Einige Anmerkungen zum Problem, Hiphop letztendlich gut zu finden

Mapec

Die Redaktion des Blogs kommunal hat ein Interview geführt. Soweit nichts Besonderes. Allerdings fielen die Antworten so aus, dass es in der Redaktion Bedenken gab, das Gespräch zu veröffentlichen. Ich wurde angefragt, ob ich eine Kommentierung und Einschätzung abgeben wolle. Nur mit einer solchen Ergänzung sei es vertretbar, das Interview auch zu bringen. Nach anfänglichem Zögern – ich bin kein Kenner des Hiphop – willigte ich ein, da es hier nicht wirklich um Musik geht, sondern um deren Umfeld.

Mir geht es hier nicht um die Verurteilung eines Interviewpartners. Im Gegenteil. Ich denke, dass er innerhalb der Hiphop-Szene noch einer der Verträglichsten und Vernünftigsten ist. Mir geht es allerdings darum, die Chance zu nutzen, anhand dieses Interviews, einige Fragen aufzuwerfen und nach Möglichkeit zu beantworten; Fragen, die im Paralleluniversum des Hiphop offenbar immer wieder auftauchen.

Der Interviewpartner von kommunal, zählt einige der regionalen Hiphop-Akteuere auf: Bellcio, 12Karat, Poca, Miltenberg Untergrund, Gary Washington. Später kommt er noch auf einige überregionale Veröffentlichungen zu sprechen: „Mir schwirrt so einiges im Kopf rum aber in letzter Zeit vor allem `Kindergeld´ von Karate Andi oder von SSIO `Nuttööö´ oder die Büdchen Tape Vinyl von Veedel Kaztro.“ Es müssen andere die musikalische Qualität dieser Interpreten und Titel bewerten, da sehe ich mich außerstande, aber textlich bewegt sich bereits nach nur oberflächlicher Betrachtung da wohl einiges im Bereich des Sexistischen, des „Bauernrap, nicht lustig“ (Spacestachel), des klischeehaften Gangsterrap von Mittelstandskids und so weiter. Angesichts dieser Unterschiedlichkeit wären einige Differenzierungen zumindest sinnvoll gewesen. Hier liegt für mich bereits ein erster Kritikpunkt: Es wird als erwähnenswert und nicht eines kritischen Kommentars bedürftig alles das gewertet, was Hiphop ist. Die Form, nicht der Inhalt, entscheidet über die Aufnahme in die Reihe der zitierbaren Acts.

kommunal fragt an anderer Stelle: „Homophobie, Sexismus, Behindertenfeindlichkeit und Nationalismus gehören für einem großen Teil der Rapperinnen und Rapper scheinbar zur Normalität, was sich auch in den Texten widerspiegelt. Nur ein großer Spaß? Gibt es Gegenentwürfe?“ Der Hiphop-Aktivist antwortet: „Nunja ich denke mal die Wörter, die du gerade nennst, behaften das Ganze ein wenig negativ. Es liegt ja in der Natur eines Rappers, dass er prinzipiell der Stärkste ist, sowieso der Geilste und erst recht der, der alle fickt, der in sein Viertel kommt und Faxen macht, also zumindest die Rapper, die in das Profil der Schlagworte von dir passen. Beziehen wir das mal auf Battle Rap wäre es doch langweilig, wenn Rapper A sich darüber lustig macht, wenn Rapper B ein weißes T-Shirt anhat und ihn dann deswegen fertig macht.“

Nicht die „Wörter“ behaften etwas, sie zeigen nur auf. Und zwar etwas, das es unleugbar im Hiphop gibt. Wenn es in der irgendwie gearteten „Natur“ eines Rappers liegt, „prinzipiell der Stärkste (zu sein) … sowieso der Geilste und erst recht der, der alle fickt“, dann möchte ich künftig nie mehr einem Rapper begegnen. Ich gehe allerdings davon aus, dass hier nur eine Attitüde dargestellt wird, dass der Rapper in Wahrheit genauso brav zur Schule geht oder an den Arbeitsplatz, wie all die anderen, denen er gerne beweisen möchte, dass er die dickste Hose hat. Nur: Was ist dies für ein Selbstbild, das diese patriarchal, bandenmäßigen und fast militaristischen Ideale hat? Gruslig, zumindest extrem gruslig.

