1. Mai 2010 in Aschaffenburg und Miltenberg

Bereits am Vorabend es 1. Mai, also am Feitag, 30. April, wurde eine Mai-Feier in Miltenberg durchgeführt. Ein Redner ging darauf ein, dass dies vermutlich die erste Mai-Feier in Miltenberg seit dem letzten Weltkrieg war, damit also die erste demokratische Mai-Feier seit 1932!
Als Hauptredner sprach Prof. em. Rainer Roth; Mitschnitt seiner Rede hier:

Er ging schonungslos mit dem Kapitalismus ins Gericht, einem Wirtschaftssystem, das dank zwanghafter Profitorientierung immer wieder zu Krisen führen muss. Nicht die angebliche Gier ist Auslöser der aktuellen Krise, die noch lange nicht beendet ist, sondern der grundlegende Charakter eines Wirtschaftens, das auf privater Aneignung basiert und nur einen wirklichen Sinn kennt: Aus Geld mehr Geld zu machen. Es gilt, so Rainer Roth, sich durch Gier-Geschwätz und anderem Unsinn nicht von der Durchsetzung von Verbesserungen und dem Kampf gegen weitere Zumutungen für die Mehrheit der Bevölkerung ablenken zu lassen. Konkrete Forderungen hält er dabei für sehr wichtig; so favorisiert er 500 Euro Eckregelsatz für Arbeitslosengeld-II-Bezieher/innen, 10 Euro steuerfreien Mindestlohn pro Stunde und 30 Wochenstunden Arbeitszeit bei Lohnausgleich.

Musik gab es beim Miltenberger Mai-Fest auch. Sie machte sogar mehr als die Hälfte des rund zweieinhalbstündigen Programms aus. Neben dem bereits am Untermain bekannten und anerkannten Liedermacher Reinhard Frankl erspielte sich Yohazid aus Frankfurt/Main mit seinen kräftigen, provozierenden und mit großer Spielfreude interpretierten Songs eine Fangemeinde in Miltenberg.

Gut 50 Besucher des Mai-Festes – und damit fast doppelt so viele wie erwartet – kamen und hörten auch die Grußworte des DGB, der syndikalistischen FAU und der Betriebsseelsorge Aschaffenburg-Miltenberg. Diese trat auch als Veranstalterin auf, zusammen mit dem Freundeskreis Café fArbe e.V., dem Café fArbe selbst (Erwerbslosentreff der Caritas) und attac Aschaffenburg-Miltenberg sowie der JuZ (Jugendinitiative für ein unabhängiges Zentrum in Miltenberg).

Die JuZ-Mitglieder werden in Miltenberg auch gerne als autonome Jugendliche wahrgenommen. Hier ist der Blick auf die Homepage der Regionalzeitung Bote vom Untermain/Main-Echo sehr unterhaltsam. Diese berichtete schon am 1. Mai: „Bereits am frühen Freitagabend musste die Polizei sich wieder einmal mit den selbsternannten autonomen Jugendlichen in Miltenberg auseinandersetzen. Ihren Start in den Mai begannen die Punker bereits mit erheblichem Alkoholgenuss und einem Sit-In am Miltenberger Bahnhof.“ Weiter hätten diese „Autonomen“ (die Bezeichnung wird insgesamt fünfmal in dieser Wiedergabe des Polizeiberichts erwähnt) Rocker der „Outlaws“ beleidigt, Sachbeschädigungen begangen; ein Punk aus diesem Spektrum hätte einen Verkehrsunfall verursacht – und einiges mehr. Dass Punks nicht von Autonomen unterschieden werden, ist hier offensichtlich. Dass der Verkehrsunfallverursacher kein Punk, sondern ein Skinhead war – Schwamm drüber. Dass die wirklichen Linken aus der JuZ an diesem Abend allesamt vollzählig bei der Miltenberger Mai-Veranstaltung waren, kann der Autor dieser Zeilen bestätigen. Dass die Polizei Alkoholisierten und – wie sich im Laufe des Berichtes herausstellt – psychisch Kranken den Titel „autonom“ anhängt, um mit Blick auf die üblichen „autonomen“ Mai-Krawalle in Berlin etwas Stimmung gegen linke und alternative Jugendliche zu machen – das darf hier zumindest stark vermutet werden.
Die kostenlose Anzeigenzeitung Prima Sonntag titelte am 2. Mai sogar mit „Mai-Aufruhr in Miltenberg“. Eine völlig überzogene und geradezu lächerliche Darstellung. Allerdings erspart uns die Sonntagszeitung den Begriff „autonom“ und spricht nur von „Punkern“.

