Peter Lucky Kraft ist der Initiator der Aschaffenburger Poetry-Slams, der im Oktober 2010 zum zehnten Mal über die Bühne gehen wird, diesmal in den heiligen Hallen des Stadttheaters. Der Slam hat es also in die Hochburg der feinen Kultur geschafft. Alle Achtung und Gratulation an Lucky Kraft. Wer poetryslambegeistert ist: hier finden sich alle weiteren Infos.

Nur – und da gebe ich inhaltlich eine Email wieder, die ich dieser Tage an Lucky geschrieben habe – leider halte ich nicht viel von derlei Wettbewerben, bei denen Unvergleichbares verglichen und Unbewertbares bewertet wird. Beim Fußball haben wir die Tore als objektive Größe. Aber wie sollen wir das bei Literatur machen? Der Zuschauerwille? Der ist mir zu zufällig, abhängig von mitgebrachten Fans und Claqueuren, zu viele Zuschauende von der Comedy-Seuche verdorben. Und: Kann Literatur, kann Kunst überhaupt als Hitparadenspektakel gedacht werden? Spektakel ja – aber Hitparade? Zudem: Wenn unterschiedlichste Sachen wie Prosa, HipHop und Rap, Lyrik und Schüttelreime etc. an einem Abend auf einer Bühne bewertet werden sollen, da kann doch nichts Vernünftiges dabei herauskommen. Das ist wie der Vergleich von Computern, Autos und Elektroöfen – irgendwie ja auch alles Geräte. Und dann noch die extreme zeitliche Begrenzung von fünf bis sieben Minuten, geradezu eine neoliberale Zeitvorgabe, wie wir sie aus der Krankenpflege kennen. Selbst wenn Dichterwettstreite eine lange Tradition haben (bis angeblich 500 v. Chr., aber da waren die Dichtungen auch noch vergleichbarer): Ich finds nicht so toll.

Völlig im Gegensatz dazu steht das „Blaue Wunder am Blauen Klavier“. Und anders als beim Poetry-Slam, den ja andere erfunden haben, ist das „Blaue Klavier“ die ureigenste und sehr geniale Sache von Lucky Kraft. Demokratisch, bunt, wettbewerbsfrei – die angenehme Insel im trüben Meer der Konkurrenzgesellschaft. Diese Sache wird immer mit seinem Namen verbunden bleiben, während den Poetry-Slam irgendwelche Chicagoer im Jahr 1986 erfunden haben mögen.

Mapec, 2010

Und weil wir gerade dabei sind, sei hier ein Blogeintrag aus dem Jahr 2009 dokumentiert, der sehr schön beschriebt, was Sache ist:

Zum zweiten Mal in diesem Jahr ging es über die Bühne, das „Blaue Wunder“ am Blauen Klavier im Aschaffenburger Schöntal. Und es waren so viele Besucher wie noch nie seit der Gründung im Jahr 2006. 120, wie das Main-Echo berichtete, waren es aber nicht; da ist noch Ausbau möglich. Über 80 dürften es gewesen sein, darunter auch Stefan Reis, der Main-Echo-Kulturchef. Sehr treffend stellt er fest: „Neu ist der demokratische Gedanke von Kunst: Jeder darf, niemand ereifert sich als selbsternannter Kultur-Hüter und Kunst-Wächter“ (alle Zitate: Main-Echo, 01.08.09).
Da hat er den Punkt getroffen: Demokratie. Initiator Peter Lucky Kraft kennt keine Auswahl, begegnet allen Auftretenden mit gleichem Respekt. Das ist heute selten, auch bei Zeitungen. Denn Stefan Reis kann es nicht lassen, er doziert dann doch wieder wie der alte Oberlehrer unseligen Angedenkens: „Ein Erlebnis muss es sein, kein Vortrag. … Aufführungen als wohlfeile Erbauungsstücke? Kein Mensch will das. Kunst muss Gefühle zeigen“ weiß er und verteilt dabei auch Noten, bestimmt, was diese Kriterien angeblich erfüllt, kann offensichtlich mit politischen Anmerkungen so wenig anfangen wie mit Lyrik, will Comedy und Hanswurstiaden, versteigt sich dann noch zu einer Aussage wie „Es muss nicht alles perfekt sein – aber es muss leben, muss zur Diskussion anregen“, nur um genau diese Diskussion – im Gegensatz zu Teilen des restlichen Publikums – nicht zu mögen. Und: Er hat die Wahrheit und Erkenntnis, er ist dann plötzlich das, was er angeblich nicht mag, also „Kultur-Hüter und Kunst-Wächter“.
Peter Lucky Kraft ist gut beraten, wenn er diese Selektion nicht mitmacht und seinen sehr weit gefassten Literaturbegriff beibehält, auch dann, wenn sich das Ganze weiterentwickelt in Richtung Kleinkunst (ein abscheuliches Wort, ist es doch gerade keine kleine Kunst, mit wenigen Mitteln kreativ tätig zu sein). Eine Veranstaltung wie das „Blaue Klavier“ hat eine Eigendynamik: Mehr Beteiligte, mehr Zuschauende, Beachtung in den Medien und so weiter. Zum Schluss kommen dann vielleicht sogar größere Sponsoren. Und aus dem eigenwilligen radikal-demokratischen und sehr charmanten Kunstereignis wird etwas, das geplant, gestaltet, durchgerechnet werden muss. Möge Peter Lucky Krafts kreativer Eigensinn diese Entwicklung verhindern. Und an alle, die an einer solch antikommerziellen Veranstaltung interessiert sind: kommt, schaut zu, beteiligt euch!
[siehe: http://subradical.blogsport.de/2009/08/02/knapp-vorbei-ist-auch-daneben]

Editorische Anmerkung: Nach Auflösung des Blogs mapec.de.vu wurde dieser Beitrag auf kommunal.tk übernommen.