Betrachtungen zur Geschichte einer kleinstädtischen jüdischen Gemeinde im NS-Regime

Introitus

„Blut und Boden! Nicht nur der Landschaft Frucht und Schönheit, nicht nur des Städtleins traulicher Zauber verbinden uns so innig mit der viel gepriesenen Perle des Mains. Uns ketten noch fester an Heimat und Vaterland die Bande des Blutes, die leibliche und geistige Beziehung zu den Menschen, die wie wir aus dem Boden dieser gesegneten Stätte erwuchsen.“
Es sind Zeilen wie diese von Rudolf Vierengel, nachzulesen in der Schrift „700 Jahre Miltenberg“ aus dem Jahr 1937, die uns den damaligen Zeitgeist vor Augen führen; voll von kitschigstem Pathos, von pseudoromantischer Schwülstigkeit nur so triefend und unterlegt mit der immer mitschwingenden Drohung, man werde es denen schon zeigen, die nicht „wie wir aus dem Boden dieser gesegneten Stätte erwuchsen.“
Wer das aber sein solle, die Außenseiter, das will man selbst bestimmen oder sich zumindest vom Führer bestimmen lassen.

Machtübergabe an die Nazis

Denn als im Januar 1933 die Macht im deutschen Reich an die NSDAP und ihren Führer Hitler übergeben wird, beginnt auch in Miltenberg für die Nazis die Zeit des Triumphes. Für die jüdische Bevölkerung ist offensichtlich auch in der fränkischen Kleinstadt klar, was die Machtübernahme der Nazis bedeutet, wenngleich wohl niemand das völlige Ausmaß der antisemitischen Politik erahnt. Zumindest von einem Miltenberger jüdischen Glaubens, Paul Liebreich, ist überliefert, dass er die SPD als antifaschistische Partei finanziell unterstützt. So zahlt er der sozialdemokratischen Jugendorganisation bei Veranstaltungen Speis und Trank. Wie wirksam dieser Zugewinn an Attraktivität nichtfaschistischer Jugendarbeit ist, kann im Nachhinein kaum erfasst werden.
Festzuhalten ist aber, dass die NSDAP in Miltenberg niemals zur stärksten Partei wird. Stets leidet sie einerseits unter der Vorherrschaft der konservativen Bayerischen Volkspartei, kann andererseits aber auch gegenüber der SPD keinen großen Stich machen und sogar die KPD nicht verdrängen. Doch mit dem 30. Januar 1933, einem der dunkelsten Tage der deutschen Geschichte, sehen die Nazis auch in Miltenberg ihre Zeit gekommen und lassen sich erst zwölf Jahre später durch die absolute militärische Niederlage wieder von der brutalen diktatorischen Herrschaftsausübung verdrängen.
Den Makel, nie die Mehrheit erringen zu können, wollen die Miltenberger Nazis offensichtlich durch Übereifer wieder wettmachen. Eines ihrer vordinglichsten Ziele ist dabei der Angriff auf die gut 90 Personen umfassende jüdische Gemeinde, zu der das Verhältnis der Nichtjuden eigentlich „normal“ aber ohne große Sympathien ist. Antijudaistische Strömungen sind wohl vorhanden, worauf die Nazis aufbauen können. Allerdings führt dies bei der Mehrheit nicht zur aktiven Teilnahme an Maßnahmen gegen Jüdinnen und Juden. Die Miltenberger distanzieren sich mehrheitlich, schauen zu, tun aber nichts für die jüdischen Mitbürger, höchstens unterstützt man hie und da heimlich aus Mitleid einen jüdischen Nachbarn. Insgesamt also eine Haltung, wie sie in Deutschland als üblich bezeichnet werden kann.
Die Historikerin Monika Schmittner stellt in Bezug auf die Ortschaften am bayerischen Untermain, die zu jener Zeit eine jüdische Gemeinde aufweisen, fest, dass in keinem dieser Orte eine „Überfremdung durch die Juden“ vorhanden ist, wie die Nazis in ihrer Hetze behaupten. Schmittner: „Und doch schreckte das Wissen um die Tatsache, dass die NSDAP radikal antisemitisch programmiert war und mit Adolf Hitler von einem Mann geführt wurde, der Juden fanatisch hasste, viele Wählerinnen und Wähler nicht davor ab, mit dieser Partei zu sympathisieren.“ Diese Wählerkreise vertreten wohl auch die mehr oder minder offen geäußerten Vorurteile des Antisemitismus.
Die eigenen nicht eingestandenen Gelüste können damit auf einen Übeltäter projiziert werden; dem Juden wird daher angedichtet, was man selbst nicht ausleben darf oder sich nicht zutraut: sexuelle Freizügigkeit, Genussfähigkeit, Intelligenz und Weltgewandtheit. Er wird gehasst für das eigene verklemmte Leben.
Die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung ist für die Nazis aber auch notwendig zur Herstellung der Volksgemeinschaft, die hier ihren inneren Feind findet. Durch die Ausmerzung des von der eigenen Propaganda zum Giganten aufgeblasenen Bösen kann das Kollektiv der Deutschen geschaffen werden, das sich gegen einen Feind wehren muss, den sich das Kollektiv erst selbst erfand. Man ist dadurch auch schon vor dem Krieg eine Schicksalsgemeinschaft der so genannten „Arier“. Und die Juden sind „Untermenschen“ geworden, außerhalb der Gemeinschaft gestellt, weshalb man ihnen alles, aber auch wirklich alles antun darf, ja, zum Erhalt der wertvollen eigenen „Rasse“ sogar tun muss. Damit einher geht eine gigantische Selbstaufwertung der Deutschen, die nun als Übermenschen firmieren.
Gleichzeitig dient der Antisemitismus als Blitzableiter für die gesellschaftlichen Probleme. Im raffenden Juden wird der für die meisten nicht durchschaubare und emotional abgelehnte, aber nie wirklich verstandene Kapitalismus bekämpft, ohne dass es diesem irgendwie schadet.
Miltenberg mit seinen zu Beginn es Jahres 1933 4.700 Einwohner ist zwar von der wirtschaftlichen Krise nicht unerheblich getroffen: 200 Familien, die insgesamt rund 25 % der Bevölkerung stellen, haben kein reguläres Einkommen; mit Antisemitismus und populistischen Heilsversprechen kann aber nur der eine Verbesserung erwarten, der skrupellos und denkfaul genug ist, faschistische Hetze zu akzeptieren.
Zum antisemitischen Pseudo-Antikapitalismus gehört auch die Lüge vom Reichtum aller jüdischen Familien. Dem gegenüber steht auch im Miltenberg der dreißiger Jahre die Wirklichkeit. Denn ihren Lebensunterhalt verdienten die jüdischen Familien vor allem im Einzelhandel, zum Teil als Wanderhändler und Hausierer. So sind unter den 18 Geschäften in jüdischem Besitz wirklich nicht alle als besonders einträglich zu bezeichnen.


Neue Synagoge in Miltenbeg, 1903 bis 1938, Aufnahme um 1910, Postkarte im Verlag Antik & Trödel, Hauptstr. 95, 63897 Miltenberg, Tel. 09371 6 63 96

Erste Maßnahmen gegen Jüdinnen und Juden

Schon am 29. März 1933 lassen die Nazis im Boten vom Untermain einen Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte veröffentlichen und drohen in hetzerischer Verdrehung der Tatsachen: „Samstag, Schlag 10 Uhr wird das Judentum wissen, wem es den Kampf angesagt hat!“ Und es ist leider kein Aprilscherz, wenn am 1. April 1933 die SA- und SS-Abteilungen getreu ihrem Aufruf vom 29. März unter Trommelwirbel durch die Hauptstraße ziehen. Je einen Posten stellen sie vor jedes jüdische Geschäft, von denen die meisten geschlossen haben, und bringen jeweils ein Plakat an, das die so genannte arische Bevölkerung aufordert, hier nicht einzukaufen. Der Tag sei in vollkommener Ruhe und ohne jeden Zwischenfall verlaufen, wird später berichtet. Der Beginn des organisierten Antisemitismus verläuft also in Miltenberg mit deutscher Gründlichkeit und Ruhe.
Bereits im August des gleichen Jahres führt der Antijudaismus allerdings schon zu 14 eingeworfenen Scheiben an Synagoge und jüdischem Schulsaal.
Am Rande sei erwähnt, dass schon ab 1933 jüdische Geschäftsleute nicht mehr an dem jährlichen Jahrmarkt, der Michaelismesse, teilnehmen dürfen und ab 1935 die Badeanstalten für jüdische Mitbürger – wie in vielen anderen Städten auch – gesperrt ist.
Der Eifer der Miltenberger Nazis findet einen Höhepunkt im Dezember 1938 in einer Aktion des gleichgeschalteten Stadtrates unter NSDAP-Bürgermeister Burkart. Per Dekret soll allen Jüdinnen und Juden das Betreten oder Befahren der Hauptstraße von der Kalt-Loch-Brauerei bis zum Würzburger Tor, des Markt- und des Engelplatzes sowie der Gebiete in Miltenberg-Nord, aller Sportplätze und Anlagen untersagt werden. Weiterhin sollen Jüdinnen und Juden keine Bäder, Kinos, Konzerte und Vorträge besuchen dürfen. Dieser Übereifer geht selbst der Nazi-Regierung in Würzburg zu weit: Sie untersagte die geplanten Einschränkungen.

