Breites Bündnis verhindert Nazi-Aufmarsch

Mitte der neunziger Jahre versuchten rechtsextreme Kreise im Umfeld der NPD, Aschaffenburg zu einem braunen Wallfahrtsort zu machen. Darüber berichten der zweite und dritte Beitrag auf dieser Seite. – Und darüber, wie dies verhindert wurde. Um die allgemeine Situation zur damaligen Zeit etwas zu illustrieren, wurde der Beitrag „Wie die Nazis in die Provinz gehen“ vorangestellt, der dies exemplarisch am Kreis Miltenberg dokumentiert.
Alle Beiträge erschienen in der Monatszeitschrift analyse & kritik (www.akweb.de).

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Wie die Nazis in die Provinz gehen
Zum Beispiel: Landkreis Miltenberg

aus: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 382 / 21.09.1995

Der Landkreis Miltenberg: 120.000 EinwohnerInnen, davon knapp 10.000 in der Kreisstadt. Die Mehrheiten im Kreistag und in den meisten Gemeinde- und Stadtparlamenten stellt traditionell und unangefochten die CSU. Der Landkreis Miltenberg, der hier exemplarisch für alle anderen Provinz-Landkreise stehen kann, ist konservativ, etwas verschlafen, bietet wenig kulturelle und politisch-alternative Infrastruktur, ist also mit einem Wort: Provinz.

Gerade jene verschlafene Provinzidylle (l) haben sich nun Nazis aus diversen Gruppen als Hinterland erwählt, in dem sie – nicht ganz zu Unrecht – meinen, ungestörter wirken zu können als in den Großstädten mit ihren doch noch sehr regen Antifa-Szenen. Im Miltenberger Kreis gab es schon seit Jahren Parolenschmierereien mit Hakenkreuzen und Veranstaltungen rechtsextremer Parteien wie NPD und REPsund auch schon mal Drohungen und tätliche Angriffe gegen AusländerInnen oder die wenigen aktiven AntifaschistInnen. Die REPs holten z.B. mehrfach ihren Vorzeigepolitiker Dr. Zeitler, ehemaliger SPD-Oberbürgermeister in Würzburg und inzwischen wieder aus den REPs ausgetreten. Dieser betonte dann in Leidersbach/Kreis Miltenberg, die REPs würden für „Eigenschaften wie Vaterland, Gemeinschaft und nicht ,Gesellschaft`, für die Bereitschaft zum Teilen und für den Grundsatz ,Deutschland zuerst`“ eintreten. Abgesehen davon, daß Vaterland eine Eigenschaft sein soll, sind dies die üblichen modernisierten rechtsextremen Formulierungen.

Relativ neu im Kreis MIL ist die Tatsache, daß Rechtsextreme von außen in den Landkreis gehen, um dort ungestört tätig zu werden. Dies hängt sicherlich auch mit zwei Funktionären zusammen: Klaus Beier (Kirchzell) ist ein nicht zu unterschätzender NPD/JN-Aktiver (unter anderem Vorsitzender des NPD-Kreises Aschaffenburg/Miltenberg). Weiterhin ist das Bund-Frankenland-Mitglied Jürgen Schwab (Amorbach), ehemaliger REP-Kreisvorsitzender, zu nennen, der in Bamberg studiert. Seine Nazi-Postille „Junges Franken“ ist allerdings über eine Postfachadresse in Großheubach bei Miltenberg zu beziehen. Über den von ihm maßgeblich beeinflußten „Deutschen Freundeskreis“ (DF) und den „Frankenrat“, beides Kooperationsorgane diverser Nazi-Gruppen, hat er z.B. sehr gute Kontakte zur FAP (bzw. – nach dem Verbot – zu ehemaligen FAP Mitgliedern).

Nazi-Aktivitäten
der letzten Jahre

So erklärt sich, daß bereits im November 1991 im Rahmen der Aschaffenburger Aktionswoche des Deutschen Freundeskreises in der kleinen Spessartgemeinde Eschau-Sommerau/Kreis Miltenberg eine Veranstaltung durchgeführt wurde: Der FAP-Bundesvorsitzende Friedhelm Busse sprach bei einer „nationalrevolutionären Kundgebung“ (Einladungsflugblatt) vor ca. 30 militanten Nazis, die aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet angereist waren.

