Interview zum Abschluss der Veranstaltungsreihe ALLES IN FRAGE STELLEN!?

kommunal interviewte Lara Klar von der FAU Aschaffenburg

kommunal: Nach der libertären Vortragsreihe 2006/2007 und der Veranstaltungsreihe MOVE YOUR TOWN im Jahr 2008 war die Reihe ALLES IN FRAGE STELLEN!? die dritte große Veranstaltungsserie des AbaKuZ e.V. in Aschaffenburg, diesmal zusammen mit der neu gegründeten Ortsgruppe der FAU. Mit diesem Interview soll versucht werden, die gemachten Erfahrungen festzuhalten und für künftige Aktivitäten nutzbar zu machen. Daher wäre es sehr sinnvoll, wenn Du zuerst eine kurze, wirklich kurze Darstellung von AbaKuZ und FAU geben könntest, um zu beschreiben, welche unterschiedlichen Kräfte hier gemeinsam gewirkt haben.

Antwort: AbaKuZ bemüht sich seit einigen Jahren um die Einrichtung eines unabhängigen, alternativen Kulturzentrums mit Tanzfläche zur Unterstützung von KünstlerInnen, Kulturschaffenden, basisdemokratischer Initiativen und Projekten. Die FAU ist eine syndikalistische, nach anarchistischen Prinzipien, organisierte Basisgewerkschaft welche sich nicht mit Sozialpartnerschaft abfinden will und den Klassenkampf pflegt. Dabei streben wir eine gesamtgesellschaftliche Perspektive an, sprich den Kapitalismus mit all seinen negativen Begleiterscheinungen zu überwinden und als Alternative eine staaten- und klassenlose Gesellschaft anzustreben.

kommunal: Also zwei im links-alternativen Spektrum angesiedelte Gruppen, die dennoch sehr unterschiedlich sind. Was waren die Beweggründe, sich mit dem Thema Kapital und Krise auseinanderzusetzen?

Antwort: Die Notwendigkeit, ein öffentliches Forum zu schaffen, um die ökonomischen Bedingungen zu diskutieren und zu analysieren, die zur Krise führten. Abseits des Mainstream-Diskurses, welcher so sehr in den bestehenden Verhältnissen verankert ist, dass er eine radikale und notwendige Veränderung derselben nicht mal in Erwägung zieht. Wir wollten nicht mehr nur zuschauen, wie die immer gleichen Gesichter in wechselnder Besetzung in den immer gleichen Talkshows die Leute einlullen. Raus aus der Rolle des passiven, betäubten Zuschauers; klar machen, dass ein Leben in Wohlstand für alle vielleicht nicht finanzier-, aber machbar ist.

kommunal: Die einzelnen Veranstaltungen der Reihe ALLES IN FRAGE STELLEN!? waren mit sehr guten Referenten besetzt und inhaltlich anspruchsvoll. In Universitätsstädten hätte man so etwas sicherlich erwatet. Aber funktioniert so ein Konzept auch in einem ländlich strukturierten Raum wie der Region Aschaffenburg-Miltenberg?

Antwort: Nun, wir waren selbst neugierig, wie die Reihe ankommt. Und da gesellschaftliche Probleme unglaublich Komplex sind, muss man auch einen gewissen Anspruch in Kauf nehmen, wenn man sie ergründen will. Mit ca. 30 Besuchern bei jeder Veranstaltung können wir aber durchaus sagen, dass unser Konzept aufgegangen ist. Problematisch am ländlichen Raum sind natürlich so banale Sachen wie „Wie komme ich überhaupt nach Aschaffenburg, wann fährt der letzte Bus/Zug?“ Auch eine Vernetzung von Interessierten macht das nicht gerade einfacher. An vermeintlich fehlenden intellektuellen Fähigkeiten der ländlichen Bevölkerung sind wir jedenfalls nicht gescheitert. Die Klassenkämpfer von Oben suggerieren ja gerne, dass man sich doch auf die Experten aus Wirtschaft und Politik verlassen soll. Selbst wenn deren Tun offensichtlich fehlerhaft und gescheitert ist. Aber als RadikaldemokratInnen und AnarchistInnen wissen wir es natürlich besser. Aufklärung bleibt der einzige Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, und das ist wahrlich kein Hexenwerk.

kommunal: Was waren für Euch die Highlights der Veranstaltungsreihe?

Antwort: Ein spezielles Highlight gibt es da nicht wirklich. Es ist für uns immer wieder schön, neue Menschen aus dem undogmatisch linken Spektrum kennen zu lernen und von deren Wissen und Erfahrung zu profitieren. Und das macht dann jede Veranstaltung für sich irgendwie zu einem Highlight.

kommunal: Gibt es Punkte, wo Ihr sagen würdet: Das würden wir heute anders machen, das ist nicht so gut gelaufen?

