Friedel Heymann – als angeblicher Deserteur in Aschaffenburg hingerichtet

In ihrem Buch „… befinden sich hier eine Anzahl staatsfeindlicher Elemente“ (Frankfurt 1985) beschreibt die Historikerin Dr. Monika Schmittner Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 im Raum Aschaffenburg. Darin berichtet sie auch über die Hinrichtung des Soldaten Friedel Heymann.
2002 erschien als Nachfolgeband „Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 am bayerischen Untermain“ (Alibri Verlag Aschaffenburg).
Hingewiesen sei auch auf den Beitrag „Die Pflicht der Nachwelt: Erinnern, ehren, gedenken.“ von Monika Schmittner in Spessart 4/1999. Auch darin wird die Geschichte um den Tod von Friedel Heymann behandelt.
Die verwendeten Fotos stammen aus den erwähnten Publikationen.

Zur Vorgeschichte des folgenden Textes nur so viel:
Im März 1945 schwindet der Kampfeswille in Aschaffenburg, das zur Festung erklärt worden war. Major Lamberth, Kampfkommandant von Aschaffenburg, verbietet, innerhalb 24 Stunden mehr als drei Stunden zu schlafen; Hitler selbst hatte Befehl gegeben, die Stadt ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu halten und jeden zu erschießen, der sich dieser Anordnung widersetzen wollte.
In dieser Situation beginnt der Bericht von Monika Schmittner.

Jeder Fall von „Feigheit vor dem Feind“ wurde dem Standgericht übergeben, das in abgekürzten Strafverfahren Urteile fällen und vollstrecken konnte. Das Standgericht in Aschaffenburg befand sich im Keller des Stabsgebäudes der Jä­gerkaserne in der Würzburger Straße 45. Es war von Kampfkommandant Ma­jor Lamberth gebildet worden und hatte während seiner makabren Tätigkeit über etwa 40 Fälle zu befinden. Es verurteilte drei kampfmüde, so genannte fahnenflüchtige Soldaten zum Tode und befahl die Erschießung von Hauptmann Baur auf den bloßen Verdacht der Spionage hin, ohne Verhandlung.

Hier in der Jägerkaserne fand auch die „Verhandlung“ gegen Leutnant Friedel Heymann statt, eines der düstersten Kapitel in der Geschichte der Stadt Aschaffenburg. Ein Unschuldiger wurde für eine wahnsinnige Idee ermordet. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Kampfkommandant Lamberth den Fall Heymann benutzte, um ein Exempel zu statuieren, das auf die verteidigungs­müden und teilweise resignierten Soldaten als auch auf die Aschaffenburger Bürger aufschreckend wirken sollte. Später äußerte sich Lamberth zu der Fra­ge, wie es zu diesem Urteil kommen konnte, sinngemäß: „Ich habe ein ab­schreckendes Beispiel gebraucht, weil keiner mehr kämpfen wollte und ein Of­fizier musste es sein.“

Der 26jährige Friedel Heymann – im Zivilleben Student der Rechtswissen­schaften – war am 2. Februar 1945 wegen einer schweren Verwundung an der linken Hand ins Teillazarett der Artilleriekaserne nach Aschaffenburg gekom­men und von dort zur ambulanten Behandlung ins Reservelazarett in der Turnhalle in Schweinheim überwiesen worden. Er trug das EK I und EK II so­wie das Verwundeten-Abzeichen und war zur Verleihung des Deutschen Kreuzes in Gold vorgeschlagen. Am 23. März 1945 heiratete er Anneliese Bütt­ner vor dem Standesbeamten Welzbacher; am nächsten Tag fand die kirchli­che Trauung in der Pfarrkirche Maria Geburt in Schweinheim statt.

Am Kardienstag, den 27. März 1945, erschienen zweimal Streifen bei ihm zu­hause und kontrollierten seine Papiere, die in Ordnung waren. Einer der Solda­ten meinte zu Friedel Heymann: „Ich würde mich bei der Kampftruppe mel­den“, worauf Friedel Heymann erwiderte: „Ich tue, was mein Arzt sagt.“  Als Verwundeter unterstand er dem Chefarzt des Lazaretts und hatte nur des­sen Anordnungen zu folgen.

Der Lazarettarzt Dr. Barbey hatte Friedel Heymann mitgeteilt, er müsse mit der Amputation der ganzen linken Hand rechnen, da die Wunde (ein Granatsplitter hatte ihm den Zeigefinger abgerissen) nach der Operation nicht heilte und sich bereits schwarz verfärbte.

