Im Rahmen ihrer so genannten Antikap-Kampagne gegen Globalisierung und Kapitalismus wollten Rechtsextreme um die NPD-Jugend JN und „freie Kameradschaften“ am 22. Juli 2006 eine groß angelegte Serie von Kundgebungen im Odenwald durchführen, was ihnen aber nur teilweise gelang. Ein Grund für die faktische Niederlage der Rechtsextremen war der Umstand, dass sie kaum zu verständlichen Ansprachen kamen, da ein massives Aufgebot an Gegnerinnen und Gegnern mit entsprechender Lautstärke dies im Regelfall verhinderte. In Miltenberg waren es zudem Kirchenglocken, die über 20 Minuten lang – einige Ohrenzeugen sprachen von knapp einer halben Stunde – direkt am Kundgebungsort läuteten.

Der katholische Stadtpfarrer von Miltenberg, Ulrich Boom, ist als engagiert im jüdisch-christlichen Dialog bekannt. Die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Israel hat er selbstverständlich besucht und dabei unter den Inschriften der ausgelöschten jüdischen Gemeinden auch die Ortsangabe Miltenberg gefunden. Seiner Gemeinde zeigte er dies bereits vor Jahren mittels Lichtbildern im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes. Dennoch war nicht damit zu rechnen, dass er sich direkt in die politische Auseinandersetzung einschalten würde, als im Juli die Neonazis auch auf dem Marktplatz in Miltenberg – direkt vor seiner Pfarrkirche – aufmarschieren wollten. Dabei wählten die angeblichen Antikapitalisten von rechts außen genau jenen Platz, auf dem die NSDAP zwischen 1933 und 1945 immer ihre Aufmärsche abhielt. Die historischen Nazis taten dies nach Aussage von Zeitzeugen besonders gerne, wenn zeitgleich in der Pfarrkirche ein Gottesdienst stattfand, den sie so mit Gegröle und Musik stören konnten.

Ob den heutigen Ultrarechten oder auch Pfarrer Boom, der erst vor einigen Jahren nach Miltenberg kam, diese historischen Hintergründe bekannt waren, ist unklar. Sicherlich verfügten aber einige der Miltenberger Bürgerinnen und Bürger, die am 2. Juli direkt am Marktplatz gegen den braunen Aufmarsch demonstrierten, über dieses Wissen. Etwa 50 dieser Bürger/innen und jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten aus dem Untermaingebiet waren es, die den rund 40 Neonazis lautstark entgegen traten und dann prompt Unterstützung aus den beiden Glockentürmen erhielten. Etwa einen Kilometer entfernt zogen derweil etwa 100 Demonstrierende, die einem Aufruf der Jugendverbände von CSU, SPD, FDP und Grünen gefolgt waren, durch die Stadt am Main. Sie bedrohten so den Naziaufmarsch nicht wirklich, sondern beruhigten eher das Gewissen der Offiziellen in der Kreisstadt.


Weit ab vom Geschehen: Demonstration der Parteiugend mit dem Bürgermeister

Pfarrer Boom aber nahm den rechten Spuk zum Anlass, die Gläubigen mittels aller Glocken zum Gebet zu rufen. Auch dies hat Tradition in Miltenberg. 1994 versuchten die „Republikaner“ an gleicher Stelle eine Kundgebung. Damals war es Freitagnachmittag und das obligatorische Angelusläuten fiel erheblich länger aus als sonst üblich. Im Gegensatz zu den „Republikanern“ ließ die NPD 2006 es aber nicht mit mürrischem Raunen bewenden. Sie wandte sich an die zuständige Staatsanwaltschaft in Aschaffenburg und sah einen erheblichen Verstoß gegen die Versammlungsfreiheit, sah gar den Straftatbestand der Versammlungssprengung (Art. 21 Versammlungsgesetz) erfüllt.

Der Pfarrer habe mittels aller zur Verfügung stehenden Glocken und in einer Länge, die wirklich jedem Katholiken und jeder Katholikin den Ernst der Sache nahe bringen sollte, zum Gebet gerufen – so eine andere Lesart der Ereignisse. Er habe in Kenntnis der Geschichte genau das getan, was von einem Seelsorger zu erwarten ist – auch so wollten es viele Miltenberger/innen sehen. Schließlich wurden bei den Neonazis auch „Wotan statt Jesus“-T-Shirts gesehen, was den Appell zur christliche Geschlossenheit gegen den Rechtsextremismus nur noch nötiger mache, und Pfarrer Boom sei einfach ein aufrechter Demokrat – so könnte der Vorfall ebenfalls gerechtfertigt werden. Es dürften alle diese Deutungen zutreffend sein.

Schon vor der Anzeige gegen den Pfarrer wurden in Miltenberg die Solidaritätsbekundungen von Mund zu Mund weitergegeben und zu einer Spendensammlung für en Fall eines Strafgeldes aufgerufen, denn die Reaktion der NPD kam nicht unerwartet. Vermutlich schätzt man am Untermain ganz realistisch die Rechtsextremen als nachtragend ein.

Am 22. Juli 2006 erlitt die NPD in Miltenberg jedenfalls eine derbe Niederlage: Die Nazi-Gegner/innen vor der Pfarrkirche machten zuerst die Reden der Nazis unverständlich; und der Ortspfarrer läutete dann noch die Glocken, bis die NPD frustriert abzog. „Die Politik verlangt nach Zivilcourage, alle paar Wochen ruft sie einen Aufstand der Anständigen aus. Und ein katholischer Pfarrer aus einer kleinen Stadt im konservativen Bayern hat gezeigt, wie es funktionieren könnte. Mit Witz, Spontaneität, Chuzpe. Im Kleinen, aber mit großer Wirkung.“ So schrieb dazu der „Tagesspiegel“.

Der immer wieder benutzte Vergleich mit den Taten von Don Camillo in den gleichnamigen Büchern und Filmen ist allerdings unzulässig: Sowohl Pfarrer Camillo als auch sein Gegenspieler, der kommunistische Bürgermeister Peppone, waren aktive und bewaffnete Antifaschisten – und sich zumindest in dieser Frage völlig einig!


Am 25. Januar 2009 wurde Ulrich Boom in Würzburg zum Weihbischof geweiht. Viele sehen dies auch als Folge seiner herausragenden Aktion 2006 in Miltenberg.

In Miltenberg wurde im Sommer 2006 aber auch klar, wie unwirksam der offizielle Antifaschismus, der „Aufstand der Anständigen“ sein kann: Die Parteijugend von CSU, SPD, FDP und Grünen demonstrierte mit dem Miltenberger Bürgermeister und nur gut 100 Menschen zeitgleich gegen den Naziaufmarsch, aber möglichst weit weg vom Geschehen. Die Parteijugendfunktionäre überließen es einigen klar denkenden Ortsansässigen, vielen aktiven Antifas und dem Ortspfarrer, wirklich etwas gegen den Aufmarsch von JN/NPD zu unternehmen und diesen letztlich wirksam zu verhindern.

Übrigens: Die Strafe, die die Miltenberger/innen so gerne für ihren Pfarrer übernommen hätten, musste niemand zahlen. Das Verfahren wurde niedergeschlagen. Die NPD tobte nochmals.


Nur wenige Transparente zierten die offizielle Anti-Nazi-Demonstration, die mit 100 Beteiligten leider erbärmlich klein war (alleine die CSU-Jugend JU hat ein mehrfaches an Mitgliedern im Kreis Miltenberg).

Mapec/Originalbeitrag für KOMMUNAL