Nazi-Aktivitäten überschatten am Untermain den Gedenktag zum 9. November

Im Jahr 2012 machten nicht nur diverse extrem rechte Aktionen am bayerischen Untermain von sich reden; es wurde auch bekannt, dass zwei Nazi-Terroristen in den neunzigern in Aschaffenburg bei mindestens einer Demonstration aufgetaucht waren.
So berichtete das Main-Echo, dass „fast genau ein Jahr nach der Selbstenttarnung der Zwickauer Terrorzelle feststeht: Böhnhardt und Mundlos marschierten 1996 bei einer Neonazi-Kundgebung durch Aschaffenburg.“ (ME, 09.11.12) „Unklar ist daher, warum unsere Zeitung nach ersten Gerüchten über den Besuch von Böhnhardt und Mundlos in Aschaffenburg mit Anfragen bei den Sicherheitsbehörden zunächst abblitzte. Auch Verfassungsschutz und Generalbundesanwaltschaft verweigerten eine Bestätigung der Teilnahme der Terroristen am `Münstermann-Marsch´“. (ebd.) Und weiter im Main-Echo: „Antifaschisten vom Untermain indes werten die Teilnahme der späteren NSU-Terroristen an der Aschaffenburger Demo als Beleg für die Zusammenarbeit der regionalen Rechtsextremisten mit militanten Neonazis.“ (ebd.)
Eben diese Antifaschisten mussten aber auch eindeutig feststellen: „Dem Main-Echo liegen die Fotos des Münstermann-Aufmarsch bereits seit Januar 2012 vor. Sie wurden nicht veröffentlicht, weil sich das Main-Echo eine Bestätigung vom Staatsschutz einholen wollte. Diese Bestätigung, dass es tatsächlich Böhnhardt und Mundlos auf den Bildern sind, hat der Staatssschutz nicht gegeben. Auch im Nachhinein können die Sicherheitsbehörden also munter herumpfuschen und ihre Interessen durchsetzen. Die Medien spielen mit.“ (aburg.org) Dem ist nichts hinzuzufügen.
„Weitere aktuelle Vorfälle lenken am heutigen Gedenktag zur Pogromnacht 1938 den Blick auf die regionale rechte Szene: Mehrfach im Oktober werden Stromkästen im Kreis Aschaffenburg mit Naziparolen besprüht, im Kreis Miltenberg wird am 16. Oktober ein Rechtsextremist festgenommen – die Polizei findet bei dem 31-jährigen Skinhead mehrere Waffen.“ (ME, ebd.) Und die Zeitung berichtet auch von „Bürgern, die sich gegen faschistische Tendenzen engagieren: Sie seien von Rechtsradikalen Mitte Oktober nach einer Aufklärungsveranstaltung in Haibach unter anderem am Telefon bedroht worden. Der Aschaffenburger Gewerkschafter Reinhard Frankl berichtet sogar von einem »Hausbesuch« eines Laufacher Ehepaars, das seit Jahren bundesweit in der rechten Szene aktiv ist und heute in der NPD prominente Funktionen bekleidet: Sigrid und Falko Schüßler.“ (ebd.) „In den Tagen um den Besuch bei Frankls wurde ein Flugblatt in Aschaffenburg, Bessenbach und Heimbuchenthal verteilt, in dem das Ehepaar Schüßler Frankl Verleumdung vorwirft. Zudem ist die Rede von einem `bewaffneten Anschlag´ auf Schüßlers Haus, den Frankls `linksautonome Freunde´ verübt hätten. Davon wissen Polizei und Staatsanwaltschaft nichts.“ (ebd.)
Am Rande der Gedenkveranstaltung in Miltenberg (siehe unten) wurde von 20 Personen eine Aufforderung an das Komitee des Aschaffenburger Mutig-Preises verabschiedet: Es solle den nächsten Preis an Reinhard Frankl vergeben (PDF).
Mit überaus wütenden und teils lächerlichen Reaktionen ließ die NPD nicht lange auf sich warten. Aus Dokumentationszwecken sei hier auf einige davon kurz eingegangen (PDF), eine längere Beschäftigung mit dem Bellen getroffener (brauner) Hunde ist aber wirklich nicht nötig.

Der 9. November in Aschaffenburg …
Bericht von Johannes Büttner

Zur Gedenkveranstaltung am 9. November 2012 am Wolfsthalplatz kamen diesmal nur rund 60 Perso­nen. Dies ist wohl dem Zeitpunkt 14 Uhr geschuldet. Zum Gedenkmarsch an das Pogrom 1938  und zum Protestmarsch gegen die alten und neuen Nazis und den NSU-Terror – aufgerufen vom Bündnis gegen Rechts um 15:30 Uhr – kamen rund 150 Personen. Die Kundgebung an der Sandkirche, unter dem Titel „Der Schoß ist fruchtbar noch“, wurde von 200 – vor allem jungen Menschen – besucht. Dies ist eine erfreuliche Tatsache. Der Chor der Fachakademie für Kinderpflege – mit seinen 40 Akteuren – umrahmte die Veranstal­tung. Mit mehreren jiddischen Liedern begeisterten sie die Zuhörer.

