Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA veröffentlichen wir hier einen Beitrag, der wenige Monate nach dem damaligen Ereignis die Reaktionen vor allem auch am bayerischen Untermain beschreibt und alles in einen Zusammenhang setzt. Der Beitrag erschien ursprünglich im Informationsdienst ASYL AM UNTERMAIN Nr 27, März 2002. Den Beitrag gibt es aus als Faksimile – zusammen mit drei anderen zeitgenössischen Presseveröffentlichungen aus der Region Aschaffenburg-Miltenberg – als PDF-Datei.

Terror, Krieg, erneuter Terror und wieder Krieg?
Terroranschläge auf die USA am 11. September 2001 und Krieg gegen Afghanistan – eine Chronologie

Der 11. September

Dienstag, 11. September 2001, ca. 16.30 Uhr. Wir verlassen eine dienstliche Besprechung. Eine Kollegin kommt aufgeregt auf uns zu: „Macht das Radio an! In den USA wurde das World Trade Center zerstört!“
Fassungslos sitzen wir vor den Rundfunkempfängern, verschiedenste Gedanken gehen uns durch den Kopf: Ohnmacht, Trauer, Fassungslosigkeit … Wie mögen sich die Menschen in den Flugzeugen und dem Gebäude gefühlt haben bzw. noch fühlen? Wer steckt hinter der Tat? Wird es Krieg geben? Das ist doch alles Wahnsinn!
Nach Arbeitsschluss die Bilder aus New York in den Fernsehnachrichten: Ein gekapertes Passagierflugzeug, das sich in den zweiten Turm des World Trade Center stürzt, während der erste Turm bereits – durch eine ebenfalls entführte Maschine getroffen – brennt. Die Türme stürzen ein. In Washington wurde ebenfalls ein ziviles Passagier-Flugzeug samt Insassen auf das US-Verteidigungsministerium gestürzt; eine vierte Maschine wird – wie man später vermutet: durch Einsatz der Fluggäste – auf freiem Feld zum Absturz gebracht und erreicht ihr Ziel nicht.
Einige tausend Menschen fallen den vier Selbstmordanschlägen zum Opfer.

Die Medien

Die in den Zeitungen gedruckten teils großformatigen Farbbilder, vor allem aber die Filmaufnahmen der Fernsehsender zeigen sich als eine Mischung aus Informationsvermittlung und einer gehörigen Prise Show mit Gruseleffekt: immer und immer wieder werden die Bilder des zweiten explodierenden Flugzeuges im World Trade Center gezeigt, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werden diese an Hollywood-Filme erinnernden Szenen wiederholt. Bei manchen TV-Zuschauern macht sich in den kommenden Tagen ein Ekel vor dieser sensationslüsternen Berichterstattung breit.

Reaktionen in aller Welt …

Sofort nach der Tat melden sich Politiker zu Wort und verurteilen den Anschlag. Bis hin zu Palästinenserpräsident Arafat sind sich alle einig in ihrer Ablehnung; selbst China äußert Abscheu über den Anschlag.
Ausnahmen gibt es allerdings: So in arabischen Ländern, wo Menschen auf die Straße gehen, um zu triumphieren über diese Niederlage des Feindes USA. Auch aus Südamerika werden Aussagen von Menschen bekannt, die es den USA gönnen, Opfer eines Anschlages zu werden.
Israelis werden interviewt, die betonen, dass die US-Bürger jetzt nachfühlen können, was es heißt, mit dem Bombenterror zu leben, den sie – die Israelis – schon lange kennen. Und Palästinenser bekunden in Interviews ebenfalls, dass die USA jetzt den Terror kennen, dem sie – die Palästinenser – täglich ausgesetzt sind. Ein interessanter Gleichklang der Aussagen!
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Trauer

Text des Kondolenzbuches der Caritas Miltenberg (an die amerikanische Caritas weitergegeben):
Wir trauern mit den Hinterbliebenen der Opfer des unmenschlichen Anschlages vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten.
Wir fühlen mit den Verletzten dieses Terrorangriffs und sind entsetzt über die Brutalität und den Fanatismus der Täter.
Wir fordern alle Verantwortlichen auf, nicht Terror mit Gegenterror zu vergelten.
Wir bitten um Gottes Segen für alle Opfer des Terrors.

