Weltkrieg, Heldentod und Vaterland

Über das seltsame Gedenken an einem Ort, an dem es nicht zu vermuten war

Text und Fotos: Mapec

In Sandstein gehauen sind sie: ein Eisernes Kreuz mit der Jahreszahl 1914 und einer Krone sowie einem W (wie Wilhelm, deutscher Kaiser). Ebenfalls in Sandstein gemeißelt und schön verziert daneben die Inschrift „Wer den Tod im heiligen Kampfe fand, ruht auch in fremder Erde im Vaterland“ und darunter „Weltkrieg 1914 1915“. „Dem Andenken der für das Vaterland gefallen Krieger“ heißt es auf einem anderen Sandstein über einer Liste mit Namen von im Ersten Weltkrieg Getöteten. Nein, wir befinden uns nicht auf einem Militärgelände, nicht auf einem Friedhof zur Heldenverehrung, nicht in einem Museum mit Schauerlichkeiten der Kriege. Ein letzter Stein kann Aufschluss bringen, wo wir uns aufhalten. Wieder in den hier üblichen Sandstein gemeißelt trägt er die umkränzte Inschrift: „220 bayerische Franziskaner kämpften im Weltkrieg 1914 – 1918 für das deutsche Vaterland. 52 starben den Heldentod.“ Wir befinden uns vor dem Kloster Engelberg, gelegen oberhalb von Großheubach im Landkreis Miltenberg. Und wir schreiben das Jahr 2014.

Hundert Jahre nach Beginn des großen Schlachtens auf den Feldern, die angeblich die Ehre, wahrhaftig aber Elend und Tod bedeuten, steht der großdeutsche Heldenkitsch noch immer an den Mauern des Franziskanerklosters. Keine neue Gedenktafel relativiert den sträflichen Unfug von „Ehre“, „Heldentod“ und „Vaterland“, kein Schaukasten erläutert, dass ein „heiliger Kampf“ niemals der für Kolonien, Absatzmärkte, Macht, Einflusssphären oder Rohstoffe sein kann, sondern – zumal aus Sicht der Franziskaner – nur der für Gott und seine Liebesbotschaft, für die Zuneigung zum Nächsten und den Frieden in der Welt; dass also ein christlicher Kampf genau das Gegenteil von dem ist, was damals über Europa gebracht wurde.

Auf anderen „Helden“gedenksteinen wird ebenfalls die so falsche wie pathetische Keule der großen Worte geschwungen: „Niemand hat größere Liebe denn die dass er sein Leben lässet für seine Freunde“ heißt es zum Beispiel – nicht weit von Großheubach entfernt – auf dem Miltenberger Friedhof „zum ehrenden Gedächtnis unserer Gefallenen u. Opfer des Zweiten Weltkrieges 1939 – 1945“ und direkt neben den Totentafeln des Ersten Weltkrieges. Als ob hier jemand, sich freiwillig aufopfernd, für seine Freunde gestorben wäre und nicht kriegerisch und brutal für die Macht und den Kaiser oder Führer, für eine Monarchie oder Diktatur und ihre Eliten in Politik, Wirtschaft und Militär, zur Ermöglichung von Krieg, Rassenwahn und Vernichtung der Jüdinnen und Juden. So wird hier wahlweise das kaiserliche „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ oder die nazistische Volksgemeinschaft noch einmal in den Rang eines Freundschaftsbündnisses erhoben. Das tut weh.

Mainabwärts, in Aschaffenburg-Damm, muss Friedrich Schiller als Poet „zum Gedächtnis an alle in den Jahren 1870-71, 1914-18, 1939-45 im Felde u. in der Heimat Gefallenen“ herhalten: „Ans Vaterland, ans teure schließ dich an, das halte fest mit Deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft, dort in der fremden Welt stehst du allein, ein schwankes Rohr das jeder Sturm zerknickt.“ Schiller hat den Vorteil, dass er sich gegen diese Inanspruchnahme für vaterländische Kriegsverklärungszwecke nicht mehr wehren kann.

Sie sind überall, diese pathetischen, zur Anerkennung von Schuld und zum Zulassen von wahrer (individueller) Trauer nicht befähigenden nationalistischen Heldensprüche, die nur volksgemeinschaftliches Wehklagen zulassen wollen, die in sich schon den Keim der Revanche beinhalten, wie nach dem Ersten Weltkrieg ganz handfest zu spüren war. Dass diese unsinnigen Sinnsprüche auch vor einem Kloster stehen können wie auf dem Engelberg in Unterfranken, seit beinahe einhundert Jahren unkommentiert, das allerdings hat eine besondere Qualität. Für jeden sensiblen Christenmenschen eine besonders üble.

Um es ganz klar zu sagen: Die Vergangenheit mit ihrem depperten Heldengestus kann nicht dadurch bearbeitet oder gar bewältigt werden, dass wir einfach die Gedenksteine von damals wegnehmen. Es geht vielmehr darum, den einstigen brutalen Unfug als Zeichen seiner Zeit stehen zu lassen – ihn aber mit einer deutlichen und deutlich sichtbaren Kommentierung zu versehen, die dem Ganzen die Bedeutung gibt, die solchen vaterländischen Heldensteinen eben zukommt: Manifestationen einer Geisteshaltung zu sein, die es zu überwinden gilt, damit menschliches Zusammenleben erst friedvoll möglich wird.


2 Antworten auf “Weltkrieg, Heldentod und Vaterland”


  1. 1 peter illert 12. August 2014 um 22:42 Uhr

    Hallo,

    Ich finde, man sollte Zeitzeugen -das sind diese Steine zweifellos- durchaus für sich stehen lassen.
    Mag sein, dass (auch steinerne) faschistische Propaganda selbst heute noch nicht ohne aufklärerische Vermittlung auskommt. Das gilt auch für ihre Symbole.
    Aber auch sie sollte nicht unkenntlich gemacht werden, denn sonst kann es passieren, dass bestimmte Leute noch leichter behaupten können , die Gräuel des 3. Reiches habe es gar nicht gegeben.

    Anders sieht es mit militaristischen und chauvinistischen Denkmälern des 1. Weltkrieges -zumindest den vor 1933 entstanden- aus. Sie haben historischen Wert. Gerade hier hinsichtlich des beschriebenen Bundes von Kloster und Staat. Sollte die heutige Kirche solche Zeilen löschen dürfen ? Die Steine zeigen auf wie versucht wurde, falscher Politik und damit falschem Opfer einen hohlen höheren Sinn abzugewinnen.

    Das spricht doch für -oder gegen- sich selbst.

    Und es gibt aus dieser Zeit ja auch Denkmalsbeispiele für einen durchaus reflektierten Umgang mit der imperialistischen Katastrophe 1914-18.

    Zum Skandalisieren taugen die Steine m.E. nichts.

  1. 1 Weltkrieg, Heldentod und Vaterland « Pingback am 12. August 2014 um 16:21 Uhr
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