Scheitern, Leiden und Tod – einige Anmerkungen

Martin Bayer

Das Erscheinen der arranca! Nr. 40 zum Thema „scheitern“ und insbesondere der Beitrag „16 Thesen zum Scheitern der Linken am Tod“ der Gruppe SOMOST haben dazu geführt, dass ich einige teils recht alte Gedanken überarbeitet und zusammengestellt habe. Ich stelle diese hiermit zur Diskussion.

1 – Scheitern ist bedingt durch das Handeln im Jetzt. Nur mit der jetzigen Information und dem jetzt wirksamen Nichtbewussten können wir handeln – und werden gegebenenfalls auch scheitern.

2 – Das bestehende System – nennen wir es Kapitalismus – nimmt den Menschen nicht als Wesen an sich wahr, sondern nur in seinen Funktionen als Produzent und Konsument. Nur dann hat der Mensch eine Existenzberechtigung. Unser Scheitern besteht überaus häufig gerade in einem Vergehen gegen diese kapitalistische Existenzberechtigung.

3 – Individuelles Scheitern ist nicht zu umgehen. Die Forderung des ewigen Nichtscheiterns, also des dauernden Erfolgs, ist eine partriarchale und kapitalistische Zumutung; Zustände, Bedingungen, Realitäten (die zum Scheitern führen) werden in ein angeblich selbst gestaltendes, grundsätzlich alles wissende Individuum verlegt, das eben individuell versagt.

3 – Scheitern ist Niederlage, bedeutet unterlegen zu sein, ist daher höchst unbeliebt in einer Konkurrenzgesellschaft; aber unvermeidbar.

4 – Auch im Scheitern vergewissert sich das Ego seiner selbst: Ich bin gescheitert. Nehmen wir dieses Ego nie zu ernst, es ist der kapitalistische Aufpasser in uns.

5- In dem tausendfach gescheiterten System, in dem wir leben, ist das Scheitern zwingend; es gibt letztendlich kein Richtiges im Falschen.

6 – Unser Scheitern (das individuelle wie das kollektive) darf weder eingeplant noch gewünscht werden (das wäre wegen der damit oft einhergehenden Angst und Not inhuman). Wenn wir aber fragend voranschreiten, dann ist ein Scheitern zumindest die Möglichkeit zum erneuten Lernen.

7 – Nur Zyniker und Besserwisser können nicht scheitern; sie sind es bereits.

8 – Scheitern kann Opfer bedeuten, insbesondere wenn es kollektives Scheitern ist. Opfer sind erklärbar, aber nie wirklich zu rechtfertigen. Den Opfern gilt unsere Trauer. Es ist besser, zu scheitern, um Opfer zu vermeiden, als unter vielen Opfern zu siegen. Hier unterscheidet sich jede Hoffnung auf Besseres von der Verteidigung des Bestehenden: Letztere hält das herrschende System für unabänderlich und alle – auch sehr hohe – Opfer für unvermeidbar und grundsätzlich berechtigt.

9 – Erfolg ist kein Name Gottes, sagte die Befreiungstheologin Dorothee Sölle; weltlich betrachtet heißt dies: Weder Erfolg noch Scheitern sagt etwas über die Richtigkeit einer Idee oder Handlung.

10 – Im Sieg liegt allzu oft das Scheitern. So ist der siegreiche Kapitalismus ein beständiges Scheitern mit allerhöchsten Opferzahlen.

11 – Alter und Krankheit werden als persönliches Versagen betrachtet, dem mit Anti-Aging und Wellness-Programmen, Operationen und anderen Mitteln entgegengewirkt werden muss. Die Möglichkeit, endlich kürzer zu treten und weniger Stress zu haben, wird durch die tausendfach propagierte moralische Pflicht zum „aktiven Unruhestand“ ersetzt. Da dieser geforderte „Unruhestand“ mit ganz bestimmten – die öffentlichen und privaten Kassen entlastenden – Arbeiten verbunden ist, kann hier nicht von Selbstbestimmung gesprochen werden.

12 – Letztendlich wird mit dem „Recht auf den Tod“ (Sterbehilfediskussion) die „Pflicht zum Tod“ bei kostenaufwändigen Erkrankungen vorbereitet.

13 – Der Tod wird in unserer Gesellschaft als letztes und größtes Scheitern begriffen, als Ausstieg aus dem Kreis der Verwertbaren und/oder Konsumierenden. Daher ist es sehr still um ihn geworden; er wird vielfältig verdrängt.

14 – Den Tod überwinden heißt, die vielen alltäglichen Tode überwinden, den sozialen, kulturellen, politischen Tod (also den endgültigen Ausschluss von gesellschaftlichen Möglichkeiten); den Tod überwinden heißt aber auch, den tatsächlich unnötigen biologischen Tod zu bekämpfen (z.B. der Migranten im Mittelmeer).

15 – Der biologische Tod aber kann nie endgültig überwunden werden. Dies ist eine patriarchale Omnipotenzvorstellung.

16 – Ohne Zulassen einer Transzendenzidee (die in der konkreten Vorstellung immer falsch ist, was aber nicht gegen sie spricht) betrügen wir uns. Es muss mehr als alles geben (Sölle).

17 – Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Sterben – und vor der Erkenntnis, sein Leben nicht wirklich gelebt zu haben.

18 – Solidarisch gegenüber den Sterbenden zu sein heißt hier: da sein, den Tod nicht ausschließen, beistehen. Solidarisch untereinander sein heißt: Rituale unserer Trauer zu entwickeln, die uns entsprechen; mag sein, dass Texte, Gemälde, Musik, Veranstaltungen, Publikationen – die speziell für den Anlass der Trauer um einen bestimmten Menschen entstehen – hier hilfreich sein können; ein übliches kollektives Besäufnis erfüllt diesen Zweck jedenfalls nur sehr unzureichend. Solidarisch untereinander sein heißt aber auch: den Tod nicht verdrängen, ihn als Teil es Lebens einplanen, ihm Raum geben.

2009

Editorische Anmerkung: Der Beitrag entstand ursprünglich für kommunal.tk und war dann bei disk.blogsport.de veröffentlicht, bis er auf kommunal.blogsport.de übernommen wurde; nachgedruckt wurde er auf somost.blogsport.de.


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