Mainufer und Volkszorn

Ein Kommentar von Manfred M. Krug

In Miltenberg kocht der Volkszorn. Was ist geschehen? Im Rahmen der Neugestaltung der Mainanlage wegen der zu errichtenden Hochwasserschutzmauer war in einer Bürgerbeteiligung die Rede von schöner und üppiger Begrünung, Spiel- und Bolzplätzen, Grillstellen, Gastronomie am Main und vielem mehr gewesen. Der nun fast fertige Hochwasserschutz-Bauabschnitt zwischen Pfarrkirche und Hotel Rose soll aber lediglich alle 26 Meter einen zudem sehr kleinen Baum und einige Pflanzkübel beinhalten.

Nun überschlagen sich Bürgerinnen und Bürger mit Leserbriefen im Boten vom Untermain, ein Anwohner des Schwarzviertels – für Nichtmiltenberger: der Stadtteil vom historischen Marktplatz bis zum Hotel Rose – hat nun sogar eine Unterschriftenaktion gestartet. Auch er verweist auf das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK), das 2010 durch Stadt und Planungsbüro Holl durchgeführt wurde und unter aufwändiger Beteiligung der Bürgerschaft Ziele formulierte wie eben die Begrünung und die Belustigungsmöglichkeiten am Main.

Leider gibt es auch bei dieser Unterschriftenaktion wie bei vielen Leserinnen- und Leser-Briefen ein ganz großes Missverständnis: Alle, die sich dazu äußerten, nahmen die ISEK-Befragung ernst. Das aber war nie so geplant. Die Bürgerbeteiligung war Voraussetzung für freistaatliche Gelder, ernst gemeint war die niemals! Es kamen ja auch Sachen dabei heraus, die rein rechtlich und vernünftig gar nicht umzusetzen sind. Ein Spielplatz am Main in Höhe des Schwarzviertels zum Beispiel ist grober Unfug! Die Kids würden sofort in den Fluss fallen, so wenig Platz ist da vorhanden.

Erfahrene Miltenbergerinnen und geplagte Miltenberger haben aber noch ein ganz anderes Argument gegen zu üppigen Grünwuchs, gegen schöne Uferpromenaden und netten Schnickschnack. Denn wer es wissen will, der weiß es auch: Alles, was die Miltenberger Altstadt verschönert, sorgt für noch mehr an Ekel-Tourismus. Diese Krampfadergeschwader, Dickbauchherren und – noch schlimmer – saufenden Kegelclubs aus aller Herren (und Frauen) Länder verstopfen die Straßen und Gassen, sorgen aber in keiner Weise für die ökonomische Belebung der Stadt (was sonst Aufgabe des Tourismus wäre), sondern bringen oft sogar eigene Fremden-Führer (was für ein Wort!) mit, übernachten gerne auf Reise-Schiffen, für die unter hohen Kosten sogar eine eigene Anlegestelle gebaut wurde, essen dort auch; oder unser Touri kommt mit dem Bus für einen Tag, besucht aber kaum die einheimische Gastronomie, sonder kauft sein Würstchen und das Flaschenbier beim Busfahrer. Für diese Freizeitterroristen aber sollte kein Ufer verschönert, kein Geld ausgegeben, kein Baum gepflanzt werden. Warum auch?

Interessant aber ist zu sehen, an was sich der Volkszorn in Miltenberg so heftig entzündet. Nicht an der beschissenen Lage der in der Stadt zahlreichen Arbeitslosengeld-II-Beziehenden; nicht an den Aufmärschen der NPD im vergangenen Wahlkampf; nicht an einem völlig unterfinanzierten Jugendzentrum (eine halbe Sozialarbeiterstelle ist alles, was dort für Personal investiert wurde). Der Volkszorn, der genau deshalb der Zorn des deutschen Volkes ist, entzündet sich an Bäumen, die nicht gepflanzt werden, an Ufer-Kneipen, die nun wohl nicht gebaut werden können, an fehlendem Freizeitschnickschnack für den Tourismus. An dieser Stell aber muss dieser Kommentar enden; alle weiteren noch möglichen Worte zu diesem Thema müssten den Tatbestand der Beleidigung erfüllen.


