Fußball, Politik und Ekel

mb

Ach, was war das eine Freude! Tolles und vor allem spannendes Endspiel. Für Fußballbegeisterte einfach gut. In meiner kleinen Wohnung im Kreis MIL sitze ich mit meiner Liebsten und genieße das.

Und dann: Der Oberpfaffe des neuen deutschen Reiches, dieser Bundespräsidentendarsteller, jauchzt vor Freude, obwohl kein Mensch eine auch nur irgendwie geartete Ahnung von Fußball bei ihm vermutet hätte. Die Kanzlerin grinst infantil in die Kameras und die Spieler huldigen ihr. Es ist zum Kotzen! Alle Freude weg. Durch die Städte am Untermain fahren hupende schwarz-rot-goldene Kolonnen.

Später wird es noch besser. Beim Empfang zurück in der „Heimat“ (wir dürfen das nun in Kenntnis der Sache als nationalistischen Heimatbegriff ansehen) machen die Spieler folgendes:

Nein, das ist nicht „geschmacklos“ (Tagesspiegel), das ist keine „Schnapsidee“ (Die Welt), das war nicht „respektlos im Siegesrausch“ (taz), das ist leider ganz einfach Rassismus, der andere ob ihrer Zuordnung (Gauchos = iberisch-stämmige und indigene Viehhirte) herabwürdigt. Kein besonders auffälliger Rassismus, nur eben der ekelhafte Rassismus der Mitte. Den es in Aschaffenburg gibt und in Alzenau, in Miltenberg und in Obernburg – und eben auch bei jenen Sportlern, die offenbar viel in den Waden, aber wenig im Kopf haben.

Die Alternative wäre die Unterstützung lokaler Fußballvereine – wenn wir dort nicht genau diesen Rassismus auch vermuten müssten. Es bleiben also nur die linken und alternativen Clubs, die es aber hier nicht gibt, in der Ödnis des Untermains.


4 Antworten auf “Fußball, Politik und Ekel”


  1. 1 Alfred Teztlaf 16. Juli 2014 um 19:16 Uhr

    Deshalb immer sofort nach dem Spiel abschalten und dann für die nächsten Tage kein TV mehr anstellen!

  2. 2 spacestachel 17. Juli 2014 um 13:30 Uhr

    Auf Facebook kursiert folgende Version von „die Deutschen gehen so“:

    https://scontent-b-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xpf1/t1.0-9/10559749_686994121365882_6334418217630569836_n.jpg

  3. 3 Hans O. 17. Juli 2014 um 17:07 Uhr

    Ich verstehe nicht, was am Wort Gaucho rassistisch sein soll? Was ist denn in den Augen des Autors, der Autorin am Beruf des Cowboys so schlimm, das er/sie es als rassistisches Schimpfwort empfindet – und eklig noch dazu?

    Neben dem Hauptwort Viehhirt bedeuten gaucho und gaucha als Adjektive in Argentinien* und Uruguay* gerissen, leistungsstark, mutig, schlau, tapfer, unerschrocken und gerieben. (Hablo un poco español.)

    Welche dieser Bedeutungen sind denn nun rassistisch? Oder sind die Ausdrücke innerhalb der politisch korrekten Sprache tabu und negativ besetzt? Dann allerdings habe ich etwas verpasst.

    Gaucho bedeutet weder hässlich, schiefe Nase, dumm, affig, Panzer, Blitzkrieg, Langnase oder stinkend… Und gerissen kann bewundernd und abwertend verwendet werden.

    Wenn es nicht der Begriff an sich ist, ist es vielleicht der Beruf des Viehhirten, welcher eine rassistische Beleidigung sein soll?

    Dann die Frage: Wie ist denn die Rangfolge der Berufe innerhalb linker Ideologien? Rangieren Gauchos, Viehhirten und Bauern in der unteren Kaste? Dann könnte ich die Kritik ja verstehen.

    Oder ist die Kombination des Wortes mit der gebückten Körperhaltung im Video gemeint? So geknickt sind die ArgentinierInnen (pc-korrekt) doch wirklich vom Platz geschlichen. Habe ich selbst gesehen:

    Die sind nach dem Finale wirklich nicht mit erhobenem Haupt vom Platz gegangen. Und in der Tat, einige deutsche SpielerInnen (pc-korrekt) hatten die Arme tatsächlich aus Freude nach oben gerissen, wie es die deutschen Fußballer auf der ‚Fanmeile‘ in Berlin in ihrer Darbietung nachstellten.