Pogrom 1938

Der Miltenberger antisemitischen Übereifrigkeit geht allerdings bereits einen Monat zuvor, im November 1938, die reichsweite Pogromnacht voraus, die noch heute mit dem von den Nazis erfundenen verniedlichenden Begriff „Reichskristallnacht“ in den Geschichtsbüchern bezeichnet wird.
Die Begründung für ihre reichsweite Aktion finden die Nazi-Größen in dem Anschlag des verzweifelten 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynspan am 7. November 1938 auf den in der deutschen Botschaft Paris tätigen Legationsrat Ernst vom Rath. Ein Bericht seiner aus Deutschland nach Polen abgeschobenen Verwandten animierte Herschel Grynspan zu seiner Tat.
Prompt verkündet die NSDAP-Zeitung Völkischer Beobachter im Leitartikel des folgenden Tages: „Es ist klar, dass das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird.“
Reichspropagandaminister Josef Goebbels sieht die Stunde gekommen, als am Spätnachmittag des 9. November 1938 Ernst vom Rath stirbt. Erst um 22 Uhr teilt Goebbels dies während einer Rede mit, die er vor alten Parteigenossen in München hält. Es ist der 15. Jahrestag des missglückten Hitlerputsches und gleichzeitig der Tag der deutschen Kapitulation von 1918. Ein besseres Datum zum Losschlagen gegen die Juden kann es kaum geben.
Dass das kommende antisemitische Pogrom lange vorbereitet war, ist auch in Miltenberg zu belegen. Zwei Mitglieder des Reichsarbeitsdienstes sagen nach dem Krieg aus, dass in den ersten Novembertagen 1938 der Leiter der örtlichen Reichsarbeitsdienstschule mitteilte, von höherer Stelle sei gewünscht, dass der Reichs-Arbeitsdienst – RAD – sich an solchen Judenaktionen beteiligen solle. Am 9. November wird unter den RAD-Führern bekannt gegeben, es steige eine so genannte Judenaktion. Es wird dazu das Erscheinen in Zivil angeordnet.
Auch in der Stadt selbst spricht man am 9. November tagsüber davon, es sei nun etwas gegen die Juden geplant. So wird zumindest eine jüdische Familie von ihren nichtjüdischen Nachbarn Tage vor dem 9. November vor Übergriffen gewarnt. Wir sehen: Von einer spontanen Erhebung des Volkszorns, wie es Goebbels später behauptet, kann nicht die Rede sein! Der Propagandachef wird nach der Pogromnacht dennoch verkünden: „Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord … hat sich in der vergangenen Nach in umfangreichem Maße Luft verschafft.“
Doch zurück zu den Ereignissen des 9. Novembers: In Miltenberg findet an diesem Abend im Rathaussaal ein SA-Appell mit Totenehrung statt. Danach geht ein Teil der Teilnehmer in die Brauerei Keller. Der Befehl zum Losschlagen kommt von der SA-Jägerstandarte Aschaffenburg an den SA-Sturmbannführer Klemens Sorgenfrey in Miltenberg. Dieser wohnt im gleichen Haus wie der Miltenberger Kreisleiter der NSDAP. Beide beraten sich. Ein versuchter Rückruf bei der Gauleitung in Würzburg bleibt ergebnislos, da keine telefonische Verbindung zustande kommt. Beide beschließen, erstmal keine Aktion durchzuführen.
Der ebenfalls informierte Stellvertreter von Sorgenfrey könnte dennoch den Befehl zum Losschlagen gegeben haben. Dafür spricht, dass Sorgenfrey einige Tage später seines Amtes enthoben wird und in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Miltenberg sehr wohl Übergriffe auf jüdische Anwesen, die Schule und die Synagoge stattfinden. Der Stellvertreter Sorgenfreys wird zudem bei den SA-Leuten in der Brauerei Keller gesichtet, mit denen er wohl jene Maßnahmen plant, die dazu führen, dass der jüdische Lehrer in der Nacht zu seinem Nachbarn fliehen muss. Rosa Stapf ist es, die ihm die Haustüre öffnet. Auch der Jüdin Edith Falk gewährt sie Zuflucht. Aber nicht jeder Nachbar ist bereit, jüdische Nachbarn aufzunehmen. Ein Augenzeuge, der als Kind in der Nähe der Synagoge wohnt, berichtet später über den Lehrer der jüdischen Schule: „In der Nacht hat er bei uns am Hinterfenster geklopft. Aber meine Eltern hatten furchtbare Angst und haben nur gesagt: `Wir können euch nicht helfen´.“
Neben Synagoge und Schule werden in jener Nacht auch einige weitere jüdische Anwesen beschädigt, Fensterscheiben eingeschlagen, Hausrat und Wäsche auf die Straße geworfen. Vermutlich wird in der Nacht auf den 10. November auch schon das jüdische Archiv beschlagnahmt.
Am kommenden Tag, es ist der Donnerstag, 10. November 1938, ist die jüdische Lehrerwohnung unbewohnbar, so dass die Ehefrau des Lehrers schon um 8 Uhr mit den Kindern Miltenberg verläst und nach Würzburg fährt.
Etwa zur gleichen Zeit ruft der Wirt des Gasthauses „Linde“ bei der örtlichen Parteileitung an und teilt mit, die Jugend randaliere in der Synagoge. Es dürfte sich um Hitlerjungen und Schüler der nahe gelegenen Volksschule handeln. Vermutet wird, dass es insbesondere Schüler der Klasse des Rektors sind, der an diesem Tag für die Partei unterwegs ist, wie wir noch sehen werden, sowie um jene 7. Klasse, die mit ihm zum Empfang des Gauleiters abkommandiert ist.
Einige Jungendliche haben sich mit Beilen und anderen Gegenständen für ihr Zerstörungswerk bewaffnet. Auch hier handelt es sich also nicht um eine spontane Aktion.
„Eine direkte Aufforderung von Seiten der Lehrkräfte wurde wohl nicht gegeben“, vermutet Regionalhistoriker Ulrich Debler, als er 50 Jahre später dieses Thema kenntnisreich aufarbeitetet. Vielmehr ist nach seiner Ansicht die Zusammenrottung Jugendlicher eher ein Ergebnis der allgemeinen antisemitischen Hetze und Aktionslust. „Man machte mit“, resümiert Debler. So werden Bücher zerrissen, die Torarolle auf die Straße geworfen, der Ehrenstein des verdienten Bürgers William Klingenstein sowie der Lüster des Betsaals zerschlagen, die Frauenempore und in der Lehrerwohnung das Klavier zerstört. Schließlich stiehlt man einen Pokal, ein Radio, Wäsche und Bücher.
Lehrer Heß versucht, seine Kleider auf der Straße zusammenzusuchen. Dabei bewerfen ihn Kinder und Jugendliche mit Steinen. Auf die Versuche Erwachsener, diese zu zerstreuen, reagieren sie nicht. Selbst der katholische Stadtpfarrer Dr. Eder kann den Schülermob nicht auflösen.
Die Kreisleitung wies zuvor per Funkspruch die Polizei an, beim so genannten Ausbruch der Volksseele gegen Juden weder teilzunehmen noch einzuschreiten, sondern in der Polizeistation zu bleiben. Das ändert sich erst gegen 17 Uhr, als wohl eine Brandstiftung der Synagoge befürchtet wird, die sehr schnell auf benachbarte Häuser übergreifen könnte. Etwa um 17.30 Uhr wird daher die Synagogentüre durch die Polizei zugenagelt.
An diesem 10. November befindet sich allerdings Gauleiter Dr. Hellmuth aus Würzburg in Miltenberg. Er weiht das Mütterheim der NS-Volkswohlfahrt am Grauberg ein. Mit ihm sind ein Vertreter der Reichsleitung der NSV und der Volksschulrektor als Kreisamtsleiter des NS-Lehrerbundes anwesend. Dies hat zur Folge, dass Gauleiter Hellmuth von den seiner Meinung nach zu geringen antisemitischen Aktionen in Miltenberg erfährt. Die SA und der Reichsarbeitsdienst, der ja aufgefordert war, sich an antijüdischen Aktionen zu beteiligen, werden daraufhin aktiv. So kommt es zu einer erneuten Ausschreitung gegen jüdische Mitmenschen. Ein Zeitzeuge stellt später fest: „In Miltenberg war ja zweimal was.“
Und dieses Zweite sieht so aus: Gegen 18 Uhr des 10. November 1938 treffen sich Mitglieder des RAD in Zivil mit dem Kreisleiter und Führer der SA in der „Fränkischen Weinstube“. Man bespricht, wer die Verhaftung von welchen Juden vornehmen soll.
Vom Marktplatz aus schwärmen die einzelnen Trupps aus. Dies geschieht vermutlich gegen 21.30 Uhr, denn zu diesem Zeitpunkt ruft Oskar Moritz, bei dem die Aktion wohl begann, bei der Polizei hilfesuchend an. Diese kommt sogar, kann aber nicht verhindern, dass sein Haus demoliert und die Ware des Lederhändlers auf die Straße geworfen bzw. gestohlen wird.
Etwa um 23 Uhr ist beim Anwesen Rothschild in der Hauptstraße eine RAD-Formation von rund 25 Mann mit ihrem Werk fertig. Alles ist zerschlagen, keine Kaffeetasse mehr heil. Später bringt man wohl mit zwei Automobilen noch Dinge von Wert weg.
Bei Mira Marx in der Hauptstraße werden zwei Türen und das Haustor beschädigt, bei anderen Häusern Schaufensterscheiben zertrümmert, die aufgeschlitzten Federbeten auf die Straße geleert und was der heldenhaften Taten deutscher Arier mehr sind.
Die Liste der Zerstörung und Plünderung, die die Verhaftungswelle vom 10. November in Miltenberg begleiten, ließe sich lange fortsetzen. Erwähnt werden soll allerdings noch, dass sie nicht ohne Misshandlungen vor sich gehen. Von Schlägen und Tritten wird berichtet. Dies alles reichern die Täter mit Beleidigungen an. „Ihr Judenstinker, ihr gehört an die Wand!“ ist dabei nur eine, allerdings überlieferte Beleidigung der selbst ernannten Arier.
Im Laufe des Abends und der Nacht werden die Juden verhaftet und in das Miltenberger Gefängnis gebracht. Meist bedeutet dies für sie einen zweitägigen Gefängnisaufenthalt. Neun allerdings müssen bis zum 28. November in Haft bleiben. Diese werden bis auf einen anschließend nach Dachau gebracht und dort für einen Monat inhaftiert. Zur Erinnerung: Sie haben nichts getan, im Gegenteil: Ihnen wurde etwas angetan. Dennoch kommen nicht die Täter, sondern die Opfer ins Gefängnis und ins KZ.
Die Miltenberger Synagoge ist, wie sehr viele andere jüdische Gebetshäuser, nach dem 10. November nicht mehr benutzbar. Dies hat gerade in der fränkischen Kleinstadt einen zusätzlichen Beigeschmack: Denn die jüdische Gemeinde Miltenbergs hatte im ersten Weltkrieg das Kupferdach ihrer Synagogenkuppel freiwillig für Kriegszwecke dem deutschen Militarismus zur Verfügung gestellt. Schon 20 Jahre nach Kriegsende ist diese nationale Tat gerade bei extremen Nationalisten keinen Pfifferling mehr wert.
Reichsweit beendet wird die Pogromserie vom November 1938 ganz nach deutscher gründlicher Art, die in einer Bekanntmachung Goebbels´ so klingt: „Es ergeht nunmehr an die gesamte deutsche Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum … sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden.“