Die zwei Redner des Bündnisses, Reinhard Frankl (Rede als PDF) und Johannes Büttner, gingen auf die Einschüchterungs­versuche von Neonazis gegen Antifaschisten ein und beleuchteten auch die Rolle des Verfassungsschutzes. Reinhard Frankl, selbst Opfer von Einschüchterungsversuchen, bedankte sich für die Solidarität, die ihm ent­gegengebracht wurde, mit den Worten: „Freude und Mut gibt mir die Solidarität, die mir in den letzten Tagen im Bündnis, in meiner Gewerkschaft, im DGB, von LIN­KEN, SPDlern und GRÜNEN, ja, und auch von Ober­bürgermeister und den Fraktionen im Stadtrat ent­gegenkam. So verstehe ich jedenfalls die Resolution zur Meinungsfreiheit vom letzten Montag.“ Er sprach für Teilnehmer der Kundgebung als er feststellte: „Faschis­mus und Rassismus dürfen nicht unter die Meinungsfreiheit fallen, sie sind für uns unerträglich.“
Johannes Büttner ging auf die Rolle des Verfassungsschutzes ein und auf den allgegenwärtigen Rassismus. Dieser sei die Ursache für die Verbrechen und die Verschleierung der Taten der NSU-Morde. Rassisten gebe es auch in den Behörden von Polizei und Verfassungsschutz. Ein Geheimdienst, der sich demokratischer Kontrolle entzieht und Neonazis mit Geld und Waffen unterstützt, gehört aufgelöst.

… und in Miltenberg
Auszüge aus dem Beitrag von Julie Hofmann im Boten vom Untermain

„Am 2. Dezember 1941 kommt die Jüdin Ida Schmitt aus Miltenberg ihrer geplanten Deportation zuvor – auf dem Friedhof nimmt sie Arsen ein und schneidet sich die Pulsadern auf.“ (BvU, 12.11.12) „Eine lange Zeit ist seither vergangen, und vielerorts scheinen die Geschichten der Opfer des Naziterrors, die in der Stadt gelebt und auch gelitten haben, fast vergessen. Um die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten, haben die katholische und evangelische Gemeinde zusammen mit dem Caritas-Treffpunkt Café Farbe und dem Initiativkreis 9. November zu einer Gedenkveranstaltung aufgerufen. Am Abend des (…) 9. November (…) haben sich gut 80 Menschen zum gemeinsamen Gedenken in Miltenberg getroffen.

`Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.´ – So lautete der Schwur der befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald. Auf ein Leinenbanner gemalt und von zwei jungen Männern getragen, stimmte dieser Spruch die Anwesenden im abendlichen Halbdunkel vor der Pfarrkirche St. Jakobus bereits auf die Veranstaltung ein.
Nach erinnernden Worten der katholischen Gemeindereferentin Maria Fostner ging es zum Wohnhaus der Jüdin Mira Marx – oder der `Marxe Mira´, wie die angesehene Miltenbergerin auch genannt wurde“ (ebd.), wo „1942 einige der letzten elf Juden Miltenbergs zusammengepfercht“ (ebd.) waren und auf ihre Deportation warteten.
„Nach einem Gedenkzug durch die Miltenberger Innenstadt versammelten sich die Teilnehmer (…) vor der evangelischen Kirche. In deren Sichtweite hatte sich vor über 70 Jahren Ida Schmitt das Leben genommen aufgrund `völliger Verzweiflung, da Judengesetzgebung in Anwendung kam´.
So ist es im Sterbebuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde Miltenbergs vermerkt. Die als gütig und freigiebig bekannte Kauffrau, die zusammen mit ihrem Ehemann ein Kolonialwarengeschäft am Engelplatz betrieben hatte, kam damit ihrer Verlegung in die Judensammelunterkunft bei Mira Marx und letztendlich auch ihrer Deportation zuvor.
Obwohl sie bereits 1912 zum evangelischen Christentum konvertiert war, um ihren Mann heiraten zu können, gestaltete sich die Frage nach ihrer Bestattung sehr schwierig. Zuletzt entschied man sich dafür, Ida Schmitt auf dem neuen jüdischen Friedhof durch den evangelischen Pfarrer beisetzen zu lassen, jedoch unter Ausschluss der Gemeinde.“ (ebd.)

„Von der Johanneskirche kommend, versammelte sich die Gruppe im Café Farbe, wo Martin Pechtold (Rede, externer Link) und Christine Speer-Akdeniz mit Redebeiträgen nicht nur einen historischen Abriss der Ereignisse gaben, sondern auch zum kritischen Nachdenken über die NS-Zeit sowie über Zivilcourage allgemein anregten.“ (ebd.)
„Darüber hinaus bewiesen drei Künstler, dass Musik eine äußerst geeignete Form der Erinnerungsbewahrung darstellt. So sang Rüdiger Horn das bewegende jiddische Lied `Dona Dona´, das (…) von einem Kälbchen handelt, das gefesselt zu seinem Schlachter gebracht wird – ein bildhaftes Symbol für die Judenvernichtung.
Einen neuartigen, aber gleichsam sehr eindringlichen Zugang zum Thema der modernen Erinnerungskultur lieferte das Musikprojekt `Das Stachel´. Audio-Zusammenschnitte von Fernsehberichterstattungen über den Nationalsozialismus waren hier beispielsweise geschickt mit elektronischen Beats unterlegt worden.“ (ebd.; siehe auch hier, externer Link)
„Diese Schöpfungen entwickelten eine Intensität, welche spürbar unter die Haut ging. Lieder gegen den Antisemitismus und zu den sozialen Problemen Deutschlands präsentierte auch Fabi Dubcek. Nach der eineinhalbstündigen Veranstaltung war das Ziel der Organisatoren, das Vergessene aus dem Dunkel ins Licht der Erinnerung zu holen, hinreichend geglückt. Besonders hervorzuheben ist auch die Teilnahme zahlreicher Jugendlicher an diesem Gedenktag.“ (ebd.)

Zusammenstellung: Red. Kommunal, 19.11.12
Weitere Informationen: hier und hier (externe Links)


1 Antwort auf “Nazi-Aktivitäten überschatten am Untermain den Gedenktag zum 9. November”


  1. 1 Weihnachten 3: Das Geschenk « Ende der Ausbaustrecke Pingback am 24. Dezember 2012 um 9:49 Uhr

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