Prima Sonntag: Kontrolle und Almosen statt Sozialpolitik

mb

Prima Sonntag, jene kostenlose Zeitung am bayerischen Untermain, die die BILD noch an Qualität zu unterbieten gedenkt, hat wieder einmal zugeschlagen. Nun entdeckte sie in der gestrigen Ausgabe völlig überrascht, dass es in Deutschland Kinderarmut gibt: „Rund 4.000 Kinder und Jugendliche leben am Bayerischen Untermain in Armut. Die Leidensgeschichten dahinter rühren zu Tränen. … Viele der Kids bekommen weder ein Frühstück noch Pausenbrot, zu Weihnachten oder zum Geburtstag gibt es kein Geschenk, zur Einschulung keinen Schulranzen – Nachhilfeunterricht Fehlanzeige und von einem Kinobesuch, Sport oder anderen Freizeitaktivitäten können sie nur träumen. … Die Folgen für diese Kinder sind fatal. Sie müssen vor anderen lügen, schämen sich und werden zum Teil sogar völlig ausgegrenzt!“ Soweit ist der Skandal völlig richtig festgestellt.

Weiter im Text: „Die Gründe für Kinderarmut sind unterschiedlich: Arbeits- oder Interessenlosigkeit der Eltern, kein fester Wohnsitz, Scheidung, schlecht bezahlte Vollzeitstellen.“ Zwar können Kinder gar nicht „ohne festen Wohnsitz“ sein (da würde das Jugendamt eingreifen) – aber da mal Schwamm drüber. Interessanter: Die „Interessenlosigkeit der Eltern“ wird als gleichberechtigt neben Arbeitslosigkeit und schlechter Bezahlung hervorgekramt. Das ist schon eine gewaltige Unterstellung.

Nochmal Prima Sonntag: „Experten schlagen Alarm, denn die Situation könnte sich in den nächsten Jahren weiter zuspitzen. Das bestätigt auch Timo Bieber. Er gründete vor einigen Jahren den Verein `Leuchtende Kinderaugen´, der sich für bedürftige Kids in der Region einsetzt: `Unserer Erfahrung nach hat sich die Zahl der Kinder, die von unseren Angeboten profitieren, innerhalb der letzten fünf Jahre vervierfacht! Kinderarmut – auch am Untermain – wird weiter zunehmen, da die Mittelschicht langsam, aber sicher weg bricht. Es wird zukünftig also nur noch Arm oder Reich geben, vergleichbar mit Amerika.´“ Wer da nun Antiamerkanismus vermutet – das darf man wirklich, wenn bei allem Schlechten gleich auf die USA gezeigt wird, statt das Problem in der deutschen Politik zu sehen, die z.B. für das Elend in Griechenland etc. ganz erheblich verantwortlich ist.

Und die Lösung? Dazu wieder Prima Sonntag: „Aber was muss sich ändern? `Die Jugendämter müssen vermehrt Kontrollen in betroffenen Familien durchführen. Es muss sich ein Netzwerk aus Kitas, Schulen und Vereinen bilden, um Auffälligkeiten schneller zu bemerken und reagieren zu können. Es muss kostenlose Schulverpflegung, medizinische Versorgung bzw. Kontrollen und beispielsweise kostenlosen Musikunterricht geben´, mahnt Bieber. `Nur so kann sich wirklich etwas verändern.´“ Das lässt Prima Sonntag den Spendensammler antworten, damit die Zeitung ihn als „Experten“ präsentieren kann und nicht selbst solches Grobzeug von sich geben muss. Denn viel wahrer ist doch: Statt Kontrollen und Überwachung von Auffälligkeiten wäre doch ein wirklich das soziokulturelle Leben halbwegs ermöglichendes (und daher stark angehobenes) Arbeitslosengeld II sinnvoll – und würde mit einem Schlag die gröbsten Armutsprobleme beseitigen. Oder ein erhöhtes Kindergeld, sozial gestaffelt, das bei den Alg-II—Beziehenden auch wirklich ankommt. Über kollektive Leistungen wie kostenfreien Musikunterricht und Schulverpflegung können wir dann auch noch gerne reden.

Aber vermutlich geht es darum mal wieder nicht. Vielmehr sollen Kontrolle und Almosen Sozialpolitik ersetzen. Statt mehr sozialer Absicherung soll mittels Überwachung und Sachspenden statt Geld denen „da unten“ das Misstrauen ausgesprochen werden – und die Spendensammler möchten ja auch ihr gutes Gewissen behalten dürfen, das zwingend an die Tatsache gebunden ist, dass „da unten“ arme Menschen auf Spenden angewiesen sind. Und Prima Sonntag hat mal wieder ein Thema, bei dem es so schön „menschelt“, auf der Titelseite.


0 Antworten auf “Prima Sonntag: Kontrolle und Almosen statt Sozialpolitik”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun × acht =