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Exkurs 1: Erich Kleinmann

Im Januar 2009 meldet sich Bernd Ostendorf. Er ist Lehrer am Walburgisgymnasium in Menden und leitet dort eine Geschichts-Arbeitsgruppe. Er betont, dass er „mit großem Interesse“ den Beitrag über die Verfolgung von Jüdinnen und Juden in der Stadt Miltenberg gelesen hat. Weiter schreibt er: „Mein Interesse war auch deswegen besonders groß, da ich mich für das Schicksal eines Juden, der zeitweise in Miltenberg gelebt hat, interessiere.“ Denn seine Geschichts-AG beschäftigt sich mit der jüdischen Familie Bernstein. Ostendorf: „Ein Familienmitglied, Erich Kleinmann – seine Mutter war eine geboren Bernstein – hat nach unseren Informationen von 1935 bis 1939 in Miltenberg gelebt. Er dürfte dort unter anderem die in Ihrem Artikel so eindrucksvoll beschriebene Pogromnacht durchlitten haben.“ Und: „Augrund seiner Steuerangaben, die er im Rahmen seiner ‚Auswanderung‘ machen musste, wissen wir jedoch, dass er in dem genannten Zeitraum in Miltenberg berufstätig war. Erich wurde am 4.10.1913 in Hagen geboren. Er hat dort bis zu seinem Umzug nach Miltenberg gelebt. Nach einer kurzen Rückkehr nach Hagen im Frühjahr 1939 konnte er im Juni 1939 noch nach Belgien auswandern. Er überlebte dort in der ‚Illegalität‘ die nationalsozialistischen Verfolgungen. Nach dem Krieg ist er in die USA ausgewandert.“ Als Quelle wird das Staatsarchiv Münster, Oberfinanzdirektion Münster, Devisenstelle 4562 angegeben.

Exkurs 2: Paul Briscoe

In seinem Buch „My friend the enemy“ beschreibt Paul Briscoe seine Jugend in Miltenberg. Seine Mutter – eine englische Journalistin, die in Deutschland arbeitete – hatte ihn zu Bekannten hierher gebracht. In seinem Buch erwähnt Briscoe auch die Pogromnacht von 1938, an der er sich als damals Sechsjähriger beteiligte. Seine heutige Einsicht ist klar: „Es war eine Sünde.“ Helga E. Kärtner hat mit Genehmigung von Paul Briscoe für den Boten vom Untermain die Passagen zur Pogromnacht ins Deutsche übertragen; hier einige Auszüge:

