Zurück in die Vergangenheit?

Tacko / IL Aschaffenburg

Wir dokumentieren auszugsweise einen Beitrag aus Aschaffenburg zur Debatte um die Ereignisse rund um den G20-Gipfel in Hamburg. Der komplette Text befindet sich auf dem Debatten-Blog der Interventionistischen Linken (IL).

Zwei Dinge haben mich an der bisherigen Auswertung von #NoG20 besonders überrascht. Zum einen die Empörung über das angeblich noch nie dagewesene Ausmaß von Gewalt, die weit bis ins linke Spektrum hinein zu vernehmen war, und zum anderen die innerlinke Debatte über die »Riots« und dass offenbar entfachte Interesse am Insurrektionalismus. Beides kann ich mir nur mit den meist handzahmen Protesten der vergangenen Jahre, gepaart mit einer allgemeinen Geschichtsvergessenheit erklären. Denn weder waren die Ausschreitungen in Hamburg einmalig, noch ist der Insurrektionalismus neu. Auch der mediale Shitstorm und die Hetze gegen alles Linke wurden nicht erst in Hamburg geboren.


Wie weitreichend die Nachwehen, im Positiven wie im Negativen, sein werden, ist in Gänze noch nicht absehbar. Doch unbestreitbar ist, dass die gesamte Linke einiges zu verlieren hat. Unabhängig von etwaigen kommenden repressiven Maßnahmen sehe ich für uns selbst die Gefahr, an Profil zu verlieren.

Zugegeben, die von uns mitgetragenen Aktionen des massenhaften zivilen Ungehorsams (MZU) haben in den letzten Jahren nicht immer ihr Maximalziel erreicht. Der Preis war oft hoch und in Sachen Beteiligung ist eine Stagnation festzustellen. Denn wirkliche Massen bekommen wir bei unseren Aktionen nicht auf die Straßen. Stattdessen findet sich immer wieder ein Sammelsurium von einigen wenigen tausend Aktivist*innen zusammen. Vor diesem Hintergrund finde ich die Frage, welche Lehren wir aus den Erfahrungen von Hamburg ziehen, aktuell drängender, als die Ausschreitungen nach soziologischen Kriterien und politischen Motivationen einzuordnen oder über insurrektionalistische Konzepte zu diskutieren.

Mir stellt sich die Frage, welche Indikatoren aktuell darauf hinweisen, dass wir uns mit der Frage möglicher Aufstände auseinandersetzen sollten oder warum eventuell die Zeit für eine (vermeintlich) militantere Praxis reif wäre? Natürlich werden Gründe für die jeweiligen Überlegungen genannt. Allerdings erscheint es mir so, dass darin eine absolute Überinterpretation und teils romantische Verklärung der Ausschreitungen zum Vorschein kommt.
Denn anders als in Athen, London oder Ferguson gab es in den letzten Jahren hierzulande keinerlei spontan entstandenen Riots, »sozialen Unruhen« oder gar Aufstände. Und die Ausschreitungen in Hamburg hätten ohne das durch die (radikale) Linke inszenierte Protestgeschehen und den spezifisch lokalen Rahmenbedingungen (großes alternatives Milieu, starke linke Akteure und Infrastruktur) nicht stattgefunden. Hamburg taugt also meines Erachtens nach weder für hypothetische Annahmen, noch als besonderes Potential, aus dem wir für zukünftige Kämpfe schöpfen könnten.

Wie könnten wir zukünftig massenhafte ungehorsame Aktionen und Blockaden als das verkaufen, was sie tatsächlich sein könnten? Nämlich eine zutiefst kämpferische, selbstermächtigende und relativ repressionsarme Praxis, die durchaus materielle Siege erringen kann, wenn sie wirklich massenhaft und von Selbstbewusstsein getragen ist. Die auch über das Ereignis hinaus die Beteiligten zum Ungehorsam ermuntern und rebellische Hoffnung produzieren kann.
Ob aber das Herrschaftsspektakel in Form von Gipfeln, die heute mehr denn je symbolisches statt materielles Gehalt aufweisen, überhaupt die Rahmenbedingungen bieten, um über symbolischen Aktivismus und das Produzieren mehr oder weniger schöner Bilder hinaus zu gelangen, ist eine Frage, die uns schon lange begleitet und noch immer nicht befriedigend beantwortet wurde.
Unabhängig davon denke ich, dass das Potential für ungehorsame Massenaktionen noch lange nicht ausgereizt ist. Auch wenn wir uns nach Hamburg in einer Situation befinden, in der erst einmal die (Wieder)Herstellung ihrer Legitimität auf der Tagesordnung zu stehen scheint. In unserer ersten, vorläufigen Bilanz schrieben wir: »Für die Zukunft werden wir sorgfältig auswerten, welche Aktionsformen und politischen Strategien unter den Bedingungen einer polizeilichen Bürgerkriegsübung im urbanen Raum angemessen sind.«
Ich hoffe sehr, dass wir uns dieser Auswertung, mit der dafür notwendigen Intensität und Ausdauer, widmen und dabei auch Ansichten anderer linker Akteure mit einbeziehen, die vor ähnlichen Problemen stehen wie wir. Gleichzeitig sollten wir die Debatte um zeitgemäße Aktionsformen auch dafür nutzen, den Faden »Findung einer Gesamtstrategie« wieder aufzugreifen. Erst wenn wir eine grobe Idee davon haben, wie und mit wem wir uns eine gesellschaftliche Transformation und den revolutionären Bruch eigentlich vorstellen, wird es uns gelingen, eine gemeinsame Praxis zu entwickeln, in der sich nicht nur unterschiedliche Politikansätze, sondern auch Großproteste und Alltagskonflikte gegenseitig bereichern können.
Zwar haben wir uns der Frage »Was heißt radikale Politik heute?« bereits im Rahmen der Strategiekonferenz 2016 gestellt, aber eine Antwort steht nach wie vor aus. Ich habe meine Zweifel, ob wir der Antwort durch Hamburg einen Schritt nähergekommen sind. Denn bei mancher Äußerung von Genoss*innen ist mir unklar, ob es wirklich um eine Auswertung von #NoG20 geht oder sich nur dasselbe wiederholt wie vor 30 Jahren, als Bolle brannte.
In diesem Sinne: Nach vorne gehen statt »back to the roots«!
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Tacko ist aktiv in der Ortsgruppe Aschaffenburg. Er versteht sich als undogmatischer Anarchist mit Organisationsaffinität und fühlt sich genau deswegen in der IL gut aufgehoben.


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