Antwort: Ja, wir haben es leider nicht so richtig geschafft, die einzelnen Veranstaltungen noch mal öffentlich auszuwerten. Wir hätten, so im Nachhinein, auch gerne Mitschnitte der einzelnen Veranstaltungen gemacht, zur Dokumentation. So steht die Befürchtung im Raum, dass die Vortragsreihe schnell in Vergessenheit gerät. Auch schade, aber zu erwarten, war das geringe Medieninteresse. Die Werbung hätte auch besser laufen können. Trotz unserer Bemühungen haben wir es leider nicht geschafft, das Interesse von Gewerkschaftern und aktiven ArbeiterInnen, die an aktuellen Betriebskämpfen beteiligt sind oder waren, zu wecken. Zwar waren viele neue Gesichter auf unseren Veranstaltungen, aber das o.g. Klientel eben leider nicht – zumindest niemanden, den wir nicht schon vorher kannten. Auch die Raumkapazitäten des „Café Schwarzer Riese“ stießen an ihre Grenzen. Leider ist für dieses Problem keine Besserung in Sicht. Umso notwendiger, das es endlich ein richtiges AbaKuZ gibt.

kommunal: Und was bleibt, was wirkt weiter, nachdem nun die Reihe ALLES IN FRAGE STELLEN!? beendet ist? Hat sich am bayrischen Untermain dadurch etwas verändert bzw. was haben die Veranstaltungen bewirkt?

Antwort: Eine spürbare Veränderung ist natürlich erst mal nicht wahr zu nehmen. Wir haben einige Personen erreicht und unser eigenes Wissen vertieft. Und zudem die Bestätigung gefunden, dass der Kapitalismus endlich überwunden und auf den Müllhaufen der Geschichte gehört – und dass es dafür einer breiten Organisierung von unten bedarf. Was konkret an praktischen Aktionen laufen wird, ist noch offen. Wir sind aber guter Dinge, dass wir das theoretische Rüstzeug haben, um uns zukünftig praktisch ins Geschehen einzubringen. Und darauf kommt es ja letzen Endes an.

kommunal: Liebe Lara, vielen Dank für das Interview!

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Nachstehend dokumentieren wir die kommunal-Sonderseite, die die Reihe ALLES IN FRAGE STELLEN!? begleitete. Dadurch wird auch ersichtlich, welche einzelnen Veranstaltungen stattfanden.
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Aus Gründen der Solidarität mit den Veranstalterinnen und Veranstaltern der hervorragenden Reihe ALLES IN FRAGE STELLEN!? und um zusätzliche Informationen, Anregungen, Diskussionsgrundlagen etc. anbieten zu können, hat die Redaktion kommunal hier eine Sonderseite geschaffen mit Links zu interessanten ergänzenden Beiträgen.
Ausdrücklich wird in diesem Zusammenhang auf die Möglichkeit der aktuellen Informationen durch den Labournet-Newsletter hingewiesen.

Peter zündet ein helles Licht an: Er singt vom Ende des Kapitalismus – und Karl schaut etwas steinern zu (der „Nischel“, das Marx-Denkmal in Chemnitz, ehemals Karl-Marx-Stadt)

20.10.2009 Buchvorstellung und Diskussion: “Die globale Krise“ mit Karl Heinz Roth und RedakteurInnen der Zeitschrift „Wildcat“
--> Der Vortrag zur globalen Krise ist auch bei Youtube und freieradios.net veröffentlicht.
Texte hierzu:
Eine Milliarde hungert, weil Milliardäre gepäppelt werden (Eberhard Stickler), Dezember 2008
Globale Krise – Globale Proletarisierung – Gegenperspektiven (Karl Heinz Roth), Dezember 2008
Thesen zur globalen Krise (Redaktion Wildcat), März 2009
Der Süden zahlt die Zeche (Martin Ling), August 2009

02.11.2009 Vortrag: „Ursachen der Wirtschaftskrise“ mit Peter Samol, Autor für „Krisis“ und „Streifzüge“
Texte hierzu:
Kreislaufprobleme (Peter Samol), März 2009
Was sind die Bedingungen dieser Krise? (Herbet Steeg), April 2009

01.12.2009 Vortrag: „500 Jahre Kapitalismus sind genug!“ mit Christian Frings, Autor für „analys & kritik“
Texte hierzu:
Die Krise im Lebenszyklus des Kapitalismus (Christian Frings), Februar 2009

26.01.2010 Lesung: „Die Grenzen des Kapitalismus – Wie wir am Wachstum scheitern“ mit Andreas Exner, Autor für „Streifzüge“
Texte hierzu:
Krise der Produktivität, Grenzen des Wachstums (Andreas Exner), Juli 2009

27.02.2010 Tagesseminar: „Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie“
Seminarleitung: Junge Linke
Texte hierzu:
Kritik der politischen Ökonomie (Michael Heinrich), 2007
Kurzer Abriss zur Geschichte des ökonomischen Denkens (Matthias Werner), o.J.
Neun Fragen zum Kapitalismus (Georg Fülberth und andere), 2007
Lohnarbeit und Kapital (Karl Heinrich Marx), 1849


Marx, 1839

Nachgeschoben:
Mittwoch, 10. Februar, 20 Uhr, Martinushaus Aschaffenburg:
„Einfach nur Gier?“ - Prof. Rainer Roth redet Klartext zu Ursachen, Entwicklung und Folgen der Krise sowie ihren Auswirkungen auf unsere Forderungen; Redemanuskriept hier (PDF).
VA: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Betriebsseelsorge
(Die Veranstaltung kann laut Veranstalter als Ergänzung zu obiger AbaKuz-/FAU-Reihe gesehen werden.)