Vorstand, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Gäste des Caritasverbandes für den Landkreis Miltenberg e.V.
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… und auch am bayerischen Untermain

An den Schulen im bayerischen Untermaingebiet wird bereits direkt nach den Anschlägen vom 11. September der Unterricht so gestaltet, dass die Schülerinnen und Schüler das Thema bearbeiten und aufarbeiten können. Die Tagespresse berichtet ausführlich über den geänderten Schulalltag.
In den Zeitungen werden Briefe veröffentlicht, die in den USA lebende ehemalige Untermainbewohner zugesandt haben. Aber auch viele ansässige Bürgerinnen und Bürger melden sich mit Leserbriefen zu Wort.
Die Kirchen reagieren mit Gottesdiensten und verschiedene Stellen – so auch der Caritasverband in Miltenberg – legen Kondolenzbücher aus, in die sich vermutlich Tausende eintragen.
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Was tun?

Gibt es eine Alternative zu einem Militäreinsatz? Natürlich. Viele Menschen würden etwas anderes vorziehen als Aktionen einer von den Amerikanern dominierten Allianz. Etwa eine Operation unter der Federführung der Vereinten Nationen gegen eine kriminelle Gruppe, deren Mitglieder gejagt und vor einen internationalen Gerichtshof gebracht werden sollten. Dort würden sie einen fairen Prozess und im Schuldfall eine angemessene Strafe erhalten. …
Bombenwerfen ist so nützlich wie Krebszellen mit einem Schneidbrenner auszurotten.
… jedes Fernsehbild von getroffenen Spitälern, verkrüppelten Kindern und Flüchtlingstrecks wird den Hass unserer Feinde verstärken, neue Terroristen heranzüchten und neue Zweifel in den Köpfen unserer Verbündeten säen. …
Wie sollte al Quaeda bekämpft erden? Mit geduldigen und lang angelegten Operationen von Polizei und Geheimdiensten. Doch dieser Kampf kann Jahrzehnte dauern, und es wird weder spektakuläre Schlachten noch eindeutige Sieger geben.

Sir Michael Howard, Militärhistoriker, lehrte an den Universiäten Oxford/GB und Yale/USA, in einem Interview mit dem Stern, 08.11.01
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In Aschaffenburg versammeln sich viele Feuerwehrleute, um den bei den Rettungseinsätzen in New York getöteten Kollegen zu gedenken.
Schließlich beteiligen sich hunderte von Menschen an den Aktionen der Friedensbewegung, also an zahlreichen Kundgebungen, Veranstaltungen, einer Resolution an die Bundestagsabgeordneten der Region, einer Zeitungsanzeige gegen den Krieg etc.
In allen Reaktionen am Untermain zeigen sich vor allem Entsetzen über die unmenschliche Terrortat, Trauer um die Opfer und Angst vor einem Krieg. Viele beherrscht dabei der Gedanke, dieser Krieg könne als erneuter Terrorismus auch nach Deutschland kommen. Speziell den Mitwirkenden bei Aktivitäten der Friedensbewegung – aber nicht nur diesen – ist dies deutlich zu eng gefasst: Sie lehnen den Krieg auch dann ab, wenn er „nur“ Afghanistan treffen sollte.

