Die Denunziation eines Untermieters genügte: Am 26. Januar 1945 wurde Elisabeth Mill aus Aschaffenburg wegen angeblicher »Hetzreden gegen den Führer« hingerichtet. Genau ein Jahr zuvor war sie denunziert und in ihrer Wohnung Elisenstraße 10 verhaftet worden.
Die Elisenstraße in Aschaffenburg war zu Beginn der 1930er Jahre mit ihren Mietshäusern im Stil der Gründerzeit eine schmucke und beliebte Wohnstraße. Im vierstöckigen Mehrfamilienhaus Nummer 10 wohnten dreizehn Mietparteien in harmonischer Gemeinschaft, im Erdgeschoss neben anderen die Familie des Schneidermeisters Heinrich Mill.

Für sich und den Sohn gesorgt

Der Witwer hatte 1920 die 15 Jahre jüngere Schneiderin Elisabeth Lippert aus Hummetroth (heute Odenwaldkreis) geheiratet und betrieb in der Elisenstraße eine kleine Heimschneiderei. 1922 kam ihr einziges Kind Alfred zur Welt. Im Herbst 1935 erhängte sich Heinrich Mill nach einem Streit, 53 Jahre alt. Seine Witwe musste nun den Lebensunterhalt für sich und den Sohn selbst bestreiten. Sie arbeitete in Kleiderfabriken, nähte für andere Familien und besserte Wäsche aus.
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges änderten sich die Sozialstrukturen in Deutschland radikal. Väter und Söhne wurden an die Front eingezogen. Die Frauen mussten allein die Familie durchbringen. Man rückte enger zusammen und schuf in den Wohnungen Platz für zahlende Untermieter.

Vom Untermieter denunziert

Auch Elisabeth Mill vermietete ein Zimmer und stellte an Wochenenden zusätzlich ihr Schlafzimmer Soldaten zur Verfügung, die von ihren Frauen besucht wurden. Ab 1941 wohnte bei ihr der unverheiratete Reichsbahnschaffner O. B. 1943 zog auch seine junge Ehefrau ein; man fühlte sich also wohl bei Frau Mill.
Am 24. Januar 1944 wurde Elisabeth Mill von ihrem Untermieter denunziert und drei Tage später wegen »Vergehens gegen das Heimtückegesetz« in das Landgerichtsgefängnis (»Hinter der Sandkirche«) eingeliefert. Bei seiner schriftlichen Anzeige berief sich O.B. auf seine »Pflicht als NSDAP-Mitglied und Wehrmachtsangehöriger« und schilderte einen Vorfall, der sich an einem weit zurückliegenden Tag im Herbst 1942 abgespielt haben soll.

»Der Führer, dieser Lump«

Als er damals von der Arbeit nach Hause kam, habe ihn Frau Mill in die Küche gerufen und mit folgendem »gehässigen Redeschwall« überfallen: »Der Führer, dieser Lump, hat die ganze Welt ins Unglück gestürzt. Dieser Bluthund! Wenn ich damals gewusst hätte, als mein Sohn zur Welt kam, dass er später einmal für diesen Lumpen Soldat werden muss, hätte ich ihn sofort ums Leben gebracht.« Der Eisenbahner gab an, er habe sich solche Beschimpfungen des »geliebten Führers« verbeten.
Aber Frau Mill habe sich nicht beirren lassen, vor Zorn geweint und die Todesqualen geschildert, die sie Hitler zufügen würde, falls er sich in ihrer Gewalt befände. Abschließend bekräftigte O. B.: »Ein größerer Staatsgegner ist mir nie begegnet und ich glaube bestimmt, dass sie derartige Redensarten auch bei anderen ihr bekannten Volksgenossen führt.«
Es fehlte nicht die Beteuerung, seine Anzeige sei in keiner Weise ein Racheakt, er habe keinen Streit mit Frau Mill, er sei ja sogar ihr Untermieter. Das war ein bei Denunziationen immer wieder stereotyp vorgebrachtes Argument, das der moralischen Selbstentlastung diente.
Als NSDAP-Mitglied war sich O. B. der Tragweite seiner Denunziation bewusst. Was bislang den Tatbestand der »Heimtücke« erfüllt hatte, wurde ab 1942 strafverschärfend als »Defaitismus« oder »Wehrkraftzersetzung« geahndet, mit drakonischen Freiheitsstrafen bis hin zum Todesurteil. Mit Exekution zu rechnen hatte insbesondere, wer in der Kriegsendphase NS-Funktionären und gar Adolf Hitler den Tod wünschte.

Nach Moabit »verschubt«

Am 12. April 1944 wurde Elisabeth Mill gefesselt im Einzeltransport in das Untersuchungsgefängnis Moabit beim Kriminalgericht Berlin »verschubt«.
Am 17. November 1944 erging Anklage vor dem berüchtigten Volksgerichtshof, geleitet von Reichsanwalt Heinrich Felix Parrisius (1885-1976). Er hatte 1938 die Funktion des Volksgerichtshofes wie folgt beschrieben: »Seine Aufgabe ist nicht Recht zu sprechen, sondern die Gegner des Nationalsozialismus zu vernichten.«
Die Verhandlung fand im Dezember 1944 statt, am 21. Dezember 1944 erging das Urteil: »Elisabeth Mill hat durch unflätige Hetzreden gegen den Führer den Widerstandswillen des deutschen Volkes untergraben und den Feindmächten Vorschub zu leisten gesucht. Sie wird deshalb zum Tode verurteilt.« Am 26. Januar 1945 um 11.30 Uhr wurde Elisabeth Mill im Alter von 47 Jahren in Berlin-Plötzensee mit der Guillotine hingerichtet – drei Monate vor Kriegsende. Sie war während der Haftzeit völlig ergraut, wog nur noch 37,5 Kilogramm und litt erkennbar unter geistiger Verwirrung.