--> Der Aufruf (PDF) zum Miltenberger Maifest am Vorabend des 1. Mai
--> Miltenberger Rede von Rainer Roth (leicht überarbeitet) als PDF
--> Pressemitteilung der AuGruM zu der angeblichen „autonomen Randale“ (externer Link)

In Aschaffenburg gab es am 1. Mai wieder die übliche Mai-Demonstration. „Etwa 500 Demonstranten waren am Vormittag des 1. Mai vom Linde-Werkstor in der Schweinheimer Straße zum Theaterplatz gezogen. Während der Kundgebung dort nahm die Zahl der Zuhörer aber sehr schnell ab. … Dominik Schirmer, der Hauptredner der Kundgebung, kritisierte die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre. Das Motto `Hauptsache Arbeit´ hätte zu einer Entsicherung von Arbeitsverhältnissen geführt. Diese neue Unsicherheit untergrabe den Zusammenhalt in den Betrieben und nehme die Kraft, gute Arbeit einzufordern. … Am traditionellen Tag der Arbeit forderten die Gewerkschaft `gute Arbeit´ und sichere Arbeitsverhältnisse als Alternative. … Es sei ein Skandal, dass in Deutschland immer noch zwei Millionen Menschen für `einen Hungerlohn von unter fünf Euro die Stunde arbeiten müssen.´ Gute Arbeit sei auch Arbeit, die eine sichere Lebensplanung ermögliche. `Wir kämpfen gegen eine Arbeit, die kein Maß zu kennen scheint.´ Dazu gehöre ein respektvollerer Umgang mit den Arbeitnehmern. … Eine gerechte Gesellschaft sei nur mit einem starken Sozialstaat möglich. Daher wandte sich der Gesundheitsexperte der Gewerkschaft gegen die geplante `Kopfpauschale´ in der Krankenversicherung, weil die Gesundheit der Menschen nicht vom Einkommen abhängen dürfe.“ Soweit das Main-Echo vom 3. Mai.

Verteilt wurde bei der DGB-Demonstration allerdings erstmals auch das Mai-Echo, ein Infoblatt des regionalen Syndikats der Freien Arbeiter/innen-Union (FAU). Diese sowie die AuGruM (Autonome Gruppe Miltenberg) hatten erstmals zu einem linksradikalen Block aufgerufen, der mit gut zwei Dutzend Beteiligten zwar klein war, jedoch stellenweise sehr laut (nur aus seinen Reihen kamen Sprechchöre und Ansprachen während der Demonstration).

Nachdem sich dieser kleine Block an die Spitze der Demonstration gesetzt hatte und von DGB und Polizei wieder hinter das Fronttransparent geholt wurde, hatte er mit dieser Aktion immerhin zwei Seitentransparente durchgesetzt, die zuvor untersagt gewesen waren.

Warum aber Attac das Transparent gegen den Krieg in schwarz-rot-gelb gestaltete – nun, das bleibt zumindest schleierhaft.

Der Einsatz einer Marching-Band, vor Jahren eingeführt, da die DGB-Demos immer so leise und langweilig waren, machte sich jetzt erstmals wirklich negative bemerkbar, da dadurch die aufkommenden Sprechchöre unterbunden wurden. Die Demonstration endete wieder mit einer Kundgebung am Theaterplatz.

--> Aufruf von attac Aschaffenburg-Miltenberg (PDF):
Krieg ist keine Lösung! Raus aus Afghanistan!
--> Aufruf des DGB Aschaffenburg (externer Link)
--> Aufruf FAU in ihrem Mai-Echo (PDF)

Linke Interventionen am 1. Mai sind in der Provinz ein hartes und zähes Geschäft. Dass der inhaltlich gute Vortrag in Miltenberg auf eine deutliche Resonanz stieß, ist dabei noch bemerkenswerter als der erste linsradikale Block in Aschaffenburg. „Das waren nicht übermäßig viele, aber es soll ja auch noch Raum zur Steigerung im nächsten Jahr da sein“, meinte ein 16jähriger Teilnehmer. Es sieht so aus, als ob er Recht behalten könnte. Denn für 2011 möchten sich die Beteiligten noch mehr vornehmen als 2010.

mb
Mai 2010
Originalbeitrag für kommunal