Rassismus und „Sicherheitspakete“

Rassismus ist nichts Neues in unserer Gesellschaft oder der der USA. Nach den Anschlägen vom 11. September zeigt er sich allerdings in neuem Gewand: Als anti-islamische Rache.
In den USA werden Zusammenrottungen von Menschen, die Moscheen stürmen wollen, von der Polizei aufgelöst. In deutschen TV-Beiträgen berichten muslimische Mitbürger/-innen oder solche, die „arabisch“ aussehen, von Beschimpfungen und mehr. Auch der IG Metall-Vorsitzende Zwickel berichtet bereits Ende September von Übergriffen auf „anders aussehende Menschen“ in den Betrieben.
Die eingeleiteten Sicherheitsmaßnahmen tun ihr Übriges: Fast pauschal werden Muslime dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung zu potenziellen Terroristen.
Zu diesen „Sicherheitspakete“ genannten Gesetzesänderungen gibt es heftige Widersprüche: Die neuen Befugnisse staatlicher Stellen dienten nur der Informationssammelwut von Geheimdiensten, bürgerliche Freiheiten werden erheblich beeinträchtigt. Und: Auch mit den jetzt durchgesetzten „Sicherheitspaketen“ wäre der Anschlag vom 11. September in keiner Weise zu verhindern gewesen.
„Die umstrittene bundesweite Rasterfahndung als Mittel der Terrorismusfahndung ist viereinhalb Monate nach ihrem Start bisher ohne erkennbaren Erfolg verlaufen.“ (Main-Echo, 16.02.02) Und das, obwohl rund 14.900 Personen aus dem Datenmaterial herausgefiltert wurden.
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Militärische Intelligenz ist ein Widerspruch in sich.

Groucho Marx
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Der Krieg der USA und der NATO

Die USA haben schon gleich nach dem 11. September einen Hintermann der Selbstmordanschläge gefunden: Den in Afghanistan lebenden Saudi-Arabier Osama bin Laden. Wie nicht nur die Friedensbewegung vermutet hatte, wollen sie Afghanistan daher angreifen, dessen Taliban-Regierung bin Laden ohne Beweise für seine Schuld nicht ausliefern will.
Die NATO ruft erstmals in ihrer Geschichte den Verteidigungsfall aus und erklärt damit die Unterstützung der USA; die Vereinten Nationen werden nicht eingeschalten, sondern nur informiert, und Deutschland betont immer wieder seine „bedingungslose Solidarität“ (Bundeskanzler Schröder) mit den USA und bietet Kampfeinheiten an.
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Wir sind in Afghanistan aus Gründen des Eigeninteresses, nicht des Altruismus.

Charles Krauthammer, Kommentator der Washington Post, 18.10.01
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Am Sonntag, 7. Oktober beginnen nach wochenlangen Truppenbewegungen die Angriffe auf Afghanistan. Mit dabei: US-Amerikaner und Briten. Bereits am 9. Oktober werden die ersten Ziviltoten von unabhängiger Seite bestätigt – durch die Vereinten Nationen, die vier Mitarbeiter bei einem Bombenangriff verlieren.
Schließlich findet ab 20. Oktober der erste offiziell bestätigte Einsatz von US-Bodentruppen in diesem Feldzug statt; bei dieser Operation von ca. 200 Soldaten der Spezialkräfte kommen zwei GIs ums Leben.
Die Toten unter der afghanischen Zivilbevölkerung werden später auf mindestens 3.500 geschätzt. Über die Zahl der auf beiden Seiten Gefallenen liegen bei Abschluss dieses Beitrages noch keine Zahlen vor. Nur eines scheint klar: Bin Laden ist nicht darunter.
In den Herbst- und Wintertagen 2001 wird die Stimmung auch durch Anschläge mit Milzbrand-Erregern angeheizt, hinter denen islamistische Terroristen vermutet werden; in verschiedenen US-Städten tauchen Briefsendungen mit infiziertem Material auf. Es kommt zu mehreren Toten. Doch das FBI ermittelt in dieser Sache anderweitig: „Wir suchen die Täter in rechtsradikalen Kreisen und unter militanten Abtreibungsgegnern im eigenen Land.“ Aus ermittlungstechnischen sowie politischen Gründen werde dies aber nicht an die große Glocke gehängt. „Wir wollen uns nicht mit den Politikern anlegen, die so gern ausländische Terroristen als Täter vermuten“, wird das FBI zitiert.
Die Nachrichtenagentur AFP berichtet zudem am 10. Dezember, dass die Milzbrandbriefe an den Mehrheitsführer im Senat der USA, Tom Daschle, an seinen Kollegen Patrick Leahy sowie an den Sender NBC und die New York Post von US-Militärangehörigen bzw. von einer Person „mit Verbindung zum Militär“ verschickt worden sein müssen; denn nach Expertenmeinung habe kein anderes Land als die USA Milzbranderreger von derart hoher Konzentration hergestellt.
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Wenn die Fahne weht, ist der Verstand in der Trompete.

