Miltenberg bekommt Stolpersteine – und KOMMUNAL hat mal wieder alles schon vorher gewußt

mb

„In den Straßen von Miltenberg sollen bald Stolpersteine an das Schicksal der Juden erinnern, die im Dritten Reich von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet worden sind. Dafür haben sich 13 der 21 Stadträte in der Sitzung am Mittwoch ausgesprochen. Die CSU und der Liberale Rainer Rybakiewicz stimmten dagegen.“ So steht es heute im Boten vom Untermain, der Miltenberger Regionalausgabe des Main-Echo. Und wieder einmal hatte es kommunal kommen sehen. Wir zitieren aus unserem Interview mit Mapec vom 3. Dezember des letzten Jahres:
„Kommunal: Meinst Du, dass die Stolpersteine in Miltenberg zu verhindern und andere Formen des Gedenkens möglich sein werden?
Mapec: Ich denke nicht. Wenn so eine Sache in einer bestimmten Anzahl von Orten durchgeführt wurde, dann wird sie zum zwingenden Symbol, das alle haben wollen.“

Interessant auch die Begründugn der CSU zu ihrer Ablehnung der Stolpersteine. Sie hatten sich bei Charlotte Knobloch, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, rückversichert. „Der Altbürgermeister [Joachim Bieber, jetzt CSU-Stadtrat] kann sich »nicht damit anfreunden, dass auf Steinen, die an ermordete Mitbürger erinnern sollen, herumgelaufen wird«. Diese Auffassung vertritt auch Charlotte Knobloch.“ Daher beantragte die CSU, statt der Steine eine Gedenktafel mit den Namen aller ermordeten Miltenberger Juden am Rathaus oder am jüdischen Friedhof anzubringen.

Haben die bei uns abgeschrieben? Denn im genannten Interview heißt es: „Ich hielte es für sinnvoll, dass diese Namen [der ermordeten Miltenberger Jüdinnen und Juden] nicht irgendwo an einem abseits gelegenen einst jüdischen Gebäude angebracht werden. Sie sollten dort stehen, wo die industriell betriebene und mit typisch deutscher Gründlichkeit organisierte Vernichtung vor Ort organisiert wurde. Und für dieses Verwaltungshandeln und gleichermaßen für die politische Ebene steht wie kein anderes Gebäude das Rathaus von Miltenberg. Dort sollte die Gedenktafel mit den gut 50 Namen angebracht werden. Selbstverständlich sind auch die alte und neue Synagoge sowie der Ort der Behelfssynagoge in der Riesengasse durch Gedenktafeln kenntlich zu machen sowie das Haus von Mira Marx, das letzte „Judenhaus“ in Miltenberg. Vor allem aber muss die alte Synagoge, die offenbar zu den beiden ältesten Synagogenbauten Europas gezählt werden kann, endlich als Gedenkstätte ausgebaut werden.“ Die CSU mal näher an kommunal dran als die SPD – aber das wundert uns nicht wirklich, ist die rosarote SPD doch sowas von berechenbar. Und der Rest des Stadtrates auch.

Wichtiger als alles andere in Sachen Erinnerung wäre aber in Miltenberg, endlich die alte Synagoge zugänglich zu machen.


3 Antworten auf “Miltenberg bekommt Stolpersteine – und KOMMUNAL hat mal wieder alles schon vorher gewußt”


  1. 1 Hans O. 30. Januar 2015 um 14:53 Uhr

    +++ Euer Zitat: +++

    „Der Altbürgermeister [Joachim Bieber, jetzt CSU-Stadtrat] kann sich »nicht damit anfreunden, dass auf Steinen, die an ermordete Mitbürger erinnern sollen, herumgelaufen wird.“

    +++ Zitatende +++

    In Aschaffenburg wurden damals die gleichen Bedenken in einer Stadtratssitzung vorgebracht. Das Bündnis gegen Rechts nahm den Gedanken später in seiner Stellungnahme an den Stadtrat auf und erinnerte daran, dass z.B. im Würzbuger Kreuzgang die Menschen nicht nur über Steine mit Namen gehen – sondern über echte Grabplatten mit echten Toten darunter, ohne dass bisher jemand auf die Idee kam, die Andenken an die Toten würde dadurch beschmutzt werden.

    Und es sind nicht nur alte Gräber – im Gegenteil: In den letzten Jahren sind sogar neue hinzugekommen

    Wenn also Menschen beim Drauftreten auf einen Stolperstein kurz aus ihrem Alltagstrott erwachen, was ist schlimm daran?

  2. 2 Mapec 31. Januar 2015 um 18:19 Uhr

    Da ich selbst gerne und oft in Kirchen bin, kenne ich die Tradition, Grabplatten in den Boden einzufügen. Oft sind dies sogar echte Gräber. Der Umgang der Gläubigen mit diesen Platten ist ehrfurchtsvoll, achtsam und erinnernd; meist wird es vermieden, diese Platten zu betreten; wenn dies doch geschieht, dann innehaltend und voll Ehrfurcht. Die Kirchenbesucher/innen befinden sich nicht auf der Suche nach dem nächsten Geschäft, sie eilen nicht zum Arbeitsplatz, sie hasten nicht, sie haben einen Ort der Ruhe und Kontemplation aufgesucht. Und das macht einen Unterschied ums Ganze im Vergleich zur Situation auf einem Gehweg oder in einer Fußgängerzone.

    Ich bin etwas erschüttert, wenn ich dieses Argument für Stolpersteine höre, diesen Vergleich mit dem Nichtvergleichbaren. Dieses Argument kann nur von Menschen kommen, die keine Idee mehr haben von spirituellen Orten, wie dies Kirchen (trotz allem) sind.

  3. 3 Danielo 02. Februar 2015 um 1:48 Uhr

    No Gods! No Masters!
    Ich glaube nicht, dass ich als Atheist deine Ausführungen über Spiritualität nachvollziehen muss. Aber gehen wir weg von Kirchen und Kontemplation und zurück zum eigentlichen Thema.
    Wieso können denn nicht Stolpersteine verlegt UND die Gedenktafel am Rathaus angebracht werden?

    Was mir bei Demnigs Stolpersteinen nicht gefällt, ist der Umgang des Künstlers mit Kritik. Sei es beim den Formulierungen von Inschriften, in denen er unkommentiert die Begriffe „Rassenschande“, „Gewohnheitsverbrecher“ oder „Volksschädling“ verwendet. Und der damit verbundenen Beschimpfung der Journalisten auf seiner Website. Die Hinterbliebene werden manchmal auch nicht gefragt, ob sie mir einer Verlegung einverstanden sind. Was im Hinblick auf die oben genannten Formulierungen der Inschriften sehr problematisch ist.

    Vielleicht könnte man aber auch statt den Stolpersteinen im Boden eine Plakette in ähnlicher Größe in Augenhöhe an die Häuser anbringen..

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