Miltenberg am Kriegsende 1945, Zeitzeugen berichten

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Anhang: 8. Mai 1945- Tag der Befreiung vom Nazi-Terror – Erklärung von 13 Gruppen und Verbänden aus der Region Aschaffenburg-Miltenberg, 1995
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Niederschrift eines Gespräches zwischen Mitgliedern der Initiative für Demokratie und Frieden und der Miltenberger Bürgerin Irmgard Lorenz sowie Stadtrat Hellmut Lang am 3. März 1995

Weitgehend vom Krieg verschont

Hellmut Lang war 1945 sieben Jahre alt, hatte damals aber dennoch sehr viel mitbekommen und sich seither auch intensiv informiert. Nach seinen Angaben war Miltenberg weitgehend vom Krieg verschont geblieben. Dennoch herrschte große Angst unter der Bevölkerung vor Fliegerangriffen. Ausgewählte Keller waren als Luftschutzräume ausgewiesen und nur mit leicht zu durchschlagenden Backsteinmäuerchen voneinander abgetrennt. Im heutigen Schlecker-Markt befand sich der Keller, den die Langs bei den zahlreichen Alarmen aufsuchen mussten. Mit einem Köfferchen, in dem sich die wesentlichen Unterlagen befanden, ging es in diesen Keller, wenn wieder einmal die „hysterische Sirene“ (Lang) ertönte. Fast immer zogen die Flugzeuge über Miltenberg hinweg zu ihren Einsatzorten.

Fliegerangriff auf Miltenberg

Anders am 22. Februar 1945. Sechs Jagdbomber griffen die heutige Firma WIMA, die Kleiderfabrik Weber, Häuser in der Nähe des Hotels „Rose“ (vermutlich wegen des Bahnhofs oder der Nachschubschiffe im Main) an sowie das Schlachthaus (es sollte wohl das E-Werk getroffen werden) und die Notsiedlung in Miltenberg-Nord, die wahrscheinlich für eine Munitionsfabrik o.ä. gehalten wurde. Dabei kam es zu 20 Toten.
Schon damals gab es nach seinen Angaben eine „milde Form von Katastrophen-Tourismus. So sah er sich mit seinem Großvater die Trümmer der Baracken in Miltenberg-Nord an, die im wahrsten Sinne „wie Kartenhäuser zusammengefallen waren“.
Dagegen hatte Irmgard Lorenz, damals elf Jahre alt, drastischere Erinnerungen. Beim Alarm musste sie – die Mutter war nicht zuhause – ihre Schwester und ein Nachbarskind unter die Arme nehmen und in den nächstbesten übervoller Luftschutzkeller rennen. Nach dem Angriff waren sämtliche Fenster durch die Druckwellen zerstört, in der damaligen Zeit eine mittlere Katastrophe. Ihre Mutter kam mit dem Fahrrad von Laudenbach nach Miltenberg. Sie hörte die Explosionen und das Rattern der Bordwaffen. Hektisch wollte sie mit dem Rad weiterfahren, da sie ihre beiden Töchter – nicht ganz zu Unrecht – im Zentrum des Angriffs vermutete. Ein deutscher Landser holte sie vom Fahrrad, warf sie in den Straßengraben und verbat ihr, vor Ende des Angriffs weiterzufahren. In diesem Moment flogen auch schon die Jagdbombe über sie hinweg und um sie herum schlugen Schüsse aus den Bordwaffen ein.

