Bürgstadt/Miltenberg vor 35 Jahren: Skandal um einen Bürgermeister mit Nazi-Vergangenheit

mb

„Kriegsverbrechen: Warum Bürgstadt 1980 im Fokus stand“ titelt heute der Bote vom Untermain bzw. das Main-Echo. Dies ist insoweit völlig falsch, als Ernst Heinrichsohn, um den es heir geht und der damals Bürgermeister Bürgstadts und Rechtsanwalt in Miltenberg war, keine Kriegsverbrechen zur Last gelegt worden waren, sondern die Mitwirkung am Massenmord an den französischen Jüdinnen und Juden!

Zitieren wir daher aus Wikipedia:

Heinrichsohn war 1939 nach dem Abitur zur Wehrmacht eingezogen worden, aber als wehruntauglich wieder entlassen worden. Er begann ein Jurastudium, wurde aber in das Reichssicherheitshauptamt notdienstverpflichtet. Er wurde im September 1940 als Offiziersanwärter Mitarbeiter des Judenreferats der deutschen Sicherheitspolizei in Frankreich unter Theodor Dannecker, sein direkter Vorgesetzter wurde danach Heinz Röthke. Ab 1943 war er Mitarbeiter des Kommandeurs der Sipo Kurt Lischka. Heinrichsohn organisierte 1942 im untergeordneten Rang eines SS-Unterscharführers (Unteroffizier) in der Funktion eines Transportsachbearbeiters die Deportation zehntausender staatenloser und französischer Juden nach Auschwitz. In Ergänzung einer Aufzeichnung einer Besprechung, die er mit dem französischen Präfekten Jean Leguay geführt hatte, notierte Heinrichsohn: „Am Freitag, den 28. 8. 1942 ist der 25000. Jude abgeschoben worden.“ Bei dieser Besprechung notierte Heinrichsohn auch, dass die Festnahmen des „September-Programms“ gemeinsam von „Polizei, Gendarmerie und Wehrmacht“ durchgeführt wurden. Als es bei dem Transport am 30. September 1942 zu Verspätungen kam, ließ Heinrichsohn, der regelmäßig die Abfahrt im Sammellager Drancy überwachte, auch den französischen Senator Pierre Masse (1879–1942) in das KZ Auschwitz-Birkenau deportieren. Für den Transport Nr. 45 vom 11. November 1942 hatte Heinrichsohn 35 bettlägerige Personen hohen Alters aus dem Hôpital Rothschild ausgewählt, um die Zahl der Deportierten zu erhöhen.

Der Bote vom Untermain führt zusätzlich aus:

Im Verlauf des Prozesses [gegen die SS-Leute Lischka, Hagen und Heinrichsohn] belasteten zwei Zeuginnen Heinrichsohn schwer. Odette Daltroff-Baticle und Marie Husson hatten sich in Drancy um die vielen elternlosen Kinder zu kümmern. Halb verhungert, verdreckt, voll mit Ungeziefer, kamen Zwei- bis Zwölfjährige ohne Eltern in Viehwaggons an, um weiter nach Polen verfrachtet zu werden. Die beiden Frauen identifizierten Heinrichsohn auf Fotos und schilderten, wie dieser Kinder und auch Kranke in Züge gezwungen habe. Er habe besonderen Eifer gezeigt, geschrien und kein Mitleid an den Tag gelegt, sagten sie aus.

Wikipedia weiter:

Am 7. März 1956 wurde er in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt. … Im Juni 1978 kam es in Miltenberg zu einer von Serge Klarsfeld organisierten politischen Demonstration von ca. achtzig Franzosen. Diese besprühten Heinrichsohns Anwaltsbüro mit Hakenkreuzen, entfalteten ein Spruchband mit der Aufschrift „Franz Josef Strauß schützt NS-Verbrecher Heinrichsohn“ und rissen das Kanzleischild ab.

Dazu der Bote vom Untermain:

Die Gegenreaktionen waren heftig: Passanten solidarisierten sich mit Heinrichsohn; einzelne Bürger trugen ihren Antisemitismus unverhohlen zur Schau.

