Mira Marx – zum Schicksal einer Miltenberger Jüdin

Am 27. Januar 2014 erschien auf hagalil.com eine Besprechung des Buches „Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland“ von Christiane Kuller (Oldenbourg Verlag München 2013, Euro 39,80). In diesem Buch wird gefragt, „in welcher Form ein weitverzweigter Apparat wie die Finanzverwaltung in die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung eingebunden werden konnte“ (so die Buchbesprechung). Titel der Rezension: „Die Geschichte von Frau Mira Marx – oder `Tatort Finanzamt´“. Diese Besprechung von Orlando Berliner und Susanne Benöhr-Laqueur zitiert mehrfach den Beitrag „Tatort Miltenberg“, der auf kommunal veröffentlicht ist. Wir erlauben uns, aus dieser Buchbesprechung mehrere Stellen, die sich vor allem mit der Miltenberger Jüdin Mira Marx beschäftigen, zu zitieren:

Auf dem Cover des Buches befindet sich das Foto einer ca. vierzig Jahre alten Frau. Sie scheint soeben aus der hinteren Tür eines Omnibusses ausgestiegen zu sein. An der Fahrerseite des Buses ist deutlich sichtbar ein Wimpel mit einem Davidstein angebracht. Ihre Kleidung, mit Hütchen und Mantel, ließe einen Lederkoffer und eine Hutschachtel als Reisegepäck erwarten. Das ist jedoch nicht der Fall. In der rechten Hand trägt sie ein undefinierbares gerolltes und zusammengeschnürtes Bündel an Decken. In loser Schüttung hängen über ihrem linken Arm offenbar Jacken und Mäntel. Die Frau wirkt gehetzt. Ihre ganze Haltung ist angsterfüllt und verschreckt. Ihr Blick ist starr auf das Pflaster gerichtet.

Das Foto wird im Staatsarchiv Würzburg unter dem Stichwort “Frau auf dem Weg zur Deportations-Sammelstelle” geführt. (…) Bei der Frau auf dem Foto handelt es sich um Mira Marx aus Miltenberg. Zum damaligen Zeitpunkt war sie 47 Jahre alt und von Beruf Häusermaklerin. Um ca. 07:45 Uhr traf sie mit dem Omnibus auf der Deportations-Sammelstelle ein. Gegen Mittag dürfte sie mit den anderen Juden zu Fuß die 1,8 km lange Strecke durch Würzburg zum Bahnhof Aumühle zurückgelegt haben. Dort angekommen, erfolgte eine Leibesvisitation, um verborgene Wertgegenstände, Waffen, ausländische Valuta, Geld und Schmuck aufzuspüren. Die Beamten wurden fündig, sie erbeuteten über 12.000 Reichsmark. Zuvor hatte Mira Marx jedoch bereits 80 Reichsmark für die Fahrkarte gen Osten bezahlen müssen. Der Sonderzug “Da 49″ verließ den Güterbahnhof Würzburg-Aumühle um 15:20 Uhr. Drei Tage später – am 28.5.1942 traf er um 2:30 Uhr Nachts in Lublin ein. Gegen 08:45 Uhr war der Zug in Krasnystaw angelangt. Von Krasnystaw traten die Deportierten einen Fußmarsch in das 18 km entfernte Krasnyczyn an. Am Tage ihrer Ankunft in Krasnyczyn wurden die einheimischen Juden ermordet – um für die neuangekommenen Juden des Altreiches Platz zu schaffen. Sodann verliert sich die Spur. Allem Anschein nach wurden die Überlebenden des Transports aus Deutschland am 6.6.1942 nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Zu diesem Zeitpunkt war Mira Marx freilich schon seit zwei Monaten tot. Ihr Tod wurde nämlich bereits am 20.4.1942 durch richterlichen Beschluss des Amtsgerichts Miltenberg verfügt: „20.4.1942 deportiert nach Lublin/Izbica | Ab 20.4.1942 für tot erklärt lt. Beschluß des Amtsgerichts Miltenberg” Anders ausgedrückt: Am 25.4.1942 ging eine lebende Tote auf Reisen.

Mira Marx hinterließ u.a. ein Wohnhaus im Stadtkern von Miltenberg. Es existiert bis heute. Nach der Deportation, die im amtsdeutsch „Abwanderung“ hieß, galt es Mira Marx´ “Hinterlassenschaft” zu verteilen. (…) Mira Marx hielt sich ab dem 26.4.1942 im besetzten Polen auf. An diesem Tage passierte der Zug die Grenze zum „Generalgouvernement“. Gemäß der 11. Verordnung verlor sie in diesem Augenblick sowohl die deutsche Staatsangehörigkeit wie auch ihr Vermögen an das Reich und damit primär an die Reichsfinanzverwaltung. (…) Diese Gelder sollten für die Durchführung der Deportationen dienen. Somit hat Mira Marx ihre Deportation zweimal bezahlt. Ihr restliches Hab und Gut, darunter das Mobiliar sowie Bekleidung und Wäsche fielen gemäß der 11. Verordnung an das Reich.(…)

Im Falle von Mira Marx war gemäß dem Schlussbericht der Gestapo vom 6.8.1943 jedenfalls das zurückgelassenen Mobiliar sowie die Bekleidungs- und Wäschestücke dem zuständigen Finanzämtern, entweder dem Finanzamt Würzburg oder dem Oberfinanzpräsidenten Würzburg, zur Verwertung übergeben worden. (…)

In Miltenberg erzählt man sich, eine überlebende Jüdin sei noch einmal in ihrer alten Heimat aufgetaucht. Angeblich habe sie Mira Marx kurz vor deren Tod in einem Konzentrationslager getroffen. Mira habe ihr zugerufen, sie müsse jetzt mit anderen zum Duschen gehen und man würde sich ja anschließend sehen. Ab da verliere sich die Spur von Mira Marx. (1)

Mira Marx hatte einen Sohn, der nicht in Miltenberg lebte und als „Halbjude“ der Deportation entging. Er erschien nach dem Krieg in Miltenberg, konnte seine Abkunft beweisen und begehrte das Erbe seiner Mutter anzutreten …

Anmerkung
(1) Aus „Tatort Miltenberg“:
Diese eindrückliche und sicherlich nicht abwegige Erzählung kann durch die historische Recherche nicht bestätigt werden. Sie zeugt aber davon, für wie beachtenswert die Geschichte gerade von Mira Marx – der „Marxe Mira“, wie alte Miltenberger zu sagen pflegten – in ihrer Heimatstadt gehalten wurde.

Links
Komplette Buchbesprechung:
http://buecher.hagalil.com/2014/01/kuller/
Tatort Miltenberg:
http://kommunal.blogsport.de/hintergrund/tatort-miltenberg-nichts-ist-vergessen/


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