Zurückflutende deutsche Soldaten

Irmgard Lorenz und Hellmut Lang konnten sich noch gut an die zurückflutenden deutschen Soldaten erinnern, die zerlumpt und hungrig von der Miltenberger Bevölkerung mit Essen, soweit noch Zutaten vorhanden waren, versorgt wurden. Hier gehörte Walburga Bayer, die Mutter von Irmgard Lorenz, zu den Frauen, die die sich zurückziehenden Soldaten zu versorgen versuchten. Sie kocht ganze Waschtöpfe voll Erbsensuppe, da sie zufällig an einen Sack Erbsen gekommen war (Wally Bayer konnte gelegentlich Textilien aus dem Lager ihres Mannes, er war Textileinzelhändler und zu dieser Zeit ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen, gegen Nahrungsmittel tauschen). Ein Landser sagte völlig erschöpf und ohne Rücksicht auf die noch immer trommelnde Propaganda, zu Familie Lang, als diese ihn bewirtete: „Es ist alles verloren!“

Die Brückensprengung

Die Brückensprengung am 28. März 1945 zerstörte, so Hellmut Lang, jahrhundertealte Träume der Miltenberger. Die Einweihung der Brücke Ende des 19. Jahrhunderts war dann auch das bis dahin wohl größte Fest der Miltenberger. So ist verständlich, dass ein Spaziergang des kleinen Hellmut mit seinem Opa über die schöne Brücke zum sonntäglichen Pflichtprogramm gehörte.
Was über hunderte von Jahren sehnlichst gewünscht und geplant worden war, stand nur knapp 50 Jahre und wurde in Sekunden vernichtet.
Als eine Abordnung Miltenberger Bürgerinnen den Stadtkommandanten bekniete, von der Sprengung abzusehen, verwies dieser auf Remagen, wo die Nichtsprengung die Exekution des Verantwortlichen nach sich gezogen hatte. Er hielt auch die Miltenberger Brücke für strategisch wichtig.
Auch hatten Bürger versucht, die Zündschnur unbrauchbar machen, worauf eine hängende Leitung angelegt wurde.
Sechs tote Miltenberger und eine unbekannte Zahl von Soldaten (die sich auf der Brücke befanden), zahlreiche Verletzte, Schäden an vielen Häuern durch umher fliegende Gesteins- und Metallbrocken – das war die Bilanz der Sprengung ohne konkrete Vorwarnung.
Hellmut Lang gab auch eine Geschichte zum Besten, die sonst sehr gerne sein Stadtratskollege Erich Lorenz erzählt: Bei der Brückensprengung wurde ein kleiner Hund hoch geschleudert und kam unverletzt auf dem Rest eines Brückenpfeilers wieder herunter. Er saß nun kläffend auf seinem Pfeilerstumpf. Schließlich wurde er, aus welchen Gründen auch immer, von Miltenberger Bürgern erschossen.
Da es ein Flugblatt gab, in dem die Sprengung angekündigt wurde – jedoch ohne genaue Zeitangabe – sowie eine Evakuierungsaufforderung für die in der Nähe der Brücke (150 m Umkreis) lebenden Miltenberger/innen, ist eine Selbstentzündung unwahrscheinlich.
Aus Angst vor der erwarteten Sprengung saß Hellmut Lang mit seiner Mutter tagelang zuerst auf einer Bank im „Stillen Frieden“, dann in einer eisig kalten Hütte im Wald. In Eile hatten sie statt des Koffers mit Lebensmitteln einen mit den Buchhaltungsunterlagen der letzten fünf Jahre mitgenommen. Schließlich gaben sie dieses unwirtliche Exil auf, gingen in ihr Wohnhaus zurück und prompt erfolgte die Sprengung! Die Langs kamen dennoch erfreulicherweise ohne größeren Schaden davon.
Neben der Brücke wurden auch verschiedene Versorgungsschiffe gesprengt, die im Main vor Anker lagen und den Amerikanern nicht in die Hände fallen sollten.

