wir reden über Ditib, aber es ist kein Vertreter von Ditib da. Die Dialogbereitschaft muss da sein.«

    Einladung um 16.07 Uhr

    Die fünf Vereine hatten öffentlich zu der Diskussion eingeladen (siehe Main-Echo vom Samstag). Ditib bekam eine eigene Einladung am Montag um 16.07 Uhr (etwa drei Stunden vor der Veranstaltung) per E-Mail. »Das ist kindisch«, sagte Bayram Hendes von der Ditib-Moschee auf Nachfrage. Er habe Özcan Pancarci schon vor längerer Zeit gebeten, ihm Fragen zu schicken, damit sich Ditib-Vertreter auf die Veranstaltung vorbereiten könnten. Die Fragen habe er nicht bekommen.
    Oliver Theiß zitierte während der Diskussion aus dem Integrationsleitbild der Stadt, an dem auch die fünf Vereine und Ditib mitgearbeitet haben: »Für alle Bürger muss die gleichberechtigte Teilhabe an allen städtischen Angeboten gewährleistet sein.« Deshalb könne man Bürger, die sich bei Ditib engagieren, nicht ausschließen.
    Ralf Heck von der Städtepartnerschaft Bingöl sieht den Ausstieg vom Fest 2012 »nicht als Rückzug, sondern als Schritt nach vorne«. Die Entscheidung habe eine Diskussion ausgelöst und das sei gut. Fee Berthold

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