„Es waren viele Stimmen, die laut durcheinanderriefen, schimpften und Sprechchöre bildeten. Die Worte konnte ich nicht verstehen, aber der Hass in ihnen kam klar herüber zu mir – sowie eine gewisse freudige Erregung, die mir rätselhaft war. … Der Mob war nach Miltenberg gekommen und hatte Fackeln, Knüppel und Stöcke mitgebracht. Die Wut der Menge war gerichtet auf das kleine Kurzwarengeschäft auf der anderen Seite des Marktplatzes [an diesem wohnte Paul Briscoe]. … Mit der kalten Spätherbstluft drangen nun die Worte auf mich ein: `Ju-den raus! Ju-den raus!´ … Der Laden gehörte Mira. Jeder in Miltenberg kannte sie. Mira war kein `Jude´, sie war eine Person. Sie war jüdisch (im Glauben), aber nicht wie `die Juden´. Diese waren geldraffende Parasiten, schmutzig, untermenschlich – jeder Schuljunge wusste das – aber Mira war einfach Mira. Sie war eine kleine alte Frau, die höflich und freundlich mit jedem sprach, ansonsten aber bescheiden für sich lebte. … Der Mob verlangte nun brüllend ihr Erscheinen: `Raus, du Jüdin, raus, du Schwein!´ … Plötzlich war ein Klirren zu hören. Jemand hatte einen Ziegelstein durch ihr Ladenfenster geworfen. … Die Menge brüllte Beifall; dann aber ebbte das Gebrüll ab, während etliche einander anstießen und auf etwas zu zeigen begannen. Drei Stockwerke über ihnen wurde ein Fenster geöffnet und ein blasses, ängstliches Gesicht schaute heraus. Das Fenster war auf gleicher Höhe mit meinem und ich konnte Mira ganz klar erkennen. … Ihre dünne Stimme zitterte über den Köpfen: `Was ist los? Warum das alles?´ Aber es war klar, dass sie es wusste. Ein Mann in der Menge ahmte sie in spöttischem Falsett nach und der Marktplatz hallte wider von grausamem Gelächter. Eine andere Stimme schrie: `Raus, raus, raus!´, und der Ruf wurde aufgenommen, wurde rasch zu Sprechchor. … Bald stand Mira im zerstörten Eingang ihres Ladens zwischen all den Bändern, Spulen und Stoffballen, die inmitten des zerbrochenen Glases wild durcheinanderlagen. Sie trug ein langes weißes Nachthemd. Der Wind ergriff es und blähte es auf um ihren Körper. Dann war sie plötzlich weg, verloren in der Menge, die sich entlang der Hauptstraße zur Stadtmitte hinbewegte. Der Marktplatz füllte sich hinter ihnen mit Dunkelheit.
Am nächsten Morgen wurde unsere erste Schulstunde durch das Erscheinen von Herrn Göpfert unterbrochen, der in unseren Klassenraum mit noch mehr Angeberei als sonst hereinstolzierte. Er trug seine Braunhemd-Uniform, also war er im Namen der Partei unterwegs. Der kurze, fette Herr Göpfert mit seinen Schweinsäuglein war letztes Jahr unser Klassenlehrer gewesen, deshalb wussten wir alle, welch ein Tyrann er war. … Bei seinem Eintritt nahmen wir Hab-Acht-Haltung ein und boten ihm den Parteigruß. Er beantwortete ihn und als er den Arm senkte, gab er den Wink zum Hinsetzen. … Wir alle erkannten sofort den gezierten, selbstzufriedenen Ton in seiner Stimme wieder, an diesem Morgen aber schien er selbstgefälliger als jemals. `So´, sagte er, `es ist so weit.´ Offenbar ging es um einen historischen Augenblick, niemand jedoch wagte zu fragen, worum es sich handelte. … Alle Schulstunden fielen heute aus, informierte er uns; wir sollten uns vor der Volksschule aufstellen, wo wir dann erfahren würden, was wir zu tun hätten. Was auch immer geschehen sollte, es musste im Voraus gut geplant worden sein, denn die Straßen waren gesäumt mit Braunhemden und Parteifunktionären und die Jungen der Höheren Schule waren versammelt in ihren Hitlerjugend-Uniformen. … Ein Befehl wurde gebellt und die älteren Jungen marschierten los … Über die Köpfe der größeren Jungs vor uns konnte ich gerade eben den Säulenvorbau der kleinen Synagoge von Miltenberg erkennen. …Wir alle standen da und starrten sie an, drauf wartend, was als nächstes geschehen würde. Längere Zeit bewegte sich niemand und es war still. Dann erklang ein neuer Befehl … worauf die Jungen ganz vorne aus der Reihe preschten und unter Hurrageschrei auf den Synagogeneingang zurannten. Als sie den Eingang erreicht hatten, kletterten sie übereinander und schlugen mit ihren Fäusten gegen die Türe. Ich weiß nicht, ob sie das Schloss aufbrachen oder einen Schlüssel fanden, jedenfalls gab es einen neuen Jubelschrei, als die Türe aufging und die großen Jungs hineindrängten. … Bald drangen krachende und splitternde Geräusche aus dem Gebäude nach draußen, von wildem Johlen und Geschrei begleitet. Und plötzlich stand Herr Göpfert vor uns sagte: `Los.´ … Drinnen herrschte wahre Hysterie. Einige der Älteren befanden sich auf der Empore, wo sie Bücher zerrissen und die Seiten in die Luft warfen, wonach diese herabtrieben wie im Wasser versinkende Blätter. Eine andere Gruppe zerrte am Emporengeländer, hin und her, bis es abbrach. Die losgerissenen Teile schleuderten sie dann gegen den in der Mitte des Raumes hängenden Kronleuchter. Ganze Trauben von Kristall fielen hernieder. … Dann geschah es. Ein vom Balkon heruntergeworfenes Buch landete direkt vor meinen Füßen. Ohne nachzudenken, hob ich es auf und schleuderte es zurück. Ich war nicht länger ein außenstehender Beobachter, jetzt machte ich mit und verlor mich völlig in meiner Erregung. Uns allen ging es so. Nachdem wir alle Stühle und Bänke zerlegt hatten, zerschlugen wir auch die Einzelteile. Wir jubelten, als ein großer Junge den unteren Teil einer Tür mit den Füßen zersplitterte. Einen Moment später erschien er wieder, bekleidet mit einer Stola und hielt eine Schriftrolle in Händen. Damit erkletterte er die nun geländerlose Empore und stieß von dort heulende Töne aus in Verspottung jüdischer Gebete. Wir alle trugen mit unserem Gejohle dazu bei. Als unser Gelächter etwas abgeflaut war, bemerkten wir, dass jemand durch die Seitentür hereingekommen war und uns beobachtete. Es war der Rabbi: ein lebendiger echter Jude, wie wir ihn aus unseren Schulbüchern kannten. Er war ein alter, kleiner, schwächlicher Mann mit einem langen, dunklen Mantel und schwarzen Hut. Sein Bart war ebenfalls schwarz, aber sein Gesicht war weiß vor Entsetzen und Schrecken. Jeder im Raum blickte zu ihm hin. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, aber bevor er etwas sagen konnte, flog schon ein Buch und riss ihm den Hut vom Kopf. Dann trieben wir ihn raus durch den Haupteingang, woraufhin er zwischen den draußen stehenden Erwachsenen Spießruten laufen musste. Vom Türrahmen aus sah ich Fäuste und Stöcke auf ihn niedergehen. Es war, als würde ich einen Film anschauen, in welchem ich zugleich mitspielte. Ich bekam Nahaufnahmen mit von einigen Gesichtern im Mob. Es waren die Gesichter von denselben Männern, die ich sonntags immer sah, wenn sie, höflich den Hut lüftend, miteinander in die Kirche einzogen.“

Zitate nach: Bote vom Untermain, 08./09.11.08


Zerstörte Synagoge; Ausriß aus Bote vom Untermain 08./09.11.08
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Kräuterlikör und NS-Terror – zur Geschichte von Berta Mannheimer

Die Maßnahmen gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger gehen auch nach dem 10. November weiter. Z.B. muss die verarmte Jüdin Regina Halle, bisher Unterstützungsempfängerin der Stadt, ab November 1938 auf die 24 Mark Hilfe verzichten.
Regina Halle ist mit Berta Mannheimer eine der letzten beiden Jüdinnen, die in Miltenberg verbleiben, worauf später noch zurückzukommen sei wird.
Jene Berta Mannheimer stammt ursprünglich aus Gemünden und heiratet 1899 Josef Mannheimer, der in Miltenberg als Manufakturbesitzer und Modewarenkaufmann ansässig ist. Dieser stirbt 1926.
Berta Mannheimer sieht die Zeichen der Zeit sehr gut. Ihre beiden Kinder sind schon ausgewandert – Leo nach England und Theodora nach Belgien, später in die USA – da will auch Berta emigrieren. Der Kriegsbeginn am 1. September 1939 verhinderte dies. Auch ihre folgenden Bemühungen, nach Kuba zu siedeln, scheitern, da inzwischen Japan die USA überfallen hat.
Nachdem ihr Ehemann testamentarisch verfügte, dass die Hausangestellte Lina Seus, eine Nichtjüdin, besonders bedacht werden soll, entschließt sich Berta Mannheimer im Zusammenhang mit der geplanten Auswanderung und angesichts der überall durchgeführten „Arisierungen“, ihr Haus und die meisten Möbel mit Zustimmung der Kinder an ihre Haushälterin zu übertragen.
Da die Besitzübergabe zum Termin der Auswanderung nun mangels Auswanderungsmöglichkeit nicht umgesetzt werden kann, wird die Schenkungsurkunde geändert: Die Übertragung erfolgt sofort, Berta Mannheimer erhält allerdings ein lebenslanges Wohnrecht. Dennoch verlässt die Jüdin, um den Terrorauflagen der Nazis Genüge zu tun, das Haus und zieht zu Mira Marx in die „Judenasyl“ genannte Sammelunterkunft. Es entsteht eine höchst interessante Regelung: Während des Tages hält sich Berta Mannheimer bei Lina Seus auf, die sich weiterhin als Hausangestellte betrachtet, also alle anfallenden Arbeiten erledigte und mit 40 Mark monatlich entlohnt wird. Die beiden Frauen essen zusammen, gehen gemeinsam spazieren, bis Berta Mannheimer ab dem Sommer 1941 kaum noch laufen kann. Zum Schlafen allerdings geht sie jeden Abend ins „Judenasyl“.
Mit dem 24. Oktober 1941 wird der Umgang mit Jüdinnen und Juden durch einen Erlass des Reichssicherheitshauptamtes verschärft und jeder Kontakt verboten. Bisher dürfen aufgrund der Regelungen zur Reinhaltung des „arischen Blutes“ keine nichtjüdischen Frauen bei jüdischen Männern Dienst tun. Jetzt wird diese Regelung ausgedehnt. Die Gestapo wertet im März 1942 das Zusammenleben der beiden Frauen als Verstoß gegen diesen Erlass. Beide werden daher festgenommen. Nach einer zweiwöchigen Haft kommt Lina Seus frei, nicht ohne eine Verwarnung über sich ergehen lassen zu müssen. Falls sie nochmals mit Juden verkehre, drohen ihr Schutzhaft und Einweisung in ein Konzentrationslager. Die Gestapo wendet sich auch an die zuständige Arbeitsvermittlungsstelle: „Lina Seus ist sofort in den Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft oder sonstiger Arbeit zuzuführen.“
Berta Mannheimer wird zwei Tage nach ihr entlassen und erhält die Androhung der Einlieferung in ein KZ, wenn sie weiterhin Kontakt zu Lina Seus pflege. Sie zieht in das jüdische Altersheim Würzburg und wird noch 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie stirbt.
Ein Erlebnis aus dem Leben von Berta Mannheimer sei hier noch näher erwähnt, da es uns Aufschluss gibt über den staatstragenden Eifer nicht weniger Deutscher, der sich auch schon mal mit dem puren Eigeninteresse verbindet.
Es ist ein Nachmittag im November 1941, als Berta Mannheimer sich aufmacht, um in einem Miltenberger Ladengeschäft einen Liter Brennspiritus und 0,4 Liter Kräuterlikör für 40 Pfennige zu erwerben. Sie erhält diese Waren.
In jenem Geschäft ist allerdings auch eine nichtjüdische Kundin anwesend, die an diesem Tag schon zum zweiten Mal Weinbrand oder Likör kaufen will, was der Kaufmann ablehnt. Die Frau betont, die neue Ration sei für ihre Mutter. Der Händler bleibt standhaft: Er könne ihr nichts mehr geben.
Die nichtjüdische Kundin protestiert: Wenn er der Jüdin etwas gebe, so müsse sie selbst dies auch erhalten! Der Händler lässt sich nicht drohen.
Daraufhin geht diese Kundin zur Polizei und zeigt den Vorfall an, betont dabei, der verlangte Alkohol sei für ihre Brüder an der Front gedacht. Ein Oberwachtmeister der Schutzpolizei tut nun mehr als seine Pflicht. In hetzerischer Prosa formulierte er einen Bericht, in dem es heißt: „Während nun an allen Fronten unsere tapferen Soldaten die Heimat vor der größten Gefahr schützen und viele dieser Tapferen von blutgierigen Judenkreaturen in er grausamsten Weise niedergemetzelt werden, wagt es in der Heimat dieser Kaufmann und Weinbrandhändler … unseren unvergleichlichen Soldaten einen Schluck wärmendes Getränk … vorzuenthalten und gibt es einer Vollblutjüdin … deren Sohn in London sitzt und gegen das Vaterland hetzt.“
Ohne Nennung von Quellen und somit in freier Fantasie fährt der Bericht des Schutzpolizisten fort; es dürfte „schon wiederholt vorgekommen sein, dass Frauen deren Männer an der Front stehen von diesem Judenknecht abgewiesen worden sind.“
Der Beamte fordert zudem eine Bestrafung, die abschreckend wirken möge.
So wird der Kaufmann nach Würzburg vorgeladen und dort festgenommen. Die „Jüdin Mannheimer“ soll „ohne weitere Eröffnung oder Vorladung“ festgenommen und ebenfalls in Würzburg vorgeführt werden, was aufgrund ihrer Krankheit nicht möglich ist.
Selbst die Gestapo in Würzburg geht allerdings nach der Vernehmung im Dezember 1941 davon aus, dass der Miltenberger Händler nicht in staatszersetzender Absicht gehandelt habe. Er ist durch das Erlebte allerdings massiv eingeschüchtert: „Seit dem Vorfall … gebe ich an Juden überhaupt nichts mehr ab, denn ich will keine weiteren Unannehmlichkeiten mehr.“
Der Miltenberger Oberwachtmeister ist damit nicht zufrieden. Eine erneute Stellungnahme zeigt den schon bekannten Ungeist eines vorauseilenden Nazis. Selbst wenn nicht ausdrücklich erwähnt wurde, dass der Alkohol für Soldaten sei, so hätte der Händler wissen müssen, dass Weinbrand etc. in dieser Zeit immer für Soldaten besorgt werden würde. Eine aberwitzige Konstruktion und schlicht falsche Behauptung.
Die Gestapo in Würzburg weist daraufhin das Landratsamt Miltenberg an, den Kaufmann zu verwarnen und zu belehren. Eine gesetzliche Grundlage zu einer Verurteilung gibt es allerdings nicht, was aber in dieser Zeit nicht unbedingt eine Bestrafung verhindert.