Im September 1992 war der Einzugsbereich, aus dem die im Kreis MIL versammelten Nazis kamen, erheblich größer: zu einem Konzert mit „Tonstörung“ kamen rd. 100 Skins in das Obernburger Rock-Cafe Last Exit. (Die Kneipe hat heute einen anderen Pächter und ist kein Nazi-Treff mehr.) Sie stammten aus den umliegenden bayerischen und hessischen Städten und Großstädten, z.B. auch aus Dresden.

Am 29. und 30.1.1993 wollte die FAP wiederum in Eschau einen Landesparteitag und zusammen mit dem DF einen Tag später in Obernburg eine Demonstration anläßlich des 60. Jahrestages der „Machtergreifung“ Hitlers durchführen. Beides wurde vom Landratsamt Miltenberg verboten. Das Verwaltungsgericht hob das Verbot gegen den Parteitag auf. Dieser fand aber nicht statt.

Als am 10.11.1994 die Wiking-Jugend verboten wurde, kam es auch in Miltenberg zu einer Hausdurchsuchung. In Miltenberger Antifa-Kreisen stand seit einigen Monaten fest: Dirk Nahrat, Bruder des Bundesführers der Wiking-Jugend (WJ), hat sein Domizil in der unterfränkischen Kreisstadt aufgeschlagen. Nahrath hatte noch in den Wochen zuvor versucht, Elternbeiratsvorsitzender an der Grundschule zu werden. Den Posten eines Klassen-Elternsprechers und eine ähnliche Position am städtischen Kindergarten konnte er bereits besetzen, da bei den Wahlen seine WJ-Aktivitäten unbekannt waren. Das Offenlegen seiner Nazi-Tätigkeiten verhinderte zumindest die Wahl zum Elternbeiratsvorsitzenden. Der katholische Kindergarten Miltenberg-Nord sah sich in seiner an die Eltern gerichteten Kindergartenzeitung sogar genötigt, eine Warnmeldung mit Beschreibung der WJ abzugeben: „Vorsicht – Wiking-Jugend in Miltenberg. Informieren Sie andere Eltern, Freunde und Bekannte!“

An jenem 10. November, als ab 6.15 Uhr die Razzia bei Nahrath durchgeführt wurde, dürften die Beamten wohl auch diverse gerahmte Hitler-Zitate etc. bemerkt haben, die zur Verzierung des Wohnzimmers gedient haben sollen. Dirk Nahrath war zudem seit einiger Zeit auf der Suche nach einem größeren Anwesen mit Gebäude, in dem – so wird allgemein vermutet – eine neue WJ-Schulungsstätte entstehen sollte! Auch hier wollte die WJ wohl bewußt „aufs Land“ gehen. Daraus wird nun erstmal nichts.

Internationales
Nazi-Treffen

Bisheriger Höhepunkt war allerdings der 10.12.94: Als Gegenaktion zur Konferenz der europäischen Staatschefs veranstalteten europäische Nazis im Saalbau in Klingenberg eine Konferenz mit rund 200 TeilnehmerInnen. Ursprünglich sollte die Veranstaltung in Michelstadt durchgeführt werden. Nachdem der Vertrag dort gekündigt worden war, wichen die Nazis nach Klingenberg aus. Dort versammelten sich Rechtsextreme aus den Niederlanden (u.a. Tim Mudde, Generalsekretär der Centrumspartij 86), Argentinien (u.a. Dr. Carlos Dufour/Argentinische Nationalistische Arbeiterpartei in Europa), Frankreich (u.a. Claude Cornilleau, Vorsitzender der Nationalistischen Partei Frankreichs und Europas), Kroatien (u.a. Velimir Bujanec, Vorsitzender der Jungen Kroatischen Rechten/Neue Rechte), Deutschland (u.a. NPD-Chef Deckert und Vertreter der JN), Luxemburg, Bulgarien, Österreich (soweit der Presse zu entnehmen) und Italien (wie BeobachterInnen berichteten).