2 Antworten auf “Mainufer und Volkszorn”


  1. 1 DOKUMENT 27. November 2013 um 17:24 Uhr

    Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse um den Hochwaserschutz-Protest in Miltenberg von Julia Preißer findet sich auf www.untermain.de bzw. im „Schaufenster“ (Wochenblatt) vom 27.11.13:

    Hochwasserschutz in Miltenberg: Debatte über Gestaltung der Mainpromenade gerät aus den Fugen

    Parkplätze will man, schön grün und blühend soll es sein und ein Radweg muss auch her: Über die Gestaltung der Mainpromenade zwischen der Pfarrkirche St. Jakobus und dem Jagd Hotel Rose wird derzeit vehement diskutiert. Während der Stadtratssitzung am Mittwoch, 20. November, kam es deshalb zu heftigen Protesten. Im Kreuzfeuer: Bürgermeister Joachim Bieber. Er hatte die Diskussion zum Thema Begrünung des Mainufers vorerst im Stadtrat nicht zugelassen.
    Sowohl Bürgermeisterkandidat Helmut Demel von den Liberalen als auch der zweite Bürgermeister von Miltenberg, Wolfgang Klietsch (CSU), und Stadtrat Günther Vogt (ÖDP) hatten beantragt, die Gestaltung der Mainpromenade noch einmal zu überdenken und sich neu zu beraten. Allerdings hatten die Politiker den Antrag nicht fristgerecht – nämlich sieben Tage vor der Ratssitzung – eingereicht. Mit den Worten „Wir setzen das Thema auf die Tagesordnung, wenn es vorbereitet ist“, wies Bürgermeister Bieber die Antragssteller ab. Am Mittwoch, 4. Dezember, soll der Stadtrat aber erneut zusammenkommen. Dann wollen die Räte über die Auswahl der Bäume und die restliche Bepflanzung entscheiden. Eine solche Sitzung sei, laut Bieber, schon im Vorfeld geplant gewesen.

    Spärliche Bepflanzung erregt Anstoß

    Neben Stadtrat und Bürgermeister waren rund 50 weitere Zuhörer im Konferenzsaal anwesend. Sie zeigten: das Thema bewegt! Bereits in den vergangenen zwei Wochen hatten zahlreiche Miltenberger ihren Unmut über die Pläne des Architekturbüros Holl kundgetan. Sie beanstandeten vor allem die wenigen Grünflächen und die spärliche Bepflanzung der Anlage. Mit dem sogenannten „steinernen Konzept“, das Parkflächen sowie Rad- und Fußgängerwege einschließt, können sich die Miltenberger nicht identifizieren. Trotzdem wünschen sich die Anwohner im Schwarzviertel genug Stellplätze für ihre Autos.

    Weil Hochwassermauer, Gehweg und Parkflächen viel Platz einnehmen, sei, so Joachim Bieber, von Anfang an klar gewesen, dass man sich bei der Grünfläche einschränken müsse. Kurz vor Bauabschluss könne der Plan nun nicht mehr einfach so über Bord geworfen werden. Hinzu kommt: Die Stadt Miltenberg muss sich an gewisse Vorgaben von Seiten des Landrats­amtes und des Staates halten, um auf die vollen Förderungsmittel zugreifen zu können. So sollen Rad- und Fußweg insgesamt viereinhalb Meter breit werden. Staat und Europäische Union übernehmen zusammen 70 Prozent der Kosten des Hochwasserschutzes.

    Axel Bauer, leitender Baudirektor des Wasserwirtschaftsamtes in Aschaffenburg – Bauherr des Projektes – sieht in der Gestaltung der Mainpromenade durchaus noch Handlungsspielraum. „Wir können das Konzept auf jeden Fall noch optimieren und Vorschläge der Bürger berücksichtigen“, so Bauer. Zum Beispiel könne über die Baum­art oder die Anzahl der Bäume diskutiert werden.

    Allerdings müsse man sich auch an gewisse Vorgaben halten. Die Größe der Bäume etwa könne nicht beliebig variiert werden, da man beispielsweise die Gasleitung unterhalb des Gebietes berücksichtigen müsse.

    Was passiert in Miltenberg mit dem Bereich zwischen der Hochwassermauer und der Straße? Stadt und Bürger sind sich nicht einig. Viele Miltenberger wünschen sich mehr Grün, aber auch Stellplätze für Autos. Die Stadt plant zusätzlich einen Radweg – die Breite für diesen gibt der Staat vor. Viel Spielraum hat die Stadt da nicht. Foto: Julia Preißer

    Bürger waren informiert

    Der Plan zum Hochwasserschutz und der Gestaltung der Mainpromenade wurde erstmals 2005 im Rahmen des integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzeptes (ISEK) beschlossen. [Anm.: die Bürgerbefragung im Rahmen von ISEK fand aber erst 2010 statt!] Damals bekräftigte der Stadtrat den Umbau. Bis heute hatte die Stadt Miltenberg bei Bürgerversammlungen, im Bauauschluss und in öffentlichen Stadtratssitzungen immer wieder über das Bauvorhaben informiert. Das Interesse von Seiten der Bevölkerung war, so Bürgermeister Bieber, gering. Auch zum Tag der offenen Baustelle im Juli dieses Jahres seien nur wenige Leute erschienen.

