Come in and find out – Ein Kommentar zu den Aktionen in Aschaffenburg

Kommentar von 안드레아스

„Come in and find out“: Komm herein und finde heraus. So verstehen viele deutsche „Native Speaker“ das Englisch einer großen Parfümeriekette.

„No Woman, no Cry“. „Keine Frau, kein Geschrei“, denken sich im Deutschen aufgewachsene Männer, wenn sie Bob Marleys lauschen. Und weil sie ihr Schulenglisch Wort für Wort übersetzen, kommen sie nicht auf den Gedanken, dass ihre Ad-hoc-Übersetzung grundlegend falsch ist.

„Nein Frau, weine nicht“ wäre richtig(er) und bedeutet fast das Gegenteil.

Wer Englisch Deutschen vorsetzt, mag ein Problem mit Deuschen haben oder sich einfach aufwerten wollen, geht aber immer das Risiko ein, völlig falsch verstanden zu werden.

Hinter Aschaffenburgs City Galerie sah ich heute ein Schild:

„No border! No Nation! Refugees welcome! #dieTotenkommen“

Warum in Englisch? Ist die Nachricht an hiergebliebene US-amerikanische Soldaten gerichtet? Sind die so flüchtlingsfeindlich?

Botschaften an Russen und Chinesen wären ja dank deutscher Anpassungsfreudigkeit* in Chinesisch oder Russisch abgefasst.‎ (*immer im Vergleich zu Franzosen)

Oder ist es anders, wer weiß?

Es ist sicher anders. Was aber nutzt es, Aktionen in Englisch zu verfassen, wenn diejenigen, welche Englisch verstehen, der Botschaft sowieso tendenziell zustimmen und die anderen, welche Englisch NICHT verstehen, nichts damit anzufangen wissen, aber die eigentliche Zielgruppe sind – oder sein sollten?

Oma versteht nichts. Ist ihr Enkel etwas rechtslastig, was hindert ihn daran zu übersetzen:
„Das ist Englisch und bedeutet: ‚Ohne Grenzen keine Nation. Beerdigungen willkommen.‘ Oma, ich fürchte, die Linken wollen Flüchtlinge beerdigen und dabei Spaß haben. Wir Rechte wollen sie nur abschieben, die Linken wollen sie scheinbar umbringen.“

Mmh, Deutsche haben es im Gegensatz zu Engländern und US-Amerikanern immer verstanden, eine elitäre (Fach-)Sprache der Abgrenzung gegenüber Nichtwissenden aufzubauen. Wer US-amerikanische Wissenschaftsliteratur mit deutschen Ergüssen vergleicht, weiß, was ich meine.

Hinter der City Galerie hat jemand bewusst Sprach- und Verständnisgrenzen aufgebaut und argumentiert gleichzeitig mit ‚No borders‘. Sie will, so scheint es mir – wie der englische Adel – lieber unter sich bleiben. Und das ist sooo urdeutsch.

Meint 안드레아스 aus Aschaffenburg


4 Antworten auf “Come in and find out – Ein Kommentar zu den Aktionen in Aschaffenburg”


  1. 1 Leser 02. Juli 2015 um 11:25 Uhr

    Mmh, zumindest das Main Echo hats recht gut verstanden. Und mit dem Artikel wohl auch hunderte/tausende der Zeitungs-Leser*innen

    http://www.main-echo.de/regional/stadt-kreis-aschaffenburg/art11846,3684140

  2. 2 Muttersprachler 02. Juli 2015 um 11:34 Uhr
  3. 3 Leser 02. Juli 2015 um 13:30 Uhr

    @Muttersprachler

    In der Zeit, in der du dich mit Mutter- und Fremdsprachen auseinandersetzt, hättest du mit Sicherheit 10 Brunnen einfärben können. Und bestimmt hätte die Zeit auch noch für eine richtig gute Erklärung gereicht :-)

  4. 4 Muttersprachler 03. Juli 2015 um 16:51 Uhr

    Ach, mit „Mutter- und Fremdsprachen“ habe zumindest ich mich nicht beschäftigt. Und was ich in dieser Sache getan habe (und ich habe), das darfst Du gerne mir überlassen.

    Zum Kommentar von 안드레아스 (der Gag mit dem für uns nicht lesbaren Namen scheint mir doch gelungen) kann ich nur sagen, dass ich das schon nachvollziehen kann: Szenetypische Sprache zur schnellen Identitätsbildung finde auch ich nicht prickelnd. Dennoch: Die Aktionen finde ich gut (안드레아스 wohl auch – er oder sie wollte wohl nur mehr Transparenz).

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