Der Pächter des Saalbaus gab bekannt, er sei über den wahren Charakter der Veranstaltung im unklaren gelassen worden, was später in einer Gegendarstellung von Klaus Beier für den JN-Regionalverband Unterfranken dementiert wurde. Als Ausrichter der Veranstaltung wurden Junge Nationaldemokraten aus Stolberg (Nordrhein-Westfalen) benannt. Ein weiterer Beleg also, daß die NPD/JN als Auffangbecken der WJ dient (Stolberg war der Bundessitz der WJ).

Verabschiedet wurde in Klingenberg ein Europäisches Jugendmanifest, in dem wahrscheinlich gegenseitige Kontakte verabredet worden sind. Die mit mehreren Hundertschaften anwesende Polizei beschlagnahmte Propagandamaterial, Hakenkreuze etc. Im Programmheft waren gemeinsam zu singende Lieder abgedruckt: „Es dröhnt der Marsch der Kolonne“, „Legion Condor“, „Auf hebt unsere Fahnen“, „Ein junges Volk steht auf“ und andere. Ein politisches Kabarett mit Harry Kirch und Rene Heizer sowie Live-Musik von „Noie Werte“ und mit dem Nazi-Barden Frank Rennicke mußte mangels Erlaubnis der Stadt Klingenberg ausfallen. Zu hören war dann nur noch krachende Marschmusik. Die örtliche Naziprominenz (Beier, Schwab etc.) wurde nicht gesehen. Sie verschanzte sich anscheinend im Saal.

Ein Mitglied der Miltenberger Initiative für Demokratie und Frieden (IDeF) (2) bemerkte die Nazi-Zusammenrottung erst im Laufe des Nachmittags und alarmierte daraufhin einige Antifaschistinnen, so daß wenigstens symbolisch eine Gegenaktion stattfand und BeobachterInnen vor Ort waren. Die Nazis selbst feierten ihren „europäischen Kongreß der Jugend“ als „Zusammenschluß der europäischen Nationalisten“.

Das Nationale Info-Telefon Franken (12.12.94, 22 Uhr), ein Infodienst der Rechten, kommentiert das Polizeiaufgebot in der Weise, daß die „ausländischen Gäste“ sich „an vermeintlich untergegangene Regimes erinnert fühlen mußten“. Nazi-Deutschland war damit wohl nicht gemeint. Eher sollte mit dieser Formulierung die ehemalige DDR denunziert werden. Schließlich kündigten die Nazis an, der zweite Kongreß dieser Art solle 1995 „in einem wirklich demokratischen Land Mitteleuropas“ stattfinden, womit – wie in Miltenberg vermutet wird – Kroatien gemeint sein könnte.

Hausdurchsuchung
und Pizzaessen

Zur Durchsuchung einer weiteren Nazi-Wohnung im Landkreis Miltenberg kam es im Januar 1995. Im Rahmen einer Aktion, die sich vor allem gegen den Volksverhetzer und NPD-Chef Deckert richtete, wurden zehn Objekte in Süddeutschland durchsucht, die zumeist in der Provinz liegen; so auch in Schneeberg/Kreis Miltenberg. (Main-Echo, 27.01.95)

Im Februar war eine weitere Nazi-Aktivität mit bundesweiter Ausstrahlung zu beobachten. In Aschaffenburg versammelten sich auf Einladung des NPD-Kreisverbandes Aschaffenburg-Miltenberg (Führer: Klaus Beier, Kirchzell) rund 120 Neonazis zu einem „Hans-Münstermann-Trauermarsch“ mit Kundgebung. Erinnern wir uns: Der Schüler Münstermann war während des Faschings 1993 bei einer Schlägerei erstochen worden, wobei ein albanischer Asylbewerber als Täter gilt. Damals gingen rund 800 BürgerInnen in Aschaffenburg auf die Straße und bildeten – unter Beteiligung führender Neo-Nazis und örtlicher CSU-Prominenz – eine Lichterkette für den Getöteten.