Der Tag der Befreiung

Als die US-Army Miltenberg immer näher kam, wurden große Kampfhandlungen erwartet und die Evakuierung in das Ochsenfurter Gebiet geplant, zu der es aber niemals kam.
Am 31. März rückte die US-Army in Miltenberg ein; die „Panzersperre“ mit Güterwagen an der Rosen erwies sich als schlechter Witz.
Diesen Tag der Befreiung verbrachte Hellmut Lang weitgehend im Keller aus Angst vor den heranrückende US-Truppen. Plötzlich klopfte es; die Familie zitterte vor Angst. Der eintretende GI fragte aber lediglich nach einer Mundharmonika aus dem Musikgeschäft der Langs, die er dann auch ordnungsgemäß bezahlte.
Irmgard Lorenz war wie fast das ganze untere Schwarzviertel ca. eine Woche vor dem Einmarsch in der Nacht nach Rüdenau gegangen, um der US-Army aus dem Weg zu gehen. Mit einem Leiterwagen, der von der letzten den Nachbarn verbliebenen Kuh gezogen wurde, transportierten die Bürgerinnen und Bürger ihre wichtigsten Habseligkeiten. Irmgard sollte besonders auf die guten Steppdecken – den Stolz ihrer Mutter – aufpassen. Als ein Rad des Wagens brach und die Decken in den Straßendreck fielen, wollte sie diese unbedingt retten, was eine Nachbarin allerdings mit Hinweis auf die vermeintliche Gefahr, in der man sich befand, unterband. Sie solle doch die blöden Decken liegen lassen! Die kleine Irmgard war über diesen kostbaren Verlust untröstlich, vor allem, weil sie ihrer Mutter doch versprochen hatte, auf die guten Decken aufzupassen.
Nach Rüdenau kamen die GIs am 30. März, blieben etwa 30 Minuten ohne großen Spektakel und gingen wieder. So verbrachte die damalige Irmgard Bayer ihren elften Geburtstag ganz überflüssig in einem Rüdenauer Keller, in den sich die Familie fluchtartig zurückgezogen hatte, statt in familiärer Geburtstagsrunde.
Die NSDAP-Funktionäre in Miltenberg aber taten noch am 30. März 1945 so, als ob noch alles offen wäre. Sie notierten alle Miltenberger, die weiße Betttücher aus den Fenstern gehängt hatten, um sie später zu bestrafen. Dazu kam es dank der schnell anrückenden Amerikaner nicht mehr.
Ein Miltenberger Gymnasiallehrer ging den einmarschierenden Amerikanern mit hocherhobenen Armen entgegen und feierte diese als Befreier; er dürfte einer der Wenigen gewesen sein, die dies so richtig sahen, wie später in diesen Aufzeichnungen noch zu berichten sein wird.

Die Besatzer: gnädig

Die US-Armee verhielt sich absolut nicht so, wie die NSDAP-Propaganda angedroht hatte. So warfen sie nicht die von Goebbels verkündeten „Spielzeugbomben“ ab, die Kinder verstümmeln sollten.
Sie erwiderten in Miltenberg am 31. März 1945 auch nicht das Gewehrfeuer der Hitlerjugend, das vom Aussichtsturm über der St.-Kilian-Kellerei herunterkam.
Vielmehr verschenkten sie in den darauffolgenden Wochen Schokolade sowie Kaugummi an Kinder und führten später die Schulspeisung ein, die, so Lang, „die Gesundheit fast einer ganzen Generation rettete“, und an die sich auch Irmgard Lorenz noch lebhaft erinnern konnte. Insgesamt hatten es die Miltenberger mit „unheimlich gnädigen Besatzern“, so Hellmut Lang, zu tun. Er führt dies auch darauf zurück, dass die USA – im Gegensatz zu Frankreich, Großbritannien und vor allem der Sowjetunion – keine Gräuel der Deutschen an ihrer Zivilbevölkerung zu verzeichnen hatten.
Erwähnt wurden in diesem Zusammenhang auch die CARE-Pakete, die sehr vielen Deutschen lebenswichtige Versorgungsgüter brachten. Aber nicht nur Lebensmittel, auch andere „Kostbarkeiten“ enthielten die Pakete aus den USA. Hellmut Lang hätte ohne, diese nicht einmal zur ersten Heiligen Kommunion gehen können, denn ihm fehlten Schuhe. Hellbraune Halbstiefel aus einem CARE-Paket, die schwarz eingefärbt wurden, halfen ihm aus dieser Verlegenheit.