Konrad Lorenz
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Kabul fällt, der Kongress tagt

Bereits im November fällt – nach heftigem Bombardement durch US-Truppen – die afghanische Hauptstadt Kabul in die Hände der mit den USA/NATO verbündeten Nordallianz. Die Kämpfe werden ausdrücklich auch während des Fastenmonats Ramadan nicht ausgesetzt; am 26. November greifen massiv Bodentruppen der USA ein, während gleichzeitig der deutsche Truppenbeitrag mit ersten Transportflügen von Transallmaschinen der Bundeswehr startet.
Einen Tag später beginnt die Afghanistan-Konferenz in Bonn, die sich am 5. Dezember auf eine Übergangsregierung einigt. Zu dieser Konferenz äußert sich im Januar Matin Baraki: „Wäre die Einhaltung der Menschenrechte wirklich Maßstab internationaler Politik, wie immer wieder behauptet wird, dann hätte man die meisten Mitglieder der afghanischen Delegation festnehmen und vor ein unabhängiges Gericht stellen müssen.“ Denn es handelt sich meist – mal abgesehen vor allem von zwei Alibifrauen – um die ehemaligen Führer er brutalst vorgehenden Gruppen des Bürgerkrieges, also um die Anführer der Plünderer, Vergewaltiger und Mörder aus der Zeit vor der Talibanherrschaft.
Zwischenzeitlich brechen in Afghanistan die aus jener Zeit ebenfalls bekannten militärischen Konflikte zwischen einzelnen Gruppen und Clans auf, die alle eigenes Land als ihr Herrschaftsgebiet erobern wollen.
Mitte Dezember legt die US-Regierung ein Videoband vor, das Osama bin Laden zeigt, wie er sich zu den Anschlägen vom 11. September äußert. Danach soll er schon vor den Angriffen von diesen gewusst haben; eine Urheberschaft des Terrorangriffs kann aber auch mit diesem Video nicht nachgewiesen werden. Zudem wurde es wegen schlechter Tonqualität in den USA „digital aufbereitet“, was erhebliche Zweifel an den darin getroffenen Aussagen nährt.
Das neue Jahr beginnt damit, dass bereits am ersten Tag neun deutsche Offiziere nach Afghanistan fliegen, um den Einsatz deutscher Soldaten im Rahmen der internationalen Schutztruppe vorzubereiten.
Spätestens im Februar haben die USA neue Ziele im so genannten Anti-Terror-Krieg benannt: Im Mittelpunkt soll künftig der Irak stehen.
Dazu passt auch, dass deutsche Fregatten vor dem Horn von Afrika patrouillieren: Somalia gilt schließlich auch als „Schurkenstaat“ und ist somit potenzielles Kriegsziel.
Ob mit NATO oder ohne – die USA erklären erneut, weiter Krieg führen zu wollen, wo und gegen wen sie es für nötig erachten. Frei nach Sepp Herberger können wir sagen: „Nach dem Krieg ist vor dem Krieg!“
Und die Gründe für diesen Krieg, insbesondere jene, die nicht unbedingt mit den offiziellen Militär-Verlautbarungen übereinstimmen? – Nun, das wäre wieder ein ganz anderes Thema …

Mapec