1994 ging die Wiederholung dieser Innenstadtbeleuchtung für die NPD in die Hose: Lediglich rund 30 Personen, durchweg aus dem Nazi-Spektrum, beteiligten sich. Daher hatte die NPD 1995 vorgesorgt und bundesweit wenigsten 120 Anhänger für ihren Trauermarsch gegen „Inländerfeindlichkeit“ mobilisieren können. AntifaschistInnen wollten den Fasching nutzen, um gegen den Nazi-Aufmarsch vorzugehen. Mit Pappnasen und anderen Karnevalsutensilien trafen sie sich auf dem Kundgebungsplatz (in direkter Nähe des Tatortes von 1993), da an Fasching eben den Pappnasen die Straße gehört. Humorlos dagegen die Polizei: Sie räumte und machte so Platz für die NPD!

Später ging sie gegen ca. 50 Antifas vor, die nach dem Ende der Nazi-Kundgebung angeblich „die Konfrontation mit einzelnen Rechten“ (Main-Echo, 27.02.95) gesucht hätten. Zwei der pappnasigen FaschingsfreundInnen wurden festgenommen. Dann setzten Uniformierte die 50 Antifas eine Viertelstunde lang fest, damit die Nazis abziehen konnten und „gingen gegen einzelne auch mit körperlicher Gewalt vor“. (Main-Echo, ebd.)

Aber auch die NPD bekam Kontakt mit bayerischen Beamten. Elf Neo-Nazis wurden vorübergehend festgenommen. Sie führten nach Polizeiangaben zum Teil Gasrevolver, Tränengas, Elektroschockgeräte, Nazi-Embleme und Uniformteile bei sich. Zudem durften sie den geplanten Kameradschaftsabend nach der Kundgebung nicht durchführen, mußten in Gruppen von maximal zehn Personen abziehen und ihr Führer Deckert bekam ein Teilnahme-Verbot am „Münstermann-Trauermarsch“.

Als die Kundgebung beendet und der beabsichtigte Kameradschaftsabend aufgelöst war, zogen sich die Nazis zurück – in den Landkreis Miltenberg. Dort versuchten sie, im Klingenberger Saalbau einen Ersatz-Kameradschaftsabend durchzuführen, was polizeilich verhindert wurde. Und schließlich trafen sie sich in Klaus Beiers Stammkneipe, der Pizzeria „Quo Vadis“ in Amorbach, mit immerhin noch 20 Personen. Auch dort griffen Staatsdiener auftragsgemäß durch und demonstrierten zur Beruhigung der Bevölkerung und des Auslandes, daß die bayerische Staatsregierung auf dem rechten Auge keinesfalls blind sein kann! (3)

Und die
Schlußfolgerungen?

Die bereits vor längerer Zeit getroffene Feststellung, daß die Nazis sich mit Vorliebe in der Provinz austoben (im hessischen Michelstadt, in den bayerischen Orten Miltenberg, Klingenberg, Eschau … aber auch in anderen Provinzen Deutschlands) bewahrheitet sich – sogar bei internationalen Treffen, wie wir im Dezember 1994 gesehen haben. Was aber hat dies für AntifaschistInnen zu bedeuten? Welche Schlußfolgerungen ergeben sich aus den hier beispielhaft aufgeführten Nazi-Aktivitäten in der Provinz?

Es ist wohl klar, daß den benachteiligten Provinzen mit ihren unzureichenden antifaschistischen Strukturen Hilfe angeboten werden muß. So könnten aus der Provinz in die Großstädte abgewanderte AntifaschistInnen von sich aus den Kontakt in die Herkunftsregion halten und den dort Verbliebenen regelmäßig Informationen, Termine und interessante Veröffentlichungen zukommen lassen. Wichtig wäre auch, die finanzielle Unterstützung der Projekte auf dem Land trotz Umzugs in die Stadt nicht abreißen zu lassen. Metropolen-AntifaschistInnen oder Gruppen könnten ganz gezielt provinzielle Initiativen fördern (Initiativen-Patenschaften).