Nach Krieg und Nazi-Regime

Ein kleines Geschenk hinterließ die fluchtartig sich absetzende Wehrmacht einigen Kindern aus dem Schwarzviertel: Aus einem brennenden Nachschubzug konnte einer eine Kiste mit eingemachten süßen Pflaumen sichern, die noch monatelang zu einer Sonderration an Sonntagen führte, wie Irmgard Lorenz berichtete.
Nach dem Krieg ging, so Lang, eine fast unheimliche und äußerst schnelle Wandlung der Gesinnung auch durch Miltenberg. Hatte er bei einem besonders eifrigen Lehrer immer brüllen müssen „Wir wollen lieber sterben, als vor dem Feind verderben“, so befahl dieser nun – nachdem er „fromm“ geworden war – als Sinnspruch: „Nie wieder Krieg, der Krieg ist ein Verbrechen.“
Als aufgesetzt muss dieser schnelle Wandel auch erscheinen, wenn die anderen Ausführungen von Hellmut Lang betrachtet werden. So wurden die in der ehemaligen Synagoge bei der Spruchkammer zur Entnazifizierung sitzenden Miltenberger auch später noch als Verräter und nicht als positiv zu wertende Nazi-Gegner bezeichnet. Auch gab es Empörungen über die Nachzahlungen bei billig angeeigneten „arisierten“ Häusern, statt diese „Arisierung“ als Unrecht zu empfinden.
Auch aus der Zeit, als der KZ-Terror umfassend und für jeden bekannt wurde, kann sich Hellmut Lang nicht an größere Reaktionen der Betroffenheit erinnern. Er schlussfolgerte daraus und aus den Ereignissen der letzten Jahre, dass die Grundhaltung allzu vieler Deutscher noch immer ein autoritäres Regime zulassen könnte. Hier gelte es ganz massiv gegenzusteuern.
Schließlich konnte er auch von einem Hilfspolizisten berichten, der in Miltenberg die Aufspürung versteckter Juden so gut durchgeführt hatte, dass er nach Holland befördert wurde, um sein Werk weiterzuführen. Dort kam es nach 1945 zu einem Prozeß: Er wurde zum Tode verurteilt, später zu 25 Jahren begnadigt und konnte danach als angesehener Bürger bis zu seinem Tod in Miltenberg weiterleben, „an allen Stammtischen geachtet“.
Auch seien die Juden in Miltenberg niemals so integriert gewesen, wie dies heute oft behauptet wird, berichtete Hellmut Lang. Sie wurden sehr oft als Fremdkörper behandelt und ausgegrenzt. Ganz simpler Geschäftsneid könnte hier eine Rolle gespielt haben.
Auf die Frage, wie die US-Army beim Einmarsch und später aufgenommen wurde, betonte Lang, dass diese als Besatzung, das Kriegsende als Niederlage betrachtet worden sei; nur von Wenigen wurden die US-Truppen als Befreier und die deutsche Kapitulation als Sieg über den Nazi-Terror gesehen. Man hätte sich allerdings an die neue Situation angepasst. „So wie man sich schon vorher angepasst hatte“, bemerkte ein Teilnehmer der Gesprächsrunde. Trotzdem ist nach Meinung von Hellmut Lang „die vorherige Generation weder herzloser noch unintelligenter als die heutige gewesen. Sie war durch die Wirren und die Not der 20er und frühen 30er Jahre so zermürbt, dass sie der Propaganda der Nazis willig auf den Leim ging. Heute wissen wir, wie das gelaufen ist und sollten unsere Lehren gezogen haben“.

Mapec; Ursprünglich veröffentlicht in der Broschüre „50 Jahre danach“, IDeF, Miltenberg 1995, eingescannt und leicht redaktionell überarbeitet im Februar 2009