    Natürlich kann man Ansätze von Rassismus immer früher entdecken und ansprechen, bis man am Ende zum Schluss kommt, dass die Entwicklung der ersten Wörter der Ursprachen immer zuerst das Außergewöhnliche und Einseitige beschrieben haben und bisweilen für den Normalzustand heute noch die Wörter fehlen. Das sind alles Wege und Pfade in rassistisches Denken.

    Begriffe für heiß und kalt gab es lange vor lau, ausgewogen oder politisch korrekt. Nur wie tief soll man nach dem Rassist, der Rassistin in uns Menschen graben? Und wie weit geht die Ursache dafür bis in die Tier- und Pflanzenwelt zurück?

    Sollen Soziologen anfangen, den Einfluss des Geruchssinns auf rassistische Ansätze hin zu untersuchen? Sie werden sicherlich fündig werden. Und was dann? Tier und Mensch genmanipulieren?
    Sollen sich die Menschentiere weiterhin frei der Nase nach entscheiden dürfen, wen sie mögen oder nicht oder sollen sie sich im Extrem einem unfreien, kontrollierten – aber politisch korrekten Metakorsett unterwerfen, um nicht einmal im Ansatz in den Augen anderer als rassistisch zu gelten?

    Also, wie weit soll man nach Rassismus graben und wo aufhören zu finden?

    Doch zurück zum Fußball: Wie man hier sehen kann, scheint Schadenfreude ein Teil der Fußballrituale zu sein, die SpielerInnen im unendlichen Kreislauf des Siegens und Verlierens aushalten müssen:

    http://www.youtube.com/watch?v=Q0V70sVe9pY (SpanierInnen (pc-korrekt) nach dem Sieg über Deutschland)

    Wie man schön sehen kann, ist ein guter Teil des Drumherums, welches Nichtfußballer abstößt, Teil des Spiels.

    Wenn alles rassistisch wird, wird das Wort als Instrument stumpf, verliert seine Kraft und es bleiben nur comicgleiche Steigerungen wie Super-, Ultra- und Gigarassist(-in).
    Grüße aus Aschaffenburg
    - HansIn (pc-korrekt) O. -

    *Anmerkung: Den Begriff ‚Lateinamerika‘ vermeide ich. Stattdessen verwende ich ‚Argentinien und Uruguay‘: Der Begriff ‚Lateinamerika‘ ignoriert die nativen Sprachen der indigenen Völker und grenzt sie in einem Akt europäischer Hybris als quasi nichtexistent aus.

  4. 4 Administrator 19. Juli 2014 um 9:01 Uhr

    Gestern in Miltenberg: Mitten in der Nacht ziehen angesoffene Deutschländer durch die Stadt und singen – genau: den Gaucho-Song. Wieder wird „Gaucho“ nicht als Bezeichnung für die argentinische Mannschaft alleine gesehen, sondern ist erkennbar eine Generalabwertung, der das saugute Deutsche entgegengesetzt wird, weshalb die Stimmen an dieser Stell hoch gehen, lauter und deutlicher werden. Da feiert sich eine Nation.

    Gaucho, also „Viehtreiber“ oder auch die ähnliche Bezeichnung „Bauer“ sind eben Abwertungen, die auch Hans O. kennt.

    Gelten lassen können wir aber den Hinweis, dass der Begriff Rassismus nicht inflationär verwendet werden sollte, da er dann irgendwann nicht mehr trifft.

    Können wir hier also von vor-rassistischem Unfug reden? Oder von populär-nationalistischen Begebenheiten? Auch nicht so prickelnd, nun ja …

    Und noch etwas: Dass andere genau so nationalistisch-rassistisch sind, das macht hier bei uns nichts besser! Gar nichts. Das zeigt nur, dass der bisherige (mal positive) Sonderstatus Deutschlands, den Krieg verloren zu haben und dadurch zum Maulhalten verpflichtet gewesen zu sein, endgültig vorbei ist.

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