Das Motiv ist unklar

Welches Motiv hatte der 30-jährige Reichsbahnschaffner für die Denunziation seiner Vermieterin? Spekulierte er auf ihre Wohnung? Fest steht, dass das junge Ehepaar nach der Verhaftung von Elisabeth Mill noch acht Monate von der leer stehenden Wohnung profitierte, bevor es – Frau B. war schwanger – im September 1944 in eine eigene Wohnung in der Würzburger Straße zog.
O. B. wurde 1948 im Entnazifizierungsverfahren vor der Spruchkammer Aschaffenburg-Stadt als »Mitläufer« eingestuft und zu einer »Sühne« von 250 Reichsmark verurteilt. Er starb 2002 im Alter von 88 Jahren in einer Landkreisgemeinde.
Im Frühjahr 2009 wurden vor dem Haus Elisenstraße 10 drei »Stolpersteine« in den Bürgersteig versenkt, zur Erinnerung an Elisabeth Mill und ihre Wohnungsnachbarn Martha und Bernhard Krosse. Auch sie zählten zu den Verfolgungsopfern des nationalsozialistischen Terrorregimes.


Elisabeth Mill

Die Macht der kleinen »Volksgenossen« – Denunziation im Nazi-Regime

Die Denunziation unterscheidet sich von der sittlich gerechtfertigten und begründeten Anzeige einer strafbaren Handlung durch die moralische Fragwürdigkeit ihres Motivs. Bei den meisten Denunzianten handelte es sich um unauffällige Normalbürger.
Nach dem Prinzip der Einbahnstraße wurde fast immer von unten gegen unten oder von unten nach oben denunziert: Hausbewohner denunzierten sich gegenseitig, der Lehrling denunzierte seinen Meister, der Vorarbeiter seinen Chef, der (Unter-)Mieter seinen Vermieter, der Arbeitslose jenen, der in Lohn und Brot stand.
Mittels einer Anzeige ließen sich private Differenzen problemlos auf die politische Ebene verlagern. Die vielzitierte »Pflicht gegen Volk und Führer« spielte dabei weniger eine Rolle als niedere Beweggründe wie Habgier, Rachsucht oder Missgunst. Das weit verbreitete Vorurteil, Frauen hätten häufiger denunziert als Männer, lässt sich nach empirischen Untersuchungen nicht aufrechterhalten. Die Überzeugung, dass jeder »treue Staatsbürger«, der einen anderen anzeigte, im nationalsozialistischen Sinne politisch korrekt handelte, besiegte dabei möglicherweise moralische Bedenken und ethische Gewissensbisse.

Kein Gesetz erzwang Verrat

Justiz- und Gestapo-Akten belegen eine Denunziationsbereitschaft der deutschen »Volksgenossen« in einem schier unvorstellbaren Ausmaß. Fast 80 Prozent aller Verhaftungen beruhten auf Denunziationen und nicht auf Beobachtungen der Gestapo oder ihrer V-Leute. Die »Judasarbeit« war eine freiwillige Entscheidung. Es gab weder ein Gesetz noch eine Verordnung der NS-Machthaber, die Verrat erzwang. Um überhaupt in die Privatsphäre der Bürger und Bürgerinnen eindringen zu können, war die Gestapo auf Anzeigen aus deren Umfeld angewiesen; ohne die hätte sich das Terrorsystem nicht durchsetzen können.
Der NS-Staat wurde zu einer sich selbst überwachenden Gesellschaft, die Denunziation avancierte zum Massenphänomen: Massen waren nicht nur Opfer, Massen waren es auch, die verrieten. Niemand war vor einer Denunziation sicher. Es herrschte eine verlogene Atmosphäre, in der offiziell die »Volksgemeinschaft« propagiert wurde, inoffiziell aber jeder gegen jeden und alle gegen alle kämpften. Der gesamte Alltag bis in die Intimsphäre stand unter Kontrolle; persönliche Bindungen und soziale Verankerungen wurden immer mehr ausgehöhlt.
Je brutaler der Krieg – insbesondere der Bombenkrieg – nach Deutschland hineingetragen wurde, desto mehr nahm die denunziatorische Aggressivität zu. Der hohe Anteil der Privatanzeigen wegen »Wehrkraftzersetzung« in den Verfahren vor dem Volksgerichtshof verdeutlicht gleichzeitig, dass die Siegesmeldungen und Durchhalteparolen der NS-Machthaber immer weniger geglaubt wurden. Harte Strafen sollten abschrecken und die »Siegeszuversicht« und den »Wehrwillen der deutschen Volksgemeinschaft« stärken.

Im Westen nur 18 Urteile

Nach 1945 galten Denunziationen, die eine langjährige Haft oder den Tod des Opfers nach sich gezogen hatten, gemäß dem Alliierten Kontrollratsgesetz Nr. 10 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Während bis 1950 in der sowjetischen Besatzungszone und ehemaligen DDR 2426 Männer und Frauen verurteilt wurden, gab es im Westen bis 1949 nur 18 Urteile wegen Denunziation mit Todesfolge. Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren waren die Regel.

Dr. Monika Schmittner (zuerst veröffentlicht in Main-Echo, 26.01.10)
Wir danken der Autorin für die Genehmigung zum Nachdruck auf kommunal.