Ein „Deutscher Freundeskreis“ hatte für die Woche vom 25. bis 30.11.91 eine „Aschaffenburger Aktionswoche“ angekündigt. Graffitis von Neonazis und Rassisten gibt es in Aschaffenburg schon seit Jahren ebenso wie Anpöbeleien und Angriffe auf Nicht-Deutsche, Punks und eine linke Kneipe.

Diese Situation versuchte der „Deutsche Freundeskreis“ mit Flugblattaktionen, Veranstaltungen und einer so genannten Mahnwache vor einer Asylbewerber/innen-Unterkunft für seine Ziele zu nutzen. In einem internen Papier, das u.a. der SPD, der Arbeiterwohlfahrt und der IG Metall etwa eine Woche vor dem 25.11. zuging, bezeichnet sich der „Freundeskreis“ als „überparteiliches Aktionsbündnis nationaler Verbände am Untermain“. Der „kollektiven Führung“ gehören lokale Nazigrößen wie Klaus Beier (NPD), Uwe Schyia (Deutsche Liga), Axel Schunk (NO), Falco Schüssler (FAP) und Jürgen Schwab (ehem. REP, Initiator des REP-KV Miltenberg) an.

FAP, NO, Wiking-Jugend, Deutsche Liga und NPD traten in dieser Region zum ersten Mal gemeinsam öffentlich auf. Die bisherigen Trennungslinien zwischen der sich bürgerlich-rechtsstaatlich gebenden NPD und der offen militant-faschistischen FAP, die sich in der Tradition von SA und SS sieht, wurden zugunsten eines aktionsorientierten Minimalkonsenses überwunden. Verantwortlich für das interne Schreiben zeichnete Jürgen Schwab, der in der „Deutschen Rundschau“ (9/91) in seinem Artikel „Wahlpartei oder Nationalbewegung – wo liegt die Zukunft der deutschen Rechten?“ das Konzept eines überparteilichen und bundesweiten „Deutschen Freundeskreises“ vorgestellt hatte. Dem Papier des „Deutschen Freundeskreises“ lag das zur Verteilung vorgesehene Flugblatt bei. Unter der Parole „Ja zu Europa – Nein zu dieser EG!“ wird in dem Pamphlet der Bogen von der Ablehnung des europäischen Binnenmarktes zur so genannten Asylantenproblematik und angeblicher Überfremdungsgefahr gespannt: „Die farbige Bevölkerung der Vororte von Paris, Marseille und London wird ab 1. Januar 1993 leichten Zugang in die BRD haben, wenn die Grenzen gefallen sind. Dem deutschen Volk droht dann das Rassenchaos von New York.“

In Aschaffenburger antifaschistischen Kreisen wurde in dem Umstand, dass u.a. sozialdemokratische und gewerkschaftliche Organisationen ein (vorgeblich) internes Papier der Nazi-Aktivisten zugesandt bekommen hatten, ein Versuch des „Deutschen Freundeskreises“ gesehen, die örtlichen Antifaschisten zu kopfloser Gegenaktion zu veranlassen. Das lokale Bündnis gegen Rechts (Anarchisten und Autonome um das Libertäre Forum, FAU, Kuhle Wampe, MLPD, DKP, Die Grünen/GAL, Halkevi, DGFG/VK, IG Metall, ÖTV, GEW) zog daraus die Einschätzung, dass jedes Einlassen auf Aktivitäten des „Deutschen Freundeskreises“ kontraproduktiv sei. Öffentliche Gegenaktionen antifaschistischer Kräfte würden dem „Deutschen Freundeskreis“ nur Publizität verschaffen. Die Haltung der regionalen Presse bestätigte im Nachhinein diese Einschätzung; die regionalen Zeitungen waren sich einig, nur über die Aktivitäten des Aktionsbündnisses zu berichten, wenn es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen würde.