Weiterhin sollte es für Gruppen aus den größeren Städten und Zentren der antifaschistischen Bewegung selbstverständlich sein, an Demonstrationen u.ä. in der Provinz teilzunehmen, falls dies von den dortigen Initiativen gewünscht wird. Selbstverständlich kann dies nur auf Grundlage der von den Gruppen vor Ort ausgegebenen Bedingungen geschehen. Diese wissen selbst am besten, welche Formen angesagt sind, wie die örtliche Nazi-Szene reagieren wird oder wie die Polizei sich verhält. Die Mentalität „Wir aus der Metropole zeigen den Provinzheinis jetzt mal, wie eine richtige Antifa-Demo auszusehen hat“ ist nicht nur überheblich und kolonialistisch, sondern politisch kontraproduktiv.

Es sollte hier zur gängigen solidarischen Praxis werden, auch einmal hundert oder mehr Kilometer zurückzulegen, um an einer Aktion in der Provinz mit möglichst vielen VertreterInnen der städtischen Antifa teilzunehmen. Eine Klarstellung scheint mir aber nötig: Die antifaschistisch Aktiven aus den ländlichen Gegenden werden sich für diese Unterstützung nicht in gleicher Weise revanchieren können. Sie verfügen eben nicht über die Substanz, schnell einmal mit fünfzig Leuten nach Frankfurt oder Nürnberg zu fahren. Und ihre starke Inanspruchnahme durch die Arbeit vor Ort, die immer auf sehr wenigen Schultern liegt, verhindert wahrscheinlich sogar, daß auch nur fünf Leute anreisen können.

Berücksichtigt werden muß auch, daß die Antifa-Aktiven in der Provinz nicht – wie in den Metropolen – überwiegend unter 25 Jahre und kinderlos sind und in Schul- oder Hochschulausbildung stehen, sondern sehr oft durch Familie und Berufstätigkeit stark eingespannt sind. Es bleibt dabei: Unterstützung der Provinz ist ein politisch lebenswichtiger und eigentlich auch selbstverständlicher Akt der Solidarität.

Anmerkungen:

1) Zur Definition des Begriffs „Provinz“ und zu einigen allgemeinen Aspekten dieses Themas siehe Martin Bayer: „Was ist Provinz?“ in: NHZ Nr. 83 (Mai/Juni 1994); auch in: Arranca! Nr. 4 (Sommer 1994); sowie ders.: „Provinz: Ort ohne Linke?“ in: NHZ Nr. 97 (Jahreswechsel 1994/1995).

2) Ich danke Mitgliedern der Initiative für Demokratie und Frieden (IDeF) für zahlreiche Informationen, insbesondere die Dokumentationen „Rechtsextreme Aktivitäten im Landkreis Miltenberg“ 1993 und 1994.

3) In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich noch die Frage: Was ist mit den Republikanern im Kreis MIL? Denn die sind hier nicht weiter erwähnt, da sie mit großen Aktionen nicht in Erscheinung getreten sind. Und sie werden es auch künftig nicht tun. Nachdem das Land Bayern die REPs als rechtsextremistisch eingestuft hat und damit die Mitgliedschaft in dieser Partei nicht mehr unbedingt mit der Tätigkeit als Beamter zu vereinbaren ist, wurde es dem Miltenberger REP-Kreisvorsitzenden mulmig. Der Polizeibeamte Bittner tat also, was auch Zeitler (Würzburg) schon gemacht hatte: Er trat aus. (Zeitler wollte keine Kürzung seiner Pension riskieren.) Bittners rechte Hand Patzelt folgte seinem Meister; somit sind die REPs absolut führungslos und seither auch nicht mehr in Erscheinung getreten.

Der Artikel erschien (in kürzerer Fassung) in „NHZ Linke Zeitschrift für die Region“. Der „RABAZ – antifaschistische Infozeitung aus Bayern“ wurde er angeboten, von der Redaktion allerdings kommentarlos nicht gedruckt.

