„Natürlich vollkommen unnötig in Zeiten des Internets“ – Ein Interview mit trashrave records.

Sebastian: Hallo Hannes. Du bist einer der Menschen die hinter dem Namen Trashrave stecken. Kommen wir gleich zu Sache: Was ist trashrave records?

Hannes: Hi Sebastian! trashrave records ist das ultimative Möchtegern-Label für Electro & Punk und das aus dem Herzen der Langeweile: Miltenberg.

S: Braucht Miltenberg ein Musiklabel, das sich offensichtlich nicht einmal sonderlich ernst nimmt?

H: Also zuerst hast du Recht: Ich nehme die Label-Geschichte nicht sonderlich ernst, was wohl auch mit der Gründung durch KBF Revolte damals zusammen hängt. Zum anderen sind wir ja kein Label im herkömmlichen Sinne, das ist mehr so ein Poser-Ding. Ich denke, das zeigt schon der Name des Labels.

S: Da stellt sich die Frage: Wer ist überhaupt „ihr“?

H: „Wir“ sind die Leute, die in gegenseitigem Kontakt stehen und Lust haben, Musik zu machen oder Partys zu schmeißen. Da gibt es immer wieder Veränderungen, je nach Wohnorten oder momentanen musikalischen Vorlieben. Im Moment schwankt die Zahl der Aktiven zwischen drei und sechs. Ich glaube, wir sind eine Mischung aus einer Ultra-Gruppe, die auf Konzerte der anderen fährt und dort Party macht, weil es sonst niemand tut, und einer musikalischen Selbsthilfegruppe, in der man Tipps austauscht oder auch mal zusammen einen Track oder sogar eine ganze CD aufnimmt. Ich sage da nur „Sonnenbrille“-Single. Außerdem gibt es eine Kasse, aus der Merch und anderes Material wie Druckkosten, CD-Rohlinge oder Versandmaterial bezahlt wird. Mittlerweile trägt sich das Ganze, was die Materialkosten angeht, sogar selbst.

S: Und was hat es mit der Gründung auf sich? War geplant, sogar einmal damit Geld einspielen zu können?

H: Blödsinn! Das war ein Scherz. Damals hat KBF Revolte auf dem Punk-Tripp ein eigenes Label gegründet, weil man das halt so macht als Punker. Natürlich vollkommen unnötig in Zeiten des Internets. Geld spielen wir übrigens auch nicht ein, sondern konnten einfach nur damit aufhören, für alles selbst aufzukommen. Hast du mal eine 50er CD Auflage produziert, gebrannt, beklebt, bedruckt, gefaltet und verpackt? Bei der ersten CD ist das noch lustig, sie besoffen zu verschenken. Später fragt man sich, wenn es nur noch trockene Nudeln zum Mittag gibt, wo eigentlich die ganze Kohle hingekommen ist. Und man überlegt sich vielleicht, das eine Mikro wieder zu verkaufen.

S: trashrave gibt es ca. seit 2011. Was habt ihr den alles an hörbarem Material rausgebracht?

H: Also da waren die drei KBF-Alben, vorher noch das Demotape, auch so ein Punkerding. Danach war dann erstmal ein bisschen Flaute. Aber Fabi Dubček und das Stachel haben dann, nachdem sich die Revolte aufgelöst hatte, EPs veröffentlicht, und das war dann auch die Öffnung für andere Künstler. Mit DJ Luk haben wir viel zu tun gehabt und Zuckerstern sowie Eisenhertz haben sich auch auf der „Sonnenbrille“-Single verewigt. Mapec, ein befreundeter Blogger und Videokünstler, hat dann eine Plattform gesucht, um seine Video-CD zu veröffentlichen. Das habe ich dann auch kurzerhand übernommen, und die kam dann zeitgleich mit der DJ-Anti-Alles-Single Germany is our Problem. Der hatte auch noch ein oder zwei Alben in der Schublade, die wir aber aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen konnten. Das letzte war das das-Stachel-Album Für immer nicht.

S: Wie kommt der geneigte Hörer in den Genuss der trashrave-Produktionen?

H: Also, die paar Leute, die das noch interessiert, haben auf unserer Website immer vollen und kostenlosen Zugriff auf alle Produktionen. Da kann man sich dann daheim die CDs brennen und selbst basteln, oder man kauft sie uns auf Konzerten ab. Ich bin dazu übergegangen, zu den Free-Downloads auch immer eine „echte“ CD rauszubringen mit Gestaltung der Rohlinge mit Stencils. Das macht sich gut im CD-Regal, und wir können was anderes essen als immer nur Reis mit Ketchup.

S: Ist es möglich, die Reichweite eines solchen Labels zu ermitteln? Zum Beispiel durch Zugriffs- bzw. Download-Zahlen?