Der Hiphop-Aktivist fährt fort: „Das mit dem `Nationalismus´ kommt ja auch nicht von irgendwoher – als das mit dem Rap anfing in den Staaten, gab es Battles zwischen Vierteln oder Crews, die auch mal in einer Schießerei endeten. Als das bei uns Anfing mit dem Hiphop, ist dieses Phänomen zu uns mit herüber geschwappt. Man sollte das eh alles nicht so Ernst nehmen – das ganze Beleidigen, sich selbst feiern, die Fahne für das Viertel hochhalten, das passiert ja alles nur auf sportlicher Ebene. Aber sind wir mal ehrlich, was wäre denn zum Beispiel eine Punkband ohne ihren Bassisten – nichts. Der Bass gehört dazu, dass es sich rund anhört. So ist das mit dem Beleidigen und dem Dissen beim Rap.“

Das hat mich zuerst geplättet. Dann wurde mir klar: Solche Verwechslung des Sozialen mit dem Nationalen sind nicht nur bei der NPD verbreitet, sondern bis tief in die Gesellschaft hinein. So auch hier. Mögen die Communities der Stadtviertel in den USA oder die Gangs einst soziale Sicherheit geboten haben und wurden damit überhöht (was an sich schon ziemlicher Dreck ist), so wird der Vergleich mit dem Nationalismus europäischer Prägung voll und ganz gefährlich. Wenn jemand „Deutschland“ hochleben lässt, so hat das nichts mit der „Ehre“ eines Stadtteils zu tun, es ist einfach nur ausgrenzender und – zumal „in diesem unserem Lande“ (Kohl) – höchst gefährlicher Nationalismus, also Nationalstolz jener bemitleidenswerten Menschen, die sonst nichts haben, auf das sie stolz sein könnten, die aber genau deshalb zu sehr, sehr vielem fähig sind, wenn jemand ihren Nationalismus benutzt. Das muss nicht zwangsläufig zur Gewalt führen – aber die Gefahr ist dann sehr groß, wenn der Nationalstolz mit militaristischen und männerbündlerischen Ideen zusammenfällt – wie offenbar im Hiphop. Und dann müssen wir befürchten, dass sich von rechten Hiphop-Reimen aufgestachelte Kids auch mal an einem Nichtdeutschen vergreifen, der nicht in ihr zum Gangster-Stadtteil verklärtes Deutschland passt.

Der Bassist in der Punkband ist übrigens etwas völlig anderes als nationalistisches Dissen im Hiphop. Der Bassist wird wirklich grundlegend benötigt. Den Nationalismus braucht wirklich niemand!

Auf „Homophobie, Sexismus, Behindertenfeindlichkeit“ geht der Hiphoper dann nicht mehr ein. Vermutlich, weil er hier eine Entschuldigung nicht einmal im Ansatz finden konnte. Es ist also erfreulich ehrlich, wenn er nichts sagt – und genau damit die Antwort gibt.

Dem Interviewpartner von kommunal fällt dann auch noch „was dazu ein: Als am letzten Sonntag der neue Til-Schweiger-Tatort bei ARD lief, entbrannte bereits wenige Minuten danach die Diskussion über eine im Film vorgekommene Rapline des Rappers Haftbefehl – `Investiere in Schnuff, um mein Flus (Geld) zu vermehren – Und ticke Kokain an die Juden von der Börse´. Kurz darauf wurde der Künstler von der Bild und vom Zentralrat der Juden, wenn ich mich nicht irre, als Antisemit und Nazi beschimpft. Das Statement, was er auf Facebook dazu veröffentlichte, sagt eigentlich alles dazu aus was du mich gerade gefragt hast. Zitat von seiner Künstlerseite: `Ich bin kein Antisemit. … Wir sind Kanaken, Balkans, Kartoffeln, Schwarze, Zigeuner, Ölaugen und Juden. Wir sind Brüder und Schwestern. Wir schätzen und lieben uns. Wir machen und hören Rap-Musik. … Zu der Textzeile, die aus mir einen Antisemiten machen soll, möchte ich folgendes ergänzen: Als ich noch als Jugendlicher am Frankfurter Banken und Bahnhofsviertel Drogen verkaufte, hatten einige meiner ‚Stammkunden‘ jüdische Wurzeln.“

Der Interviewpartner ist kein Antisemit, das zu behaupten wäre Unfug. Aber er glaubt den antisemitischen Beteuerungen von „Haftbefehl“ (wäre nett, wenn dieser gegen Aykut Anhan, wie er wirklich heißt, mal verhängt würde). Die „Juden von der Börse“ – das ist eine der ekelhaftesten antisemitischen Stereotype. Weiter bei Aykut Anhan: „Ich bin kein Antisemit.“ Soweit genau das, was alle Antisemiten mal sagen. Und dann geht er noch ein Stück weiter: „Wir sind Kanaken … und Juden.“ Dieses Arschloch! Jetzt erklärt er sich auch noch zu dem, was er zuvor verunglimpft hat. Der Antisemit erklärt sich zum Juden, perverser geht es nicht! Dass er auch an jüdische Mitmenschen Drogen verkauft haben will, das ist dann nur noch eine Nebensache. Fakt ist, er sagt nachweisbar, er „ticke Kokain an die Juden von der Börse“; er sagt nicht, er „ticke Heroin an die Christen aus der Fabrik“ oder er „ticke Crack an die Atheisten aus der Kneipe“. Der Zusammenhang von „Juden“ und „Börse“, beleidigend mit dem Hinweis auf Drogenkonsum aufgefüllt, ist ihm absolut bekannt! Er ist Antisemit, wie auch andere Fakten aus seinem Leben belegen.