Nazi-“Gedenkmarsch“ in Aschaffenburg
aus: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 388 / 07.03.1996

Die Faschingszeit bringt seit 1993 in Aschaffenburg einen ganz besonderen Aufmarsch mit sich. Nicht der traditionelle Faschingsumzug mit Blasmusik und Motivwagen ist hier gemeint, sondern der „Münstermann-Gedenkmarsch“, der vor allem von der NPD organisiert wird. Diese Zusammenrottung von allerlei Naziprominenz mit Fußvolk fand dieses Jahr am 24. Februar statt. (1)

Der Schüler Hans Münstermann, genannt Lui, war Fasching 1993 bei einer Schlägerei erstochen worden, wobei ein albanischer Asylbewerber als Täter festgenommen wurde. „Die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg (hatte) … die von dem Angeklagten gelten gemachte Notwehrsituation anerkannt und ihn nicht wegen fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolgen angeklagt, sondern – wie auch die übrigen sechs Angeklagten – wegen Beteiligung an einer Schlägerei“. (Main-Echo, 26.04.94)

Am Samstag nach der besagten Schlägerei gingen rund 800 BürgerInnen in Aschaffenburg auf die Straße und bildeten eine Lichterkette für den Getöteten. Mit dabei: der spätere Oberbürgermeister-Kandidat „CSU-Promi Manfred Christ und … WJ-Bundesfahrtenführer Axel Schunk und Falco Schüßler, FAP-Landesvorsitzender Bayern“. (Flugschrift „Hans-Münstermann-Gedenkmarsch III 95 – oder: Tod eines Aschaffenburger Rassisten“, herausgegeben von Autonomen Antifaschistischen Gruppen Aschaffenburg, 1995; im weiteren zitiert als Münstermann-Info). Darüber hinaus gehen die VerfasserInnen des Münstermann-Infos davon aus, daß der Getötete freundschaftlichen Kontakt zu Robert I.(…), dem ehemaligen FAP-Kreisvorsitzenden von Aschaffenburg, gehabt habe; auch sei der Kick-Boxer Münstermann als rassistischer Schläger bekannt gewesen.

Wenn Autonome AntifaschistInnen im Münstermann-Info allerdings behaupten, von den 800 TeilnehmerInnen des Trauermarsches seien 400 Nazis gewesen, so darf dies bezweifelt werden. Weder geben die Autonomen AntifaschistInnen an, wie sie die 400 Nazis erkannt haben wollen, noch verfügt das örtliche Nazispektrum über ein vergleichbares Potential, auch war die Zeit zur bundesweiten Mobilisierung für die Nazis zu kurz; und schließlich belegen die Zahlen der folgenden Jahre, daß für einen Münstermann-Marsch keine 400 Rechtsextreme mobilisiert werden können. Lui Münstermann war eben kein Rudolf Hess.

Für einen Skandal wurden auch nicht 400 Nazis benötigt. Skandalös genug war schon, daß 800 „ganz normale“ BürgerInnen und konservative Politiker in Begleitung einiger Dutzend Nazis aufmarschierten und sich so die militanten Rechtsextremen im ausländerfeindlichen „Volkszorn“, im offen auftretenden Rassismus suhlen und bestätigt fühlen konnten. Daß die Form einer Lichterkette gewählt wurde, kann getrost als trotzige Reaktion auf die damaligen Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit gewertet werden.

Erneute
Versuche

1994 ging die Wiederholung der Münstermann-Innenstadtbeleuchtung für die NPD in die Hose. Sie hatte als „Freundeskreis Ein Herz für Deutschland“ dazu aufgerufen (Main-Echo, 25.02.94) und verkündet: „Es handelt sich um einen Trauermarsch und nicht um eine politische Gaudi mit Kostümierungszwang!“ (Flugblatt des NPD-Kreisverbandes Aschaffenburg/Miltenberg) Doch lediglich rund 30 Personen, durchweg aus dem Nazispektrum, beteiligten sich – wobei auch noch das Kostümierungsverbot von einzelnen Phantasieuniformträgern durchbrochen wurde.

Für 1995 hatte die NPD besser vorgesorgt. In diesem Jahr mobilisierte sie wenigsten „120 überwiegend junge Anhänger aus dem gesamten Bundesgebiet“ (Main-Echo, 27.02.95) für ihren Trauermarsch gegen „Inländerfeindlichkeit“, dessen beide Vorläufer inzwischen schon in einer bundesweiten NPD-Wahlzeitung hochgelobt worden waren. Das