H: Ja und nein. Also, so was wie Download-Zahlen hat mich nie interessiert, deshalb weiß ich auch gar nicht, wie ich die ermittle. Aber jetzt, wo du fragst, sollte man vielleicht mal mit anfangen. Ansonsten gibt es ja noch die Facebook-Reichweite unserer Seite, die schwankt aber zwischen drei und 500 erreichten Personen, je nachdem, was wir posten. Und diese Reichweite ist, glaube ich, nicht sonderlich ernst zu nehmen.

S: Viele Konzerte spielt ihr als Künstler nicht gerade. Will euch keiner sehen?

H: Ja, das stimmt schon. Seit der Auflösung von KBF Revolte ging Live nicht so viel. Auch das hängt wieder mit den Leuten zusammen, die gerade dabei sind. KBF hat da so eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Ich meine, die meisten Gigs, die von denen bestritten wurden, haben ja in irgendwelchen Kellern, Hinterhöfen oder Abrisshäusern stattgefunden und waren auch nicht öffentlich zugänglich. Dann war die Revolte eine kurze Weile so eine Art Zugpferd. Da hieß es dann wirklich „KBF kann nicht spielen? Na gut, dann können das Stachel und DJ Anti Alles kommen“. Mittlerweile werden wir einfach nicht mehr so oft angefragt, was natürlich schade ist, da sich alle bei uns irgendwie als Live-Bands bzw. -Künstler begreifen. Also los! Bucht uns, den verbliebenen Rest!

S: Zum Inhaltlichen: Kann trashrave als politisches Projekt verstanden werden? Denn alle Veröffentlichungen sind ja irgendwie links zu verorten.

H: Das ist eine Frage, die uns seit KBF auch begleitet. Allerdings bestehen wir nicht mehr nur aus einer Band und ihrem kleinen Umfeld, sondern aus unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern, die auch alle ihre eigenen Dinge haben, die sie antreiben. Ich würde uns mittlerweile nicht mehr unbedingt als linkes Projekt sehen, sondern viel mehr als etwas, das politisch links wird bzw. bleibt, weil politische Menschen dahinter stecken. Und wir haben alle so unsere Baustellen, wo wir aktiv sind.

S: Welchen Stellenwert gibst Du dieser Art von Intervention in den öffentlichen Diskurs?

H: Einen äußerst niedrigen. Wenn man bedenkt, wie viele irgendwie politisch aufmüpfige bis radikale Bands im Pop-Bereich herumgeistern – von Kraftklub bis Egotronic – und deren Erfolg mit der Verbreitung von linken oder linksradikalen Positionen vergleicht … Das macht schon einen echt düsteren Eindruck, und manchmal frage ich mich, was den Leuten durch den Kopf geht, die erst Audiolith- und/oder Punk-Bands feiern und danach zum deutschen Fähnchen schwenken beim public viewing gehen. Ja, das gibt es wirklich, ich habe es gesehen.

S: Wie geht es weiter? Was habt ihr geplant? Wird es ein Monsters of Trashrave o.ä. mit allen Künstlern geben, die auf dem Label veröffentlichen oder veröffentlicht haben?

H: Im Moment stehen zwei kleine Combos – Electropunk und Rap – in den Startlöchern, die Bock haben zu spielen, allerdings noch keine entsprechenden Live-Sets haben. Da werden wir noch ein bisschen abwarten; und wenn die Zeit reif ist, ein paar Konzerte organisieren und irgendwas veröffentlichen. Zum Beispiel mal auf der guten alten Kassette, da hätte ich persönlich Lust drauf. Ansonsten wurstelt das Stachel – wie eigentlich immer – an neuen Songs, da könnte dieses Jahr auch noch was erscheinen. Zum Monsters-Ding: Es gab da zwei Ideen. Erstens ein kleines privates Festival, irgendwo am Arsch der Welt. Zweitens ganz klassisch einen CD bzw. MC herausbringen, wo jeder Künstler von trashrave bzw. auch das ganze Umfeld mit je einem oder zwei Songs vertreten ist. Leider gibt es im Moment von uns aus weder an dem einen noch dem anderen ein großes Interesse, weshalb es auch nicht weitergeht.

S: Da könnten ja neue Kontakte weiterhelfen und frischen Wind in die Sache bringen. Ist das eine Möglichkeit?

H: Natürlich! Jeder, der Lust hat, Konzerte oder auch einfach nur Partys zu schmeißen und im besten Fall auch noch irgendwo aus der Nähe kommt – was aber auch nicht unbedingt sein muss – ist herzlich dazu eingeladen, uns eine Mail zu schreiben.

S: Na dann wünsche ich viel Erfolg für die Zukunft und bedanke mich für das Interview.

H: Dankeschön und bitteschön.

Interview: Sebastian Schalk; Dank an Mapec für die Mitarbeit.

Links: trashrave records. Website, trashrave records. Facebook-Seite, Kommunal-Interview mit der KBF Revolte von 2011


1 Antwort auf “„Natürlich vollkommen unnötig in Zeiten des Internets“ – Ein Interview mit trashrave records.”


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