Frau Heymann-Heßler (die Witwe von Friedel Heymann, Red.) berichtet weiter: „Obwohl auch bei dieser zweiten Kontrolle die Papiere in Ordnung befunden wurden, forderte man meinen Mann auf, mitzukommen, da Oberleutnant Altpeter die Papiere ebenfalls se­hen wollte, was keinen rechten Sinn machte, denn ein Oberleutnant steht rangmäßig unter einem Hauptmann und ein solcher hatte die Papiere ja bereits ge­sehen. Der Hauptmann nahm die Papiere – einschließlich der wichtigen Laza­rettpapiere – an sich und steckte sie in seine linke Jackentasche. Auf meinen Hinweis, dass wir seit zwei Tagen nichts gegessen hätten – infolge des Beschus­ses konnten wir die Küche nicht benutzen – zeigte sich der Hauptmann entge­genkommend und war bereit, so lange zu warten. Aber mein Mann lehnte die­ses Angebot ab: `Ach Annelie, ich komme ja gleich wieder.´ Dies sollten seine letzten Worte an mich sein.“
Friedel Heymann wird umgehend vor das „Standgericht“ gebracht. Wer die Verhaftung veranlasst hat, ist später ebenso wenig zu klären wie das spurlose Verschwinden der beweisträchtigen Lazarettpapiere.

Das Standgericht – unter dem Vorsitz von Major Robert Jung und dem Beisit­zenden Leutnant Wolfgang Bonfils –  verurteilt Heymann noch am gleichen Abend wegen „Fahnenflucht und Feigheit vor dem Feind“ zum Tode durch den Strang. In der kurzen „Verhandlung“ kann sich Friedel Heymann kaum verteidigen.

Am nächsten Morgen – Mittwoch, den 28. März 1945 – bestätigt Kampfkom­mandant Emil Lamberth offiziell das Todesurteil. Um 9 Uhr wird Leutnant Friedel Heymann vor das damalige Cafe´ Höfling in der Herstallstraße 5 ge­bracht. Der Verband an seiner linken Hand ist durch einen Handschuh ersetzt, um seine Verwundung der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Bevor der Offizier gehängt wird, reißt ihm Lamberth vor einer größeren Menschenansammlung, die sich rasch am „Scharfen Eck“ eingefunden hat, die Schulterstücke, EK I, EK II sowie das Verwundeten-Abzeichen ab und wirft sie ihm vor die Füße. Neben Friedel Heymann lässt Lamberth ein Plakat anschlagen mit dem Text: „Feiglin­ge und Verräter hängen! Gestern starb ein Offiziersanwärter aus Elsaß-Lothringen bei der Vernichtung eines Feindpanzers den Heldentod. Er lebt weiter. Heute hängt ein Feigling im Offiziersrock, weil er Führer und Volk ver­riet. Er ist für immer tot !“

Kurz vor der Hinrichtung überfliegt ein Jagdbomber die Stadt. Kampfkom­mandant Lamberth wirft sich angstvoll zu Boden und sucht sich zu schützen, er, der im Begriff steht, Friedel Heymann wegen „Feigheit vor dem Feinde“ er­morden zu lassen.

Mit gefesselten Händen lässt Friedel Heymann alles über sich ergehen. Sein Tod ist eine beschlossene Sache, jede Verteidigung zwecklos. Anneliese Hey­mann-Heßler: „Mein Mann hätte schreien sollen, aber was hätte es genützt, bei einem Haufen Betrunkener, die seinen Tod schon bestimmt und mit Vorbedacht eingeleitet hatten, die sich als Opfer einen verwundeten Frontsoldaten ausgesucht hatten.“

Friedel Heymann besteigt das aus zwei Böcken und Brettern zusammengebaute Gerüst. Ein Gefreiter und Reserveoffiziers-Bewerber legt ihm um den Hals einen Strick, der am Geschäftsschild des Café Höfling befestigt ist. Der ermordete Friedel Heymann hängt dort sieben Tage, bis zum Einmarsch der Amerikaner am Dienstag, den 3. April 1945.

Die junge, erst seit fünf Tagen verheiratete Anneliese Heymann wusste nichts von der tragischen Ermordung ihres Mannes. Sie wartete immer noch vergeb­lich auf seine Rückkehr. Erst einige Tage später erfuhr sie die furchtbare Wahr­heit: „Am Karsamstag, als wir von den Amerikanern aus dem Keller herausgeholt wurden und weiter zurück mussten, sagte mir eine Frau das für mich Unfaßbare, und dass es bereits am Mittwoch früh geschehen sei. Andere Keller-Insassen beruhigten mich, indem sie sagten: ,Du weißt doch, dass die Frau nicht ganz richtig im Kopf ist.´… Ich konnte auch nicht an die schreckliche Stelle ge­hen, denn in der Stadt wurde noch gekämpft … Am Dienstag nach Ostern wollte ich gerade meine Freundin mitnehmen, um nach meinem Mann zu sehen, als ein paar Männer zu uns kamen, die meinen Vater kannten. Sie erzählten, dass sie meinen Mann mit einem Handwagen auf den Friedhof gebracht hätten. Meine Mutter begleitete mich dorthin und so sah ich das schrecklichste Bild meines Lebens …“

Monika Schmittner
(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin)
aus: Asyl am Untermain Nr. 25, August 2001
Vorbemerkung überarbeitet; ansonsten Text aus Asyl am Untermain übernommen