Miltenbeg: Brückenpartie mit Altstadt un Synagoge, Aufnahme um 1910, Postkarte im Verlag Antik & Trödel, Hauptstr. 95, 63897 Miltenberg, Tel. 09371 6 63 96

Ins Exil

Wenn wir die Ereignisse seit 1933 und insbesondere des Novembers 1938 betrachten, so ist es kein Wunder, dass alleine vom 1.10.1938 bis zum 1.10.1939 31 Jüdinnen und Juden Miltenberg verlassen und nur noch 19 jüdische Mitbürger in der Stadt leben.
Von den 91 Jüdinnen und Juden des Jahres 1933 emigrieren 43 vor allem in die USA. Die anderen sterben in Miltenberg oder mehrheitlich in den Lagern der Nazis. Wenige der in der Heimat gebliebenen überleben das so genannte „3. Reich“.
Die letzte Emigrantin ist im September 1940 Klara Klein, die zuvor mit ihrem Ehemann das vom Vater geerbte Textilgeschäft in der Hauptstraße betrieb. Ihr Sohn Hugo emigriert bereits im Dezember 1935 nach Amerika, Tochter Else im Januar 1937. Klara Kleins Ehemann Heinrich verstirbt im Juli 1938. 1940 gelingt Klara Klein die Übersiedlung nach Kalifornien.
Zurück bleibt allerdings eine größere Menge Umzugsgut, das bei einer Aschaffenburger Spedition eingelagert ist. Die Würzburger Gestapo rät zur Versteigerung, da das Gut durch längere Lagerung Schaden nehmen könne. Der Erlös in Höhe von 9.156,20 Reichsmark wird nach der Versteigerung dem Auswanderersperrkonto von Klara Klein zugeführt, auf dem sich bereits 5.819 Reichsmark befinden.
Solche Versteigerungen wie im Fall Klara Kleins sind für die so genannte arische Bevölkerung lukrative Möglichkeiten der Bereicherung. Wie Betriebe in jüdischem Besitz durch die „Arisierung“ meist weit unter Wert verkauft werden, so lässt sich auch bei den zahlreichen Versteigerungen jüdischer Haushaltsauflösungen so manches Schnäppchen für den einfachen Volksgenossen machen, von Geschirr, Hausrat und Möbeln bis hin zu Uhren, Schmuck und Pelzmänteln.
Die Auswanderersperrkonten wiederum dienen der Bereicherung des Staates. Von diesem Konto können Zwangsabgaben wie die Reichsfluchtsteuer oder die Vermögensabgabe gleich einbehalten werden.
Das Sperrkonto unterliegt auch nach der Auswanderung dem Zugriff des Naziregimes, ohne dessen Zustimmung keine Abhebung getätigt werden kann. Ab dem Jahr 1938 gibt das Deutsche Reich nur noch vier Prozent der Reichsmarksumme zum Umtausch in Devisen frei, ab 1941 wird der komplette verbleibende Besitz automatisch enteignet. So dürfte auch bei Klara Klein die Mehrheit der Vermögenswerte in staatliche und private Kanäle geflossen sein.
Nun finden sich bei der durch die Gestapo angeratenen Versteigerung der Güter von Klara Klein allerdings auch jüdische Sakralgegenstände, die sie offenbar retten wollte. Ein Teil davon wird 1941 kostenlos an ein Museum in Würzburg abgegeben, der andere Teil ganz einfach vernichtet.

In den Tod getrieben – Ida Schmitt

Im Sterbebuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Miltenberg findet sich im Jahr 1941 eine Notiz, die den späteren Gemeindepfarrer Wilhelm Erhard zu Nachforschungen anregt. Die Notiz bezieht sich auf Ida Sara Schmidt, geborene Rosenbaum und lautet: „Selbstmord in folge völliger Verzweiflung, da Judengesetzgebung in Anwendung kam. Es wurde eine kirchliche Beerdigung, aber ohne jede Beteiligung der Gemeinde gehalten.“
Was ist geschehen? – Die am 9. November 1876 geborene Ida Schmidt ist jüdischer Abstammung, allerdings im Zusammenhang mit ihrer Eheschließung seit 1912 christlich getauft und „ein treues Glied unserer evangelischen Kirchengemeinde“, wie Wilhelm Erhard feststellt. Ihr Mann, der Kolonialwarenhändler Wilhelm Schmidt, stirbt 1940 mit 65 Jahren. Seine Frau Ida, zuvor Direktrice der Firma Mannheimer, ist auch im eigenen Geschäft – dem Kolonialwarenladen am Engelplatz, den sie bis 1939 mit ihrem Mann betreibt, – als gütige und freigiebige Kauffrau bekannt und beliebt.
Doch sie fällt unter die Terrormaßnahmen, die das Deutsche Reich gegen die jüdische Bevölkerung durchführt und die auch in Miltenberg zur Anwendung kommen. Erinnert sei an die wirtschaftlichen Sanktionen, das Tragen des Davidssternes, die Übergriffe bis hin zur Pogromnacht von 1938, die Nürnberger Gesetze gegen angebliche „Rassenschande“, die Verordnung der Namen Sara bzw. Israel für alle Jüdinnen und Juden etc. So kommt auch Ida Schmidt am 21.Dzember 1938 zu dem amtlich verordneten zweiten Vornamen Sara.
In dieser Situation der Verfolgung soll Ida Schmitt 1941 in eine Sammelunterkunft umziehen. Diese besteht im Haus der Jüdin Mira Marx.
Doch Ida Schmidt kommt ihrer Internierung im „Judenhaus“ und der anschließenden Deportation zuvor; am 2. Dezember des Jahres 1941 geht sie auf den Friedhof, nimmt Arsen und schneidet sich beide Pulsadern auf. Allerdings wird sie gefunden und in das nahe gelegene Miltenberger Krankenhaus gebracht. Auf Vorhaltungen bezüglich der Selbsttötung anortet sie: „Das sollen die verantworten, die mich dazu getrieben haben.“
Um 17 Uhr an diesem 2. Dezember verstirbt Ida Schmitt.
Wilhelm Erhard kommt 1992 zu dem Ergebnis, dass sich der Platz des Freitodes nicht – wie gelegentlich behauptet – am Grab ihres Mannes auf dem Neuen Friedhof befindet, sondern unter dem Sandstein-Kruzifix des Alten Friedhofes in Sichtweite der evangelischen Kirche, die seit 1979 Johanneskirche heißt.
Nach dem Tod von Ida Schmitt stellt sich die Frage der Bestattung. Die Behörden verweigern ein Begräbnis im Grab des christlich bestatteten Ehemannes. Schließlich sei Ida Schmitt eine Jüdin – und muss damit auf dem jüdischen Friedhof bestattet werden. Gleichzeitig ist sie aber getaufte Christin. Was tun? Nachdem die Eingaben des Pfarrers nicht fruchten, blieb nichts anderes als die kuriose Lösung: Das Begräbnis findet nach evangelischem Ritus durch den evangelischen Pfarrer auf dem neuen jüdischen Friedhof ohne Beteiligung der Gemeinde statt. Nur Pfarrer Gottfried Geyer, die Sargträger und Ida Schmitts Nachbar August Knapp, der das von einer Kuh gezogene Fuhrwerk mit dem Sarg lenkt, sind zugegen.
„Was wäre gewesen“, fragt Wilhelm Erhard 1991, „wenn die Mehrzahl der evangelischen Gemeinde zum Schutz ihrer Schwester im Glauben interveniert hätte? Oder in großen Scharen dem Sarg gefolgt wäre?“ Vermutlich hätte mit Zivilcourage nicht nur diese unmenschliche Kuriosität verhindert werden können; es waren noch ganz andere Akte des Widerstehens möglich, wie dies an zahlreichen Orten auch belegt ist.

