Würzburg: Die »deutsche Erinnerungskultur« macht auch vor der Provinz nicht halt

Wie Deutschland sich mit den Opfern der eigenen Geschichte versöhnen (!) möchte, das beschreibt Markus Ströhlein am Beispiel von Würzburg; wir bringen Zitate, der ganze Beitrag findet sich in Jungle World, 11/2015, 12.03.15.

Sie wünschen sich »Gewaltüberwindung«. Sie fordern »Frieden« und »Nie wieder Krieg!«. Sie sind »auf der Suche nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur«. Vor allem geht es ihnen aber um »Versöhnung« – nicht ohne Grund gibt es in dieser Stadt sogar eine »Versöhnungsglocke«. Dass die Menschen im bayerischen Würzburg zurzeit derart in Friedensseligkeit verfallen, liegt an einem ganz bestimmten Datum. Am 16. März jährt sich zum 70. Mal der »Schicksalstag«, an dem Würzburg »im Bombenhagel der Alliierten unterging«, wie das Lokalblatt Mainpost es ausdrückt.

Beim Angriff auf Würzburg starben ungefähr 5 000 Menschen. 3 000 Todesopfer, die aus den Trümmern geborgen werden konnten, wurden in einem Massengrab auf dem Hauptfriedhof bestattet. Das zu ihren Ehren errichtete Denkmal wird unter anderem von einem Gedenkstein für die gefallenen Landser flankiert. So sorgten die überlebenden Würzburger dafür, dass die Toten der Heimatfront und der Kriegsfront zumindest ideell nebeneinander ruhen – Volksgemeinschaft in alle Ewigkeit.
Für die britischen Soldaten, die während des Angriffs auf Würzburg starben, gibt es kein Denkmal, was wenig überraschend ist. Sechs Lancaster-Bomber mit jeweils sieben Besatzungsmitgliedern verlor die RAF. Nicht alle Soldaten starben beim Abschuss ihrer Maschinen. Ein britischer Flieger, der den Absturz überlebte, wurde zwei Tage später in einem Dorf nahe Würzburg gelyncht.

»Die Nazis begannen den Krieg in dem ziemlich kindischen Wahn, sie würden alle anderen bombardieren und niemand würde sie bombardieren. In Rotterdam, London, Warschau und an beinahe 50 anderen Orten setzten sie ihre ziemlich naive Theorie in die Tat um. Sie säten Wind und jetzt ernten sie Sturm.« Da die »Erinnerungskultur« aber nicht der Förderung manchmal einfacher, aber unangenehmer Einsichten dient, sondern lokaler wie nationaler Gemeinschaftsduselei, finden Harris’ Aussagen in Würzburg wenig Anklang. Zumal dort auch noch ganz andere Fragen gestellt werden. »Darf man den verheerenden Bombenangriff der englischen Royal Air Force auf Würzburg am 16. März 1945 mit den schrecklichen Gräueltaten der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 vergleichen oder gar gleichsetzen?« fragte das Volksblatt 2011. Damals sollten neue Texttafeln für einen »Dokumentationsraum« zur Bombardierung entworfen werden. Ein CSU-Lokalpolitiker mühte sich nach Kräften, die Worte »Terrorakt« und »Kriegsverbrechen« in der Dokumentation zu platzieren. Der Stadtrat überstimmte jedoch den Mann von der CSU. Dem damaligen Oberbürgermeister lag sehr daran, dass »die Verantwortung Deutschlands für die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus und die Zerstörungen des Krieges unmissverständlich zum Ausdruck kommen soll«. »Denn inzwischen scheint auch in Würzburg die Bereitschaft vorhanden zu sein, anzuerkennen, dass der 16. März nicht losgelöst von seiner Vorgeschichte in Deutschland betrachtet werden kann«, schreibt die Mainpost in diesem Jahr. Revanchismus und Revisionismus sind Sache eines Häufchens Nazis, das für den 15. März eine Demonstration angemeldet hat. Alle anderen begeben sich auf die »Suche nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur«, wie eine Veranstaltung der Mainpost heißt.

Zusammengehalten wird dieser groteske Erinnerungs- und Einfühlungskitsch durch die Parole »70 Jahre Frieden« – selbstverständlich unter Ausblendung der Tatsache, dass die Alliierten Nazideutschland unter Aufbietung aller kriegerischen Mittel zerschlagen mussten, ehe dieser Zustand eintreten konnte.


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