Faschismus mit rotem Nagellack

Zusammenstellung: Redaktion kommunal

„Sie trägt ein kurzes rotes Kleid, eine Haarspange, roten Nagellack. `Ich hab‘ mich aufgebrezelt´, sagt sie mit einem Lachen, das etwas aufgesetzt wirkt. Dann führt sie durch die Wohnung: Kuscheltiere, Bücherregal, Klavier, Bio-Äpfel, Selbstgebasteltes. Auf der Heizung liegt die Deutsche Stimme, auf dem Boden die Kinderzeitschrift Tierfreund. …Mit Begeisterung in den Augen beschreibt Schüßler, wie die Menschen im Wahlkampf auf sie reagiert haben: ungläubiges Entsetzen, wenn der NPD-Bus durch die Straßen fuhr, Polizisten, Demonstranten. Und dann bei manchen Irritation: `Keine Baselballschläger, keine Springerstiefel, kein Blutschaum vorm Mund.´ Genau das habe man erreichen wollen.“
Dies ist kein Auszug aus einem Beitrag der NPD-Zeitung Deutsche Stimme über ihre führende Funktionärin Sigrid Schüßler; dies ist tatsächlich ein Auszug aus einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 28.09.13 – eine Wochenendausgabe. Dass dieser journalistische Tiefschlag nicht unwidersprochen bleiben konnte, ist klar. Mehrere protestierende Briefe an die Redaktion der SZ sind kommunal bekannt. Diesen von Reinhard Frankl haben wir zur Veröffentlichung erbeten und die Genehmigung dazu erhalten:

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Gewerkschafter im Fadenkreuz von Sigrid und Falko Schüssler sowie deren freien Kameradschaften und Aktionsgruppen bitte ich um die Veröffentlichung des folgenden Leserbriefes:

Ja, die NPD hatte am 28.9.2013 auf ihrer Homepage allen Grund zum Feiern. „… wir hätten unsere Spitzenkandidatin kaum vorteilhafter präsentieren können“, jubeln die Nazis dort. Und aus der SZ lacht sie heraus, die selbst ernannte Nazi-Hexe Ragna, als Pin-up Girl für die rechten Kameraden in Szene gesetzt. Die Ausstrahlung „positiver Sexualität“ wird ihr bescheinigt und noch viel mehr. Einen farbigen Fünfspalter fast über die ganze Seite 6 hat die Süddeutsche der gelernten Selbstdarstellerin gespendet, um sie auch in die Wohnzimmer und Lesesessel der bürgerlichen Mitte zu lancieren. Natürlich unter Einhaltung der Schamfrist einer ganzen Woche nach den Wahlen. Als wäre mit der Auszählung der mickrigen 0,6% in Bayern der Kampf um Nazismus in den Köpfen erledigt.

Die wenigen Feigenblätter dürrer Fakten, die im Artikel um die Eva des rechten Pöbels gerankt werden, können nicht die nackte Werbewirkung bedecken und werden hinweggefegt von einem Schwall positiver Eigenschaftswörter: „weiblich, attraktiv, selbstbewusst, freundlich, bescheiden, professionell, gesund, normal, ungefährlich …“ Keine Rede von Übergriffen und Stalking-Briefen, von übelster, an den Haaren herbeigezogener Hetz-Rhetorik, von „Hausbesuchen“ in Nacht und Nebel bei antifaschistischen Gewerkschaftern, von Drohungen a la „wir wissen wo dein Haus steht“, falls der Wohnort Laufach noch einmal öffentlich genannt würde. Nun lesen wir ihn sogar fett in der SZ mit einer recht genauen Beschreibung von Haus und Garten. Kein Hinweis auf diese Doppelzüngigkeit der Hexe Ragna, nicht der geringste Versuch, die Inszenierung einer eigenen Opferrolle zu entlarven, die im Auftritt vor dem Mahnmal der Aschaffenburger Holocaustopfer auf dem Platz der ehemaligen Synagoge gipfelte, mit einem Schild in der Hand, in dem sie sich als die eigentlich Verfolgte darzustellen und unter Verhöhnung der Opfer die historischen Fakten auf den Kopf zu drehen versuchte.
Stattdessen die fette Chance, rechtsextremes Gedankengut und rassistische Praxis öffentlich als normal und gesund zu bezeichnen.

Nein, die junge, unbedarfte Schreiberin hat nicht die Hauptverantwortung für diese großseitige Nazi-PR. Die liegt in der Chefetage des Ressorts und darüber. Aus der Medien-Verantwortung im Kampf um die Köpfe, gegen Faschismus und Rassismus hat sich die SZ damit offensichtlich verabschiedet. Und die NPD lacht mit Recht: „Danke, ‚Süddeutsche‘!“


4 Antworten auf “Faschismus mit rotem Nagellack”


  1. 1 MP 06. Oktober 2013 um 9:59 Uhr

    Heute per Email an die Süddeutsche Zeitung:

    Sehr geehrte Redaktion,

    ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass hier am Untermain Ihr Beitrag mit der offenen Werbung für eine NPD-Funktionärin auf große Ablehnung stößt. Auch ich bin erschüttert über den entweder bodenlos naiven oder die NPD offen unterstützenden Beitrag Ihrer Mitarbeiterin.

    Als Mitarbeiter eines kirchlichen Wohlfahrtsverbandes habe ich leider mehr als nur einmal erleben müssen, wie extrem Rechte gegen Arme, Flüchtlinge, Kranke und Behinderte hetzten – und auch handgreiflich wurden. Auch Frau Schüßler stand auf dem Platz vor unserem Dienstgebäude, als die NPD ihre rassistischen und ausgrenzenden Parolen verbreitete.

    In der Hoffnung, dass der genannte Beitrag in Ihrer Zeitung ein Einzelfall bleibt
    verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

    MP

  1. 1 Seltsam: NPD verlinkt guten Beitrag « kommunal – Geschichte, Kultur und Politik Pingback am 07. Oktober 2013 um 8:53 Uhr
  2. 2 Seltsam: NPD verlinkt guten Beitrag « kommunal – Geschichte, Kultur und Politik Pingback am 07. Oktober 2013 um 8:53 Uhr
  3. 3 VS-Bericht und Untermain: Körperverletzung, die dümmsten Kondome der Welt, Propaganda und rechte Frauen « kommunal – Geschichte, Kultur und Politik Pingback am 28. März 2014 um 12:51 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


acht − sechs =