Arbeitsloser greift zu militantem Protest
Aktion gegen SPD-Infostand in Aschaffenburg im Jahr 2005 hinterlässt einen Toten

Die Tat war beinahe angekündigt worden, wie ein Aschaffenburger attac-Mitglied später mitteilte. Ein 45jähriger Arbeitsloser hatte in der Gruppe „Hart(z) betroffen“, einer Selbsthilfe-Initiatve von Arbeitslosengeld-II-Empfängern und Unterstützern in Aschaffenburg, betont, nur zu reden sei ihm langsam zu wenig. Er hatte zu dieser Zeit große Angst, seine Wohnung wegen der Hartzt-IV-Regelungen zu verlieren. Die Gruppe lehnte in einer intensiven Diskussion alle militanten Maßnahmen ab. Aber er handelte.

Mit 15 Litern eigenem Urin machte der Arbeitslose seinem Unmut am Samstag, 10. September 2005 Luft: Unter dem Ausruf „Scheiße“ schüttete er zwei Eimer mit der übel riechenden Flüssigkeit über einen Infostand der SPD in der Aschaffenburger Innenstadt. Die SPD-Bundestagskandidatin Karin Pranghofer und Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD) wurden ebenso besudelt wie Wahlhelfer der SPD und Passanten sowie das zahlreich ausliegende Werbematerial der Partei. Auch der daneben aufgebaute CSU-Stand bekam eine Ladung ab.

Der Arbeitslose hatte noch mehr geplant: In der Nähe des Geschehens warteten weitere gefüllte Eimer auf ihren Einsatz. Dazu kam er allerdings nicht mehr. Denn jetzt wurde es höchst tragisch: Ein 65jähriges Parteimitglied war unter den Verfolgern, die ihn ergreifen wollten. Dabei brach der SPD-Mann wohl vor Erregung über das Geschehene zusammen. Helfer eilten herbei, doch es war zu spät. Alle Wiederbelebungsversuche konnten das SPD-Mitglied Jürgen Becker nicht retten. Der 65-Jährige starb eine Stunde nach dem Anschlag im Aschaffenburger Klinikum an Herzversagen.

Der Hartz-IV-Betroffene wurde kurz nach seiner Aktion überwältigt und verhaftet, am gleichen Abend aber freigelassen. Ihn erwarten Anzeigen wegen Körperverletzung, Beleidigung und Sachbeschädigung, nicht aber wegen des Todes von Jürgen Becker. Dieser könne ihm nicht zur Last gelegt werden.

Der Anschlag stellte in Aschaffenburg die Solidarität der Wahlkämpfer her. CSU-Bundestagskandidat Norbert Geis und SPD-Konkurrentin Pranghofer meinten unisono, dass der Wahlkampf für diesen Tag abzubrechen sei. Auch Christine Scheel von den Grünen zeigte sich „fassungslos“, wie die Presse berichtete.

Passanten sollen sich nach dem Anschlag Taschentücher vors Gesicht gehalten haben wegen des üblen Uringeruchs, bis dann Feuerwehrmänner den Platz abspritzten. Ein Container wurde herbeigeschafft, um durchweichte Parteifähnchen, Prospekte und Plakate zu entsorgen.

Am darauf folgenden Montag erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Arbeitslose mit dem Verstorbenen verschwägert war. Am Rand einer Veranstaltung am gleichen Tag in Aschaffenburg – Thema war die Bewegung gegen Sozialabbau – wurde zudem berichtet, der Arbeitslosengeld-II-Empfänger hätte bereits zuvor seine Schreibmaschine aus Protest in die Eingangstüre der Agentur für Arbeit in Aschaffenburg geworfen. Auch die Urin-Aktion mit ihrem tragischen Ausgang wird als verzweifelte Antwort auf erlittene Demütigung gewertet.

Die Hartz-Betroffenengruppe äußerte sich später in einem Leserbrief: „Beim Gesprächsabend `Hart(z) betroffen´ wurde die gemeinsame Erschütterung über die schändliche Attacke einer erwerbslosen Person auf Kandidaten politischer Parteien zum Ausdruck gebracht. Bei aller Entschiedenheit im politischen Diskurs zwischen Menschen unterschiedlicher Überzeugung und verschiedener Lebenslagen distanzieren wir uns hiermit von menschenverachtenden gewaltsamen Aktionen, die für jede demokratische Kultur ein Hohn sind. Wir trauern um die Person, die bei der Verfolgung des Täters ihr Leben lassen musste.“

Der SPD-Mann Jürgen Becker, der nach Aussage von Bekannten auch Mitglied im Freidenkerverband und Ostermarschierer war und nicht als neoliberales SPD-Mitglied galt, wurde auf dem Waldfriedhof Aschaffenburg-Obernau bestattet. Für die bayerische SPD nahm Walter Kolbow, bisher MdB und parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, an der Trauerfeier teil.

Der Urin-Akteur musste mit massiven psychischen Problemen – die verständlich sind: immerhin war sein Schwager im Verlauf seiner Aktion ums Leben gekommen – in die Psychiatrie eingeliefert werden. Zudem meinten einige Beobachter psycho-pathologische Züge bereits in der Urin-Aktion erkennen zu können: Wer tage- oder wochenlang seine eigenen Ausscheidungen sammelt und mit deren Gestank lebt, bei dem dürfe nicht nur Verzweiflung und der verständliche Wille zu einer sichtbaren Tat vermutet werden, da es auch jede Menge Alternativen gegeben hätte. Andererseits gilt aber auch: Die Gründe für Aktionen wie den Urin-Anschlag von Aschaffenburg nur in der psychischen Konstitution des Akteurs zu suchen, greift eindeutig zu kurz!

Der parteioffiziellen und staatlichen Trauer über den Tod von Jürgen Becker haftet zudem immer auch Heuchelei an, da die Verantwortlichen ihren Beitrag zur Vermeidung derartiger Taten nicht leisten wollen. Denn an ihnen läge es, die Situation Arbeitsloser zu verbessern. Und: Da die Situation der Erwerbslosen in Deutschland sich eben nicht bessern, sondern wohl weiterhin verschlechtern wird, ist zunehmend mit militanten Aktionen zu rechnen. Jenseits der Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Attacken mit Eigenurin werden militante Aktivitäten vermehrt auf breite Zustimmung stoßen.

Martin Bayer

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Dieser Beitrag ist in einer ersten Fassung am 13.09.05 auf http://de.indymedia.org sowie später in der nhz – linke Zeitschrift für die Region (Hanau) Nr. 129 (Winter 2005/06) erschienen; für die Fassung auf kommunal wurde er vom Autor nochmals leicht überarbeitet.