Fußball-WM der Männer: Public Viewing in Miltenberg und Realität in Brasilien

mb

Traut man der Tageszeitung, so ist zumindest in Miltenberg der gröbste nationalistische Unfug ausgeblieben bei der öffentlichen gemeinschaftlichen Fernsehglotzerei: „Rund 50 Prozent der Besucher [beim Public Viewing zum Spiel Deutschland gegen Ghana; mb] zeigten sich solidarisch mit den Deutschlandfarben auf der Wange, Hüten und Blumenketten“ (Bote vom Untermian, 23.06.14), aber Fahnen waren wohl nicht sehr beliebt.

„Vor dem Spiel hatte der evangelische Pfarrer Peter Neubert als Gastgeber noch in die Runde gefragt, ob ein Afrikaner da sei, doch keiner meldete sich.“ (ebd.) Auch wenn welche da waren: Sie werden sich aus guten Gründen nicht gemeldet haben. Zusammenrottungen gleichgesinnter Fanatiker (nix anderes heißt Fan) sollte sicherheitshalber niemals getraut werden.

Gleichzeitig wurde der Redaktion kommunal ein offener Brief linker Gruppen aus Brasilien „an die Menschen, die nach Brasilien kamen, dem Weltpokal beizuwohnen“ bekannt; wir zitieren daraus: „Der Weltpokal, den uns von der FIFA anvertraut wurde, bedeutet – im Moment, wo wir diesen Brief schreiben- Ausgaben in Höhe von 25,6 Milliarden Reais, d.h. 11,5 Milliarden Dollar. Davon werden über 83% vom Staatsgeld bestritten- vom Steuergeld des Volkes. In Brasilien beträgt der Mindestlohn 724 Reais (325 $) pro Monat, die Eintrittskarten für die Spiele können bis fast 1000 Dollar kosten. Der brasilianische Arbeiter kommt für einen Event auf, dem er selber nicht beiwohnen kann. Laut einer rezenten Umfrage lehnen 75,8% der Brasilianer die Investitionen ab, die in diesen Weltpokal geflossen sind. (…) Heute befinden wir uns in einer äußerst kritischen wirtschaftlichen Lage, unsere Steuerrate gehört zu den höchsten weltweit, aber 50% unseres BIP fließt in die Rückzahlung unsinniger Staatsschulden, wobei Leute verhungern (…) Die Gemeinschaften, die in der Nähe der Stadien wohnen, werden einem ostentativen, bestialischen polizeilichen Druck unterzogen werden- auch die Armee wird vorhanden sein. Dies nicht zur Sicherung der allgemeinen Sicherheit, sonder Eurer Sicherheit, Ihr Besucher (…) Außerdem ist über ein Dutzend Arbeiter auf den Baustellen des Weltpokals umgekommen, damit die Stadien rechtzeitig fertig gebaut sind. Und zu all diesen Problemen kommt noch die Kinderprostitution, die in unserm Land laut dem Nationalen Forum für die Prävention und Beseitigung der Kinderarbeit (FNPETI) ungefähr 500 000 Kinder berührt. Ein Szenario, das potentiell durch das Abhalten des Weltpokals noch verschlimmert wird.“

Der ganze Beitrag findet sich bei TREND.


2 Antworten auf “Fußball-WM der Männer: Public Viewing in Miltenberg und Realität in Brasilien”


  1. 1 Ben Zeen 23. Juni 2014 um 12:04 Uhr

    Dass die WM am wenigsten der armen Bevölkerung zugute kommt, diese ja sogar gezielt ausgeschlossen wird, ist zum einen sehr bekannt und wird zum anderen peinlicherweiße kaum von den übertragenden Öffentlich-rechtlichen thematisiert. Ich bin durchaus fußballinteressiert und begrüße grundsätzlich die Berichterstattung, aber was man da zu sehen bekommt, ist das Klischee vom Sambatanzenden, dauergutgelaunten Brasilianer. Was am Ende bei der Bevölkerung ankommt, ist ein schlechter Witz. Diese Fußball-WM 2014 ist die teuerste aller Zeiten und findet in einem Land statt, in dem eine mangelhafte gesundheitliche Versorgung und eine extrem hohe Straßenkriminalität an der Tagesordnung sind.

    Zum Public Viewing: Wo fängt Nationalismus an? Schon bei Leuten wie mir, die im Deutschlandtrikot das Spiel schauen? Ich finde daran jetzt nichts direkt schlimmes, bei Autobeflaggung, „Deutschland!!“ gröhlenden Proleten und generell Flaggenkult jeder Form fühle ich mich aber irgendwie nicht wohl.

  2. 2 Schatje 24. Juni 2014 um 22:33 Uhr

    Wo Nationalismus anfängt? Vermutlich schon beim NATIONALdress. Warum sollte es sonst so heißen?

    Und überhaupt: Wieso will jemand, dass die deutschen Nationalkicker gewinnen, wo es doch die Niederlande mit ihrer so sympathischen und tausendmal besseren Mannschaft gibt?

    Wenn es um Fußball geht und nicht um Nationalismus, dann soll doch der Bessere und Schönere gewinnen, oder?!

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