8. Mai 1945 – Tag der Befreiung vom Nazi-Terror
Gemeinsame Erklärung von Gruppen und Verbänden in der Region Aschaffenburg-Miltenberg, 1995

Am 8. Mai 1995 jährt sich zum 50. Mal die Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime. Am 8. Mai 1945 wurde die Kapitulationsurkunde des Dritten Reiches unterzeichnet, der Zweite Weltkrieg, der über 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, war in Europa zu Ende. Ganz Deutschland war von alliierten Truppen besetzt, überall im Land begannen Entmilitarisierung und Entnazifizierung. Auch wenn es damals für viele Deutsche angesichts einer zerbombten Heimat und toter Angehöriger schwer war, dies einzusehen: dieser völlige Zusammenbruch war zugleich die Voraussetzung für den Aufbau eines demokratischen Deutschland.
Heute ist die Bundesrepublik eine parlamentarische Republik, die in ihr Grundgesetz die Bürger- und Grundrechte aufgenommen hat. Innerhalb dieses Gebildes jedoch wachsen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, geschürt von PolitikerInnen, die von „Überfremdung“ und „Asylantenflut“ reden.
Unter dem Vorwand einer gewachsenen Verantwortung des vereinigten Deutschlands wird der weltweite Einsatz deutscher Truppen vorbereitet; deutsche Soldaten sollen wieder ein legitimes Mittel deutsche Außenpolitik werden.
Während der „Sozialstaat“ Stück für Stück demontiert wird, werden die Befugnisse von Geheimdiensten und Polizei zunehmend erweitert: wenig Staat, wenn es um soziale Rechte geht, viel Staat, wenn es um die Kontrolle der BürgerInnen geht.
Konservative PolitikerInnen basteln an einem neuen Deutschland, das sich vom Ballast seiner faschistischen Vergangenheit befreit hat und zur „Normalität“ übergehen kann. Als der damalige italienische Regierungschef Berlusconi die neofaschistische Partei in seine Regierung holte und Bundeskanzler Kohl ihm dazu gratulierte, war dies ein kleiner, aber deutlicher Fingerzeig, dass Faschisten wieder hoffähig werden.
Wer aus der Vergangenheit nichts lernt, muss sie wiederholen. Wer aus wahltaktischen Oberlegungen Bevölkerungsgruppen ausgrenzt und anstelle von Problemlösungen Sündenbocktheorien anbietet, sät Fremdenhass. Wer demokratische Rechte leichtfertig aushöhlt oder sogar abschafft, zersetzt in der Bevölkerung das Bewusstsein vom Wert dieser Rechte. Wer vorgibt, internationale Kontakte durch militärische Gewalt lösen zu können, verdeckt damit nur seine wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Wer aus der deutschen Geschichte der letzten hundert Jahre nichts lernen will, wird damit zwangsläufig zum Mitläufer in einem autoritären Staat.
Deshalb gedenken wir der Befreiung Deutschlands; wir wollen erinnern an die Opfer der Gewaltherrschaft, an alle, die Widerstand geleistet und für die Befreiung vom Nationalsozialismus gekämpft haben. Wir wollen Ursachen aufzeigen für die Entstehung von Rassismus, Faschismus und Krieg. Wir wollen diese Ursachen bekämpfen, um zu verhindern, dass es jemals wieder so weit kommt. Denn nur wenn wir aus der Vergangenheit lernen, hat die Freiheit eine Zukunft.

Diese Erklärung wurde verfasst anlässlich der Veranstaltungsreihe zum 8. Mai 1995 – 50 Jahre nach der Befreiung, an der folgende Gruppen und Organisationen aus dem Raum Aschaffenburg-Miltenberg beteiligt waren: Ärzte gegen atomare Bedrohung, Aschaffenburg; Bündnis gegen Rechts, Aschaffenburg; Christen für den Frieden, Aschaffenburg; Demokratische Bewegung, Aschaffenburg; Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, Aschaffenburg; DGB/IG Metall, Aschaffenburg-Miltenberg; Evangelisches Amt für Industrie- und Sozialarbeit, Dekanat Aschaffenburg-Miltenberg; Frauengruppe FRIEDA, Kreis Miltenberg; Friedenskomitee Aschaffenburg; IG Metall-Jugend, Aschaffenburg; Initiative für Demokratie und Frieden, Kreis Miltenberg; Initiative Kaufhaus Löwenthal, Aschaffenburg; Nicaragua-Komitee, Aschaffenburg.

Ursprünglich veröffentlicht in der Broschüre „50 Jahre danach“, IDeF, Miltenberg 1995, eingescannt und leicht redaktionell überarbeitet im Februar 2009