    Jetzt gibt es Protest! Die Bürger der Stadt und einige Politiker im Stadtrat fühlen sich getäuscht und übergangen. Man hätte ihnen im Vorfeld nicht mitgeteilt, wie genau die Gestaltung der Promenade ablaufen würde. Die Presse hatte das Thema kritisch aufgegriffen und damit Bürgern und Politikern Denkanstöße gegeben. Bürgermeisterkandidat Helmut Demel will nun mit den Bewohnern des Schwarzviertels sprechen, um deren konkrete Wünsche zu erfahren.
    Mit einer Unterschriftenaktion hatten die Schwarzviertler gegen die geplante Gestaltung der Promenade auf sich aufmerksam gemacht. Weil die Anwohner selbst keinen Garten oder Balkon haben, sehen sie im Mainufer einen wichtigen Rückzugsort, der durch eine ansprechende Grünanlage sowie große Schatten spendende Bäume gekennzeichnet sein soll. Möglichkeiten zum Picknicken oder Grillen sind weitere Wünsche.

    Bürgerentscheid in Planung

    Christoph Göldner, Anlieger in der Mainstraße, setzt sich für die Belange der Bürger ein. Trotzdem möchte er zunächst abwarten, wie Bürgermeister Joachim Bieber und der Stadtrat in der Sitzung am 4. Dezember auf die Wünsche der Bürger reagieren werden.

    Wäre die Stadt nicht bereit, die Pläne für die Bepflanzung zu ändern, sind Göldner und viele Bürger Miltenbergs bereit, einen Bürgerentscheid zu fordern. Um diesen bewilligt zu bekommen, bräuchte es 700 Unterschriften der Miltenberger – eine verhältnismäßig geringe Anzahl bei soviel Protestierenden. „Wir wollen keine kleinstmöglichen Bäume“, so Göldner. „Und wir befürchten, dass die Stadt die kleinstmöglichen Bäume durch die zweit-kleinstmöglichen Bäume ersetzen wird – zu mehr Entgegenkommen ist die Stadt wahrscheinlich leider nicht bereit.“

    Der jetzige Plan des Grünstreifens zwischen Mauer und Straße sieht 16 Bäume und dazwischen Parkplätze vor. Auf diese Weise werden 31 von ehemals 101 Parkplätzen entlang der Mainstraße erhalten. Vor dem Jagd Hotel Rose wird eine kleine Anlage mit weiteren 29 Bäumen bepflanzt – insgesamt ein Baum mehr als zuvor. Diesen Plan und die Stellung der Bäume hatte der Stadtrat erstmals im Februar 2005 beschlossen.

    Heute: Bürgertreff im Beavers

    Heute, Mittwoch, 27. November, um 19.30 Uhr veranstaltet Christoph Göldner ein Bürgertreffen im Beavers. Hier soll nochmal über das Bauvorhaben informiert und Stimmen der Bürger aufgenommen werden. Auch Bürgermeisterkandidat Helmut Demel wird anwesend sein, der Stadtrat ist eingeladen.

    Ob sich an den jetzigen Plänen etwas ändern wird oder ob es vielleicht sogar zum Bürgerentscheid kommt, werden die Miltenberger aber erst am 4. Dezember erfahren. Im Vergleich zu den Bürger- und Informationsveranstaltungen in den vergangen Jahren werden in der nächsten Stadtratssitzung mit Sicherheit mehr Menschen anwesend sein. Julia Preißer

    Info

    Neben der 600 Meter langen Mauer sollen insgesamt 16 Bäume gepflanzt werden. Zunächst war der Apfeldorn vorgesehen, der sich durch eine geringe Wuchshöhe auszeichnet. Dadurch soll Touristen und Spaziergängern der Blick zur Miltenberger Altstadt gewahrt bleiben.
    Die Bürger wünschen sich eine breite Grünanlage mit großen Bäumen. Zum Baubeginn im Juli 2012 musste die Stadt viel alten Baumbestand fällen lassen. Bei der Frage, ob die große Trauerweide am Mainufer gefällt werden sollte, herrschte lange Uneinigkeit – für die Hochwassermauer musste sie schließlich weichen. Viele Miltenberger, allen voran die Bewohner des Schwarviertels, hatten die Mainpromenade früher für Spaziergänge und zur Erholung genutzt. JP

  2. 2 Manchmal, aber nur manchmal 04. Dezember 2013 um 9:56 Uhr

    Gibts auch Hoffnung auf dem Ländle:

    Arbeitskreis will Asylbewerbern helfen
    Ehrenamtsprojekt: Zwei Miltenbergerinnen rufen Helfergruppe ins Leben

    http://www.main-netz.de/nachrichten/region/miltenberg/berichte/art4019,2851848

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