Das Hauptanliegen des Bündnisses gegen Rechts war es, einen effektiven Schutz der Asylbewerber/-innen-Unterkünfte und der in Aschaffenburg lebenden Nicht-Deutschen zu organisieren. Während der ganzen Woche und besonders am Wochenende vom 29.11. bis zum 1.12. wurden Fahrwachen durchgeführt, woran am Wochenende bis zu 150 Antifaschistinnen und Antifaschisten aus dem Umfeld des Bündnisses, den Gewerkschaften und viele Nicht-Deutsche beteiligt waren. Außerdem wurden von nicht-deutschen Gruppen wie dem Türkischen Volkshaus (Halkevi), der Islamischen Vereinigung und einer multinationalen Jugendgang eigene Patrouillen durchgeführt. Durch diese Maßnahmen und ein stärkeres Auftreten der Polizei kam es zu keinen Angriffen auf die Heime der Asylbewerber/-innen.

Für den „Deutschen Freundeskreis“ wurde die Aktionswoche nur zum Teil zum Erfolg. Das Flugblatt konnte vor drei Fabriken von einer 15köpfigen Gruppe verteilt werden, da unvorhergesehen ein anderer als der in dem Aktionsplan angegebene Ort gewählt worden war. An der Autorenlesung mit dem Chefredakteur der „Deutschen Rundschau“, Karl Richter, am 27.11. in einer Vorortgemeinde nahmen nur 30 bis 40 Personen teil. Der gut organisierte Saalschutz des „Freundeskreises“ lässt darauf schließen, dass mit antifaschistischen Gegenaktionen gerechnet wurde. Die Flugblattverteilung in der Aschaffenburger Innenstadt am 28.11. konnte durch die massive Präsenz nicht-deutscher und deutscher Antifaschistinnen und Antifaschisten verhindert werden, der „Freundeskreis“ musste sich auf eine Verteilung in die Briefkästen verschiedener Stadtteile zurückziehen. Die so genannte Mahnwache vor einem Wohnheim von Asylbewerber/-innen, die durch die Intervention der Stadtverwaltung in eine Veranstaltung in unmittelbarer Nähe des Heims umgewandelt worden war, wurde von den Nazis eine halbe Stunde vor Beginn abgesagt, wozu sicherlich auch die massive Anwesenheit von antifaschistischen Kräften und Polizei beigetragen hat.

Der angestrebte Höhepunkt der Aktionswoche, eine „national-revolutionäre Kundgebung“ mit dem FAP-Bundesvorsitzenden Friedhelm Busse fand in einer Spessartgemeinde 25 Kilometer entfernt von Aschaffenburg statt. Unter Beobachtung der Polizei fanden sich schlappe dreißig militante Faschisten ein. Busse riet zur Bildung von Kleingruppen, um „Aktionen durchzuführen“ und zum Aufbau von „Sportvereinen zur Leibesertüchtigung“, da Wehrsportgruppen zu auffällig seien.

Zum Ende der Aktionswoche tauchte ein zweites Flugblatt auf, das dem Tenor der Rede von Busse entsprach. Von verschiedener Seite wurde wegen dieses Flugblatts Anzeige erstattet, da es den Tatbestand der Volksverhetzung und des Aufrufs zur Gewalt erfülle. (Der „Deutsche Freundeskreis“ erstattete ebenfalls Anzeige – gegen Unbekannt.)

Der „Deutsche Freundeskreis“ konnte trotz seines „gemäßigten“ und auf den weit verbreiteten rassistischen Konsens ausgerichteten Vorgehens keinen größeren Erfolg erzielen. An ihren verschiedenen Veranstaltungen nahmen nicht mehr als insgesamt 80 Personen teil, die vermutlich ohnehin dem traditionellen Nazi-Umfeld entstammen. Und das pragmatische Herangehen der Aschaffenburger Antifaschistinnen und Antifaschisten bewirkte ein übriges, den Naziaktivisten das Konzept zu verderben.

Dieser Beitrag erschien zuerst in analyse & kritik (ak) Nr. 338,13.1.1992
Autoren: cz. und el., Aschaffenburg