Doppelt verfolgt: ein als Kommunist bezeichneter Jude

Jude zu sein heißt im so genannten „3. Reich“, ständiger Verfolgung ausgesetzt zu sein. Noch vor den Jüdinnen und Juden sind aber jene an der Reihe, die als Kommunistinnen oder Kommunisten galten. Als einstige konsequente Hitlergegner werden sie noch vor den jüdischen Mitbürgern in die Lager deportiert. Wer aber Jude und Kommunist ist, der fällt gleich doppelt unter den Terror des Regimes.
So erlebt auch Oskar Moritz aus Miltenberg die Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand am eigenen Leib. Als Jude hat er es – obwohl nicht Mitglied der Kommunistischen Partei – vor 1933 mehrfach gewagt, zu betonen, nur der Kommunismus könne aus der großen Arbeitslosigkeit herausführen. Daran erinnern sich die Nazis und inhaftieren den doppelt Missliebigen bereits am 5. März 1933 im KZ Dachau. Ein Gestapo-Beamter stellt fest: „Er ist ein echter Rassejude und entsprechend gegen den Staat eingestellt.“ Das reicht, ihn wie viele andere ohne Rechtsgrundlage wegen „kommunistischer Umtriebe“ zu verhaften.
Der Intervention seines Bruders Maximilian, eines ehemaligen Landgerichtsrates, verdankt es Oskar Moritz, dass er im August 1933 wieder aus dem KZ entlassen wird. In der Folgezeit überwacht ihn die Gestapo in seiner Heimatstadt beständig. Allerdings verhält er sich sehr zurückhaltend, wodurch er keinerlei Handhabe für eine weitere Verhaftung bietet.
Das ändert sich kurz nach der Pogromnacht von 1938. Die Behörden stehen offenbar unter Druck: Sie sollen ein bestimmtes Kontingent an verhafteten Juden vorweisen. Da ein anderer Verhafteter wegen Krankheit nicht haftfähig ist, wird an dessen Stelle am 29. November Oskar Moritz festgenommen und erneut in das KZ Dachau gebracht, kommt aber im Dezember wieder frei.
Seinen Töchtern Ilse Berta und Trude gelingt es 1939, nach England auszuwandern. Beide betreten erst 1987 anlässlich der Feierlichkeiten zu 750 Jahren Stadtrecht Miltenbergs wieder den Boden jener Gemeinde, aus der sie 1939 fliehen. Die Arbeit der Miltenbergerin Sophie Zöller, die im Laufe der Jahre Kontakt zu 17 ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Miltenbergs aufbaut, ermöglicht diesen Besuch in der ehemaligen Heimatstadt. Zu Recht erhält Sophie Zöller für ihre unermüdliche Suche nach von den Nazis vertriebenen Miltenbergern 1994 die Bürgermedaille.
Doch zurück zu Oskar Moritz, der im Gegensatz zu seinen Töchtern mit Ehefrau Rosa und Sohn Manfred in Miltenberg bleibt. Im April 1942, Oskar ist 55 Jahre alt, werden die Eheleute nach Izbica deportiert (siehe nächstes Kapitel) und später getötet. Auch der Sohn sowie Oskars Bruder Maximilian mit Ehefrau Clara Hermine und Bruder Simon sowie Schwester Zille werden als Jüdinnen und Juden ermordet.

Das Haus von Mira Marx – Deportation

Mira Marx ist eine angesehene Jüdin in Miltenberg. In ihrem Haus im Schwarzviertel werden 1942 einige der letzten elf Jüdinnen und Juden von Miltenberg zusammengepfercht. Die Unterbringung in so genannten Judenhäusern dient der Vorbereitung zur Deportation, die auch in Miltenberg systematisch und bürokratisch abgearbeitet wird.
Ein Miltenberger Busunternehmen fährt am 23. April 1942 acht der verbliebenen jüdischen Mitbürger nach Würzburg, von wo sie zwei Tage später nach Izbica, 60 km südlich von Lublin, verbracht werden.
Izbica liegt damals verkehrsgünstig zu den Konzentrationslagern Treblinka, Sobibor, Majdanek und Belzec. 1939 hat die ostpolnische Kleinstadt einen jüdischen Bevölkerungsanteil von 90 %. Unter dem lokalen Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Kurt Engels, dem „Teufel von Izbica“, wird es 1942 Hauptdurchgangslager für die Region.
Vermutlich können die Miltenberger Jüdinnen und Juden nicht direkt in Izbica untergebracht werden, das zu diesem Zeitpunkt völlig überfüllt ist. Ausweichort wird daher Krasnicyn. Von dort geht es vermutlich am 6. Juni in das Todeslager Sobibor.
2007 fahren 80 Abgesandte aus fränkischen Städten nach Izbica und enthüllen einen Gedenkstein aus fränkischem Muschelkalk für die jüdischen Opfer aus ihren Regionen. Mit dabei sind sechs Frauen und Männer aus Miltenberg. Die Stadt beteiligt sich mit einigen hundert Euro an den Kosten des Gedenksteins, der in Polnisch, Englisch, Hebräisch und Deutsch die Inschrift trägt: „Im Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust – Gewidmet von Gemeinden in Franken“.
Kommen wir zurück zum Jahr 1942. Am 23. September deportiert man mit Regina Halle und Berta Mannheimer die beiden letzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Miltenbergs. Berta Mannheimer lebt seit dem Frühjahr im jüdischen Altersheim Würzburg, Regina Halle seit August im Altersheim in Aschaffenburg. Mit dem Transportzug DA 518 werden beide, zusammen mit vielen anderen, um 14.38 Uhr von Würzburg aus nach Theresienstadt verschleppt. Berta Mannheimers kommt dort völlig entkräftet ums Leben.
Regina Halle überlebt tatsächlich das Lager. Sie stirbt 1951 in Würzburg.
Die Spur von Mira Marx, bei der die letzten Miltenberger Juden untergekommen sind, verliert sich ebenfalls in Izbica. Sie ist dort mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ums Leben gekommen. Mira Marx wird – wie einige andere Miltenberger Jüdinnen und Juden – am 20. April 1942 – also an „Führers Geburtstag“ – amtlich für tot erklärt.
Nach dem Krieg erzählt man sich in Miltenberg eine interessante Geschichte. Eine überlebende Jüdin sei noch einmal in der alten Heimat aufgetaucht. Angeblich habe sie Mira Marx kurz vor deren Tod in einem Konzentrationslager getroffen. Mira habe ihr zugerufen, sie müsse jetzt mit anderen zum Duschen gehen und man würde sich ja anschließend sehen. Ab da verliere sich die Spur von Mira Marx.
Diese eindrückliche und sicherlich nicht abwegige Erzählung kann durch die historische Recherche nicht bestätigt werden. Sie zeugt aber davon, für wie beachtenswert die Geschichte gerade von Mira Marx – der „Marxe Mira“, wie alte Miltenberger zu sagen pflegten – in ihrer Heimatstadt gehalten wurde.
In der Folge der genannten Ereignisse wird Miltenberg im Oktober 1942 „judenfrei“; von den knapp 100 Jüdinnen und Juden des Jahres 1933 ist niemand mehr anwesend; auch die zu Juden oder Halbjuden erklärten Menschen sind vertrieben, deportiert oder – wie Ida Schmitt – in den Selbstmord getrieben.