Nochmals Wikipedia:

Am 11. Februar 1980 wurde Heinrichsohn vom Kölner Schwurgericht zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, … Bürgstadts Einwohner hatten sich während des Prozesses hinter ihren Bürgermeister gestellt und sammelten die 200.000 DM Kaution, mit der er während der Verfahrensrevision auf freiem Fuß leben sollte; er wurde allerdings im März 1980 wegen Fluchtgefahr inhaftiert. … Bürgstadts Einwohner waren auch nach der Verurteilung von der Unschuld ihres Mitbürgers überzeugt, die Journalistin Lea Rosh dokumentierte diese Aussagen in mehreren Fernsehfeatures für Kennzeichen D.

Der Bote vom Untermain ergänzt dazu:

Der große Rückhalt in der Bevölkerung erklärt sich auch aus Heinrichsohns Beliebtheit. Er hatte sich früh gegen die Eingemeindung Bürgstadts durch Miltenberg gewehrt. Er galt als erfolgreicher Bürgermeister, der sich bei seinem Tun auch von sozialen Überlegungen leiten ließ, der die Infrastruktur in der Gemeinde voranbrachte und Firmen ansiedelte. Am 5. März 1978 wurde er mit 85 Prozent der Stimmen erneut zum Chef des Rathauses gewählt. … Die Landes-SPD drängte Innenminister Gerold Tandler zu einem Dienstenthebungsverfahren. Das lehnte CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber noch Ende Dezember 1979 ebenso ab wie der Miltenberger CSU-Kreisverband. Trotz der immer schwerer wiegenden Beweislast stützte auch Hermann-Josef Eck, der Heinrichsohn als Bürgermeister nachfolgen sollte, den Beschuldigten bis zum bitteren Ende.

In einem Beitrag zu Heinrichsohn in der damals sehr populären Fernsehsendung Kennzeichen D kam es auch zu Interviews mit einigen jungen Leuten aus dem Raum Miltenberg, allesamt organisiert in der damaligen Jugendinitiative Miltenberg (JUI), über die in kommunal zu lesen ist:

Ende 1979 äußerten sich einige JUI-Mitglieder in der Magazinsendung Kennzeichen D, in der über die Nazivergangenheit des damaligen Bürgstadter Bürgermeisters Ernst Heinrichsohn berichtet und Bürger/innen interviewt wurden, darunter eben auch JUI-Mitglieder. Daraufhin wurde in einem Leserbrief in der TV-Zeitschrift GONG die JUI als „linksradikal“ bezeichnet und bekam damit ihr Etikett aufgeklebt: Kritische junge Leute, darunter langhaarige Männer, die etwas gegen Altnazis sagen konnten damals einfach nur Kommunisten sein!

Foto unten: [in diesem Beitrag oben]
Im Januar 1980 beteiligen sich auch JUI-Mitglieder an den Aktionen gegen den damaligen Bürgermeister von Bürgstadt, Ernst Heinrichsohn, der der Beteiligung am Mord an zahlreichen Jüdinnen und Juden im NS-Regime überführt wurde.


2 Antworten auf “Bürgstadt/Miltenberg vor 35 Jahren: Skandal um einen Bürgermeister mit Nazi-Vergangenheit”


  1. 1 Seppi Spiegel 11. Februar 2015 um 13:36 Uhr

    Ein CSU-Bürgermeister im Bayrischen, der einst bei der Judendeportation aus Frankreich mittat und jetzt wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagt wurde, gilt in seiner Gemeinde weiterhin als Ehrenmann.

    Spiegel-Artikel von 1979:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40351625.html

  2. 2 Ziggi Zeit 11. Februar 2015 um 13:38 Uhr

    In Unordnung ist, daß noch immer kaum einer der Bürgstadter Bürger das Urteil gegen ihren „Ehemaligen“ akzeptieren will, Bürgstadter Mütter nicht einmal die gerichtsnotorischen Belege über Heinrichsohns brutale Aktivitäten bei dem Abtransport kleiner, elternloser Kinder in Viehwaggons nach Auschwitz.

    Die Zeit 1980:

    http://www.zeit.de/1980/11/die-buergschaft

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