Das Interview mit dem Hiphop-Aktivisten, den ich kenne, der ein sehr netter Mensch ist, hat bei mir Fragen aufgeworfen, Fragen, die grundsätzlicher sind. Zum Beispiel: Ist eine Musikszene noch rettbar, die darauf aufbaut, dass jeder der mit der dicksten Hose sein will? Ist eine Musikrichtung noch zu retten, in der in schlechtester Tradition Homophobie herrschen muss, weil jede Männerbündelei noch allemal zur Abwehr des Weichen, des Sanften und damit (als Vorurteil) des Schwulen führen muss? Kann sich irgendein sensibles Menschenwesen an einer Szene begeistern, die für Nationalismus, Homophobie und Antisemitismus, für Sexismus und Behindertenfeindlichkeit ganz offenbar eine offene Flanke hat? Ist in so einem Umfeld überhaupt etwas Humanes, etwas Vorwärtsgerichtetes denkbar?

Die Fragen stelle ich zur Diskussion. Das ist keine rhetorische Wendung, das ist ernst gemeint. Ich habe zwar meine Zweifel am Hiphop, bin aber für anderweitige Ergänzungen, Erklärungen und Widersprüche offen. Ich danke Christof, Hannes und Yannick für ihre Diskussionsbeiträge und den Beteiligten für das kommunal-Interview, das bei mir die Beschäftigung mit dem Hiphop auf eine neue Stufe gebracht hat.


5 Antworten auf “Einige Anmerkungen zum Problem, Hiphop letztendlich gut zu finden”


  1. 1 aus wikipedia 03. August 2014 um 13:37 Uhr

    Hip-Hop-Kritiker sehen in der heutigen Hip-Hop-Szene eine starke Abweichung von ihrer ursprünglichen Form: Während der ursprüngliche Hip-Hop noch die sozialen Ungerechtigkeiten, in denen die farbige Bevölkerung in den Ghettos New Yorks lebte, thematisiert habe, sei heutiger Hip-Hop jedoch oft reaktionär, gewaltverherrlichend, frauenfeindlich, homophob, sexistisch und fördere dadurch unter anderem die Jugendkriminalität, Aggressivität, Passivität und generelle Gewaltbereitschaft. Statt der Verbesserung der sozialen Lage der eigenen Community strebe, so die Kritiker, der gegenwärtige Hip-Hop-Künstler im Musikbereich keine weiteren Ziele mehr an als ein gefülltes Bankkonto und Platzierungen in Charts, sowie ein möglichst „gangster“-mäßiges Image (Kleidung, Auftreten, Äußerungen). Weiterhin wird kritisiert, dass in der Hip-Hop-Szene und deren Videos der Konsum von Drogen verherrlicht werde. Auch wird den Künstlern vorgeworfen, nicht auf ihre Vorbildfunktion zu achten und daher den Jugendlichen die Realität zu verblenden.

  2. 2 Ergänzung 03. August 2014 um 13:49 Uhr
  3. 3 Administrator 04. August 2014 um 10:28 Uhr

    Der Interviewpartner wollte nachträglich, dass sein Name nicht erscheint. Wir kamen dieser Bitte nach und ersetzten den Namen. Der Text wird dadurch etwas holpriger. Wir bitten um Verständnis.

  4. 4 Adrian 06. August 2014 um 20:37 Uhr

    Deutsche Hiphopster* imitieren mehr oder weniger Alphatiere von einem anderen Kontinent – einem Kontinent, der unserem mindestens sechs Stunden hinterherhinkt – und das dauerhaft.

    Was also soll man von TypenInnen denken, die sogar ihre Körperbewegungen anderen Männern abschauen…?

    Hoho, und dann können deutsche Hiphoster sogar begründen, was die Ursache der Gesten anderer Männer vom anderen Kontinent sind und was sie für diese bedeuten.

    Jungs macht mal was eigenes, das positiv in die Geschichte eingeht wie Can, Kraftwerk oder Karlheinz Stockhausen, auf die sich US-Amerikaner, Bürger des Vereinigten Königreichs und Japaner und Japanerinnen heute noch berufen.

    Grüße aus eurem unmittelnbarem Norden

    Adrian

    *Warum denke ich bei Hip-Hop immer an Hüpfburgen vor Möbelmärkten am Tag der offenen Tür?

  1. 1 Zum Problem, Hiphop gut zu finden « Pingback am 03. August 2014 um 11:04 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


eins + acht =