Im Keller dieses Hauses, erbaut ab 1480, befindet sich eine mittelalterliche Mikwe (jüdisches Ritualbad), Aufnahme: Philipp Wirth, 1908, Postkarte im Verlag Antik & Trödel, Hauptstr. 95, 63897 Miltenberg, Tel. 09371 6 63 96

Ein Nazi dichtet – Roman Derreth

Schon 1933, kurz nach der Machtübertragung an Adolf Hitler, dichtet der stets parteilose ehemalige Lehrer Roman Derreth eine inhaltlich unerträgliche Lobeshymne auf den Führer. Es reicht, den Refrain zu zitieren: „Heil! Adolf Hitler! Heil! Retter Dir! Heil! Rufen in Begeisterung wir! Du hilfst uns allen aus Schmach und Not! Wir woll´n Dir treu sein bis zum Tod!“
Doch dabei bleibt es nicht. Es kommen zahlreiche weitere Dichtungen dazu, wie 1944 das „Marschlied für unsere Gebirgsjäger“, in dem es heißt, diese würden „Gangsters Mordscharen“ schlagen, womit der Miltenberger Dichter die Alliierten meint, die gerade dabei sind, Europa vom Naziterror zu befreien. Dass er selbst noch 1944 das „Riesenreich“ des Führers besingt, das mag einfach ignorante deutschnationale Überheblichkeit sein. Schließlich will Derreth sich ganz offensichtlich als Durchhaltedichter betätigen und so Siegeswillen erzeugen. Dass er aber auch – was wir hier besonders hervorheben müssen – ein offener Antisemit ist, das hat noch einmal eine ganz andere Qualität. So reimt Derreth in seinem Gedicht „Deutscher Schwur“: „Und wie einst jung Siegfried den Drachen erschlug, so schlägt auch Jung Deutschland den jüdischen Trug.“ Und er endet: „Auf Deutsches Volk! Erfüll es! Dein Kreuzzug ist´s! Gott will es!“
Ganz abgesehen davon, dass hier wieder einmal jemand genau wissen will, was Gott für Gräueltaten erwartet, sehen wir einen Judenhasser, der ganz ohne Zwang und sogar ohne Auftrag sein ekelhaftes Propagandawerk betreibt.
Es ist kein Wunder, dass ein solcher treudeutscher Dichter wie Roman Derreth den nachgeborenen Nazis nicht verborgen bleibt. Kein Geringerer als Thomas Brehl, bekennender Neonazi und Freund des bekanntesten Nachkriegsnazis Michael Kühnen, zitiert noch 2006 im Internet nicht ohne Zustimmung die derrethsche Zeile von Jung-Siegfried und dem Drachen.
Derreth stirbt übrigens nicht im von ihm verherrlichten Kampf für Deutschland, sondern hochbetagt 1949 im heimischen Bett.
Dreißig Jahre später beschließt der Miltenberger Stadtrat, eine Straße in Miltenberg-Norg nach ihm zu benennen, denn der Heimatdichter ist Urheber zahlreicher Miltenberg-Lieder, darunter die Heimathymne über die „Perle des Mains“. An die zahlreichen anderen Werke kann oder will man sich nicht erinnern.
Der Lokal-Journalist Klaus Siegmeier zieht kurz darauf in diese Roman-Derreth-Straße und fragt sich, wer wohl der Namensgeber sei. Die Nachforschungen des Zugezogenen bringen 1980 das hier schon bekannte Ergebnis: Die Straße ist nach einem glühenden Nazi benannt. Zwei Veröffentlichungen hierzu in der Lokalzeitung Bote vom Untermain lösen eine höchst aufschlussreiche Diskussion aus und bringen Miltenberg die Beachtung in der überregionalen Presse.
Hofft man bei den Stadtoberen zuerst wohl auf das Vergessen, ist später im Gespräch, die Straße umzubenennen. Doch nicht einmal die SPD-Stadtratsfraktion will dem zustimmen, obwohl sich der Ortsverein der Partei dafür ausspricht. Dem Ortsvorsitzenden werden wegen der Aufforderung zur Umbenennung der Derreth-Straße anonyme Briefe mit Boykottandrohungen gegen sein Geschäft zugeschickt. Der Bote vom Untermain bekommt ebenfalls böse Briefe. Ein Mann aus dem Jahrgang 1899 – was er ausdrücklich anführt – schreibt in einem Leserbrief zur Verteidigung Derreths, dieser sei verdienter Lehrer, Dirigent, Orgelspieler, Chorgründer und Komponist gewesen und habe nur „dem Zeitgeist entsprechend auch ein paar `patriotisch´ Lieder“ verfasst. Auch als „volkstümliches Wirken“ wird Derreths Dichtkunst verharmlost.
Eine anonyme Postkarte an die Zeitungsredaktion verkündet: „Wenn Ihnen der Straßennamen nicht passt, dann ziehen Sie gefälligst um! Die Straße bleibt!!!“
Andere Zeitgenossen sprechen von Rollkommandos, die die Prügel verabreichen sollen, die der Redakteur in der Schule nicht erhalten hätte oder meinen – selbstverständlich anonym – am Telefon ganz einfach: „Arschloch!“
Die offizielle Politik wiegelt ab: „Derreth wollte niemandem zu nahe treten. Jüdischer Trug – das war doch damals eine übliche Floskel“, meint etwa der damalige zweite Bürgermeister. Die Stadträte haben sich „gewunden“, schreibt der stern, bis sie im Dezember 1981 dann doch – bei nur zwei Gegenstimmen – die Straßenbenennung nach Roman Derreth rückgängig machen.
Die kleinere Lokalzeitung Volksblatt stellt sich auf Derreths Seite, eventuell auch, um sich als Sprachrohr des vermeintlichen Volksempfindens zu betätigen und damit die eigenen Abonnementszahl zu Ungunsten des größeren Konkurrenzblattes zu verschieben.
Dem Streit um die Straßenbenennung widmet das Volksblatt im Januar 1982 sogar eine ganze Zeitungsseite und veröffentlicht darin auch eine Laudatio zu Derreths 70. Geburtstag aus dem Jahr 1936 (!), in der der deutschnationale Dichter – wen wundert es – über den grünen Klee gelobt wird. Das Blatt gibt zudem den Rechtfertigungsversuchen der Miltenberger breiten Raum. So zitiert man einen ehemaligen Derreth-Schüler, der immerhin zugibt, Derrreth habe ein „strenges Regiment“ geführt; was dies zur Wirkungszeit Derreths heißt, das können sich die Nachgeborenen mit etwas Fantasie gut vorstellen. Doch könne – so der Leserbrief – Derreth kein Antisemit gewesen sein, habe er doch als Herbergsvater auch jüdische Kinder aufgenommen!
Und dann kommt, was kommen muss: „Es müsse knapp 40 Jahre nach Kriegsende endlich einmal ein Schlußstrich gezogen werden können“,
zitiert das Volksblatt einen anonymen Bürger. Den Miltenberger Stadträten wirft ein Zeitungskommentar dann noch mangelndes „Durchhaltevermögen und Standfestigkeit“ zugunsten Derreths vor. Ja, denen fehlte wohl ein Durchhaltedichter!
Der nicht genannte Kommentator versteigt sich dazu, die Entscheidung, einem Nationalisten und Antisemiten nicht länger eine Straße zu widmen, mit Mitläuferverhalten im Dritten Reich in eins zu setzen!
Ein Wort noch zur Derrethschen Dichtung: Dass sie inhaltlich entlarvend und indiskutabel ist, braucht sicher nicht weiter betont zu werden. Stilistisch kann sie den Nachgeborenen allerdings auch kaum zum Vorbild gereichen mit den durchschaubaren und erwartbaren Reimen. Aber derlei Dichtung gibt es auch in fast allen anderen ähnlichen Gemeinwesen. Da wird die eigene Stadt gelobt und gelobhudelt. Da bekommen Einheimische feuchte Augen, wenn sie auch nur einhundert Kilometer von der Heimatstadt entfernt das Heimatlied hören, – und das gilt selbstverständlich auch für Miltenbergerinnen und Miltenberger und ihr derrethsches Lied von der Perle des Mains. Dessen teils kitschige Reime seien hier verziehen. – Nur: Reime pro Hitler und contra Jüdinnen und Juden, – das kann weder vergessen noch verziehen werden, zumindest nicht durch uns Nachgeborene der Täter von einst. Ein Ja zu Derreths Heimatlied mag noch angehen, zu seinen Nazitexten gibt es nur ein eindeutiges Nein!
Dies sieht wohl auch der Miltenberger Historiker Wilhelm Otto Keller so, wenn er 1993 rückblickend feststellt: „Auch wenn es nicht gelingt, nach 60 Jahren den Zeitereignissen von 1933 noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so sollten wir in Miltenberg beginnen, darüber zu reden und nicht unter den Teppich zu kehren. Es geht dabei nicht darum anzuklagen, sondern aus der Geschichte zu lernen!“
Es gilt zudem, was die Historikerin Christine Wittrock allen Regionalhistorikerinnen und –historikern ins Stammbuch schrieb: Es gelte, der Frage nach den tatsächlichen Geschehnissen und deren Ursachen nachzugehen.
„Die Minimalforderung lautet: Die Geschichte mit dem `Blick von unten´ zu betrachten, sich verbaler Folklore zu enthalten und keine `Gefälligkeitsgutachten´ zu produzieren. Faschismusgeschichte ist nicht nur Verfolgungsgeschichte der Juden, sondern auch und vor allem Tätergeschichte.“

Erinnerung

Wenn wir die Listen der Jerusalemer Gedenkstätte für die Opfer der Shoa heranziehen und auch das „Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 bis 1945“ hinzunehmen, so müssen wir davon ausgehen, dass neben der in den Tod getriebenen Ida Schmitt mindestens nachfolgende 31 Bürgerinnen und Bürger, die in Miltenberg geboren wurden oder hier längere Zeit lebten, als Jüdinnen und Juden dem Nazi-Terror zum Opfer fielen:

Siegmund Ahrend
Leo Boettigheimer
Leo Dahlheimer
Rosa Dahlheimer
Wolfgang Dahlheimer
Alfred Emanuel
Rudolph Falk
Elias Fried
Emilie Fried
Joseph Grünebaum
Nanny Nathalia Heß
Nanny Hirsch
Otto Israel
Berta Mannheimer
Martha Martczak
Mira Marx
Manfred Moritz
Maximilian Moritz
Oskar Moritz
Rosa Moritz
Wilhelm Oppenheimer
Emma Schuster
Erna Simons
Fanni Simons
Gerd Simons
Otto Simons
Adolf Stargardter
Frieda Stargardter
Irma Ullmann
Betty Weichsel
Ernstine Weichsel

Auf dem Grabstein von Josef Halle im neuen jüdischen Friedhof Miltenbergs steht zu lesen: „Auf drei Dingen steht die Welt | Auf Wahrheit und Gerechtigkeit | und auf Frieden.“ Wir möchten ergänzen: Und auf Erinnerung.

Mapec
April 2008

Quellen:
- Amendt, Jürgen: Jüdische Namen aus Miltenberg und Eschau im „Gedenkbuch“, in: Spessart Nr. 8/1993
- Bayer, Walburga (* 1908 | + 2005): Mündlicher Bericht über Mira Marx
- Brehl, Thomas: Nomen est Omen, in: www.kds-im-netz.de/schriften/nomen.htm, Seitenaufruf vom Dezember 2006
- Debler, Ulrich: Die Jüdische Gemeinde von Miltenberg, Sonderveröffentlichung aus dem Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes, Band 17, Herausgeben von der Stadt Miltenberg, 1995, S. 43 – 52
- Debler, Ulrich: Was passierte in der Reichskristallnacht in Miltenberg?, in: Bote vom Untermain, 09.11.96
- Debler, Ulrich: Verhaftungen, Zerstörungen, in: Bote vom Untermain, 09.11.96
- Debler, Ulrich: Stand der Dinge am Donnerstagmorgen, in: Bote vom Untermain, 09.11.96
- Debler, Ulrich: Eine Bilanz der Schäden, in: Bote vom Untermain, 09.11.96
- Debler, Ulrich: Das Geschehen eskalierte, in: Bote vom Untermain, 09.11.96
- Debler, Ulrich und Köhler, Harald: Dem Instrumentarium für die Jagd auf Juden und „Judenknechte“ konnte niemand entkommen., in: Spessart Nr. 7/1992
- Debler, Ulrich und Köhler, Harald: Jüdin wird Christin. Behörde bestimmt: Sie bleibt Jüdin., in: Spessart Nr. 7/1992
- Debler, Ulrich und Köhler, Harald: Im September 1940 letzte Emigration. Gestapo führt Buch., in: Spessart Nr. 7/1992
- Erhard, Wilhelm: Selbstmord in unserer Gemeinde, in: anstoß [Gemeindeblatt der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Miltenbergs] Nr. 71, Nov. 1991
- Erhard, Wilhelm: Selbstmord in unserer Gemeinde – Ein Nachtrag, in: anstoß [Gemeindeblatt der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Miltenbergs] Nr. 72, Febr. 1992
- Füllberg-Stolberg, Claus: Die Rolle der Oberfinanzdirektion bei der Vertreibung er Juden, in: zeitblicke 3, Nr. 2, 03.09.2004, www.zeitblicke. historicum.net/2004/02/fuellberg-stolberg/index.html, Seitenaufruf vom 22.12.06
- Keller, Wilhelm Otto: Bürgermeister und Stadtrat schnell abserviert | Amtsgeschäfte gehen an Kommissar Fink, in: Bote vom Untermain, 27.08.93
- Körner, Peter: Eine die Wehrkraft zersetzende Witwe und ein angeblicher Kommunist, in: Stadt Miltenberg (Hrsg.): 750 Jahre Stadt Miltenberg | 127 – 1987, Miltenberg 1987
- Körner, Peter: „Sie lebten wie wir, sie lebten unter uns“ – Delegation im polnischen Izbica: Gedenkstein für die deportierten fränkischen Juden enthüllt, in: Main-Echo, 16.05.07
- Körner, Peter: Izbica – Ghetto und Zwischenstation, in: Main-Echo, 09./10.06.07
- Lenk, Martin u.a.: Spurensuche in Miltenberg, o.O., o.J. [1983], S. 61
- Lorenz [Pechtold], Martin: Nationales Miltenberg , in: Traum-A-Land – Provinzzeitung für Franken-Hohenlohe Nr. 22, 1981
- Maag, Alfred: Roman Derreth: Überwiegend positive Seiten nicht außer acht lassen … [Leserbrief], in: Bote vom Untermain, 04.12.80
- Mellenthin, Knut: www.holcaust-chronologie.de, Seitenaufruf vom 27.12.06 [Chronologie, 7. – 10. Nov. 1938]
- Pechtold, Martin: In den Tod gerieben – In Erinnerung an Ida Schmidt, in: Asyl am Untermain, Nr. 24, September 2000
- Rockenmaier, Dieter W.: Denunzianten | 47 Fallgeschichten aus den Akten der Gestapo im NS-Gau Mainfranken, Würzburg 1998, Seite 175 ff.
- Schmittner, Monika: Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 am bayrischen Untermain, Aschaffenburg 2002, Seiten 28 f., 40, 70, 104 ff.
- Schoen, Wolfgang und Gutermuth, Frank: Izbica – Drehkreuz des Todes, TV-Dokumentation, SWR Fernsehen 2007
- Serke, Jürgen: „Miltenberg – Du Perle des Mains“, in: stern Nr. 53, 23.12.81
- Siegmeier, Klaus: Roman Derreth verherrlichte den Faschismus und den Krieg, in: Bote vom Untermain, 28.11.80
- Ulshöfer, Bernd: „Miltenbergs Räte haben es sich leicht gemacht, Derreth ein Grab zu schaufeln“, in: Volksblatt, 09.01.82
- Vierengel, Rudolf: Miltenberger Persönlichkeiten, in: 700 Jahre Miltenberg 1237 – 1937, Miltenberg 1937
- Weiß, Manfred: Bürgermedaille für Sophie Zöller: Die Hand zur Aussöhnung gereicht, in: Bote vom Untermain, 22.09.94
- Weiß, Manfred: Schwarzes Bollwerk schwer zu knacken, in: Bote vom Untermain, 18.02.99
- Willmann, Kathrin: Zeitzeugeninterview mit Eugen Berberich, in: Die Reichspogromnacht vom 9./10.November 1938 am Beispiel der Ereignisse in Kleinheubach, Miltenberg, Röllbach und Wörth, Facharbeit am Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld, 2003
Ohne Autorenangabe:
- Bei solchen Argumenten müssen Bürger die Haare zu Berge stehen [Fehler im Original], in: Volksblatt, 09.01.82 [vermutlich von Bernd Ulshöfer]
- Bericht aus Izbica/Stadtrat Miltenberg in Kürze, in: Bote vom Untermain, 09.06.07
- Kaisertreu und führergläubig: Ein Literaturtipp, in: neue hanauer zeitung, Nr. 132, Winter 2006
- Mit vielen Verboten den Juden in Miltenberg das Leben shwergemacht, Bote vom Untermain, 16.05.80
- Roman Derreth, wer war das überhaupt?, in: Volksblatt, 09.01.82 [vermutlich von Bernd Ulshöfer]
- [Zur Synagoge Miltenberg] www.alemannia-judaica.de/miltenberg_synagoge.htm, Seitenaufruf vom 07.12.06
- [Zu den jüdischen Friedhöfen Miltenbergs] www.alemannia-judaica.de/miltenberg_friedhof.htm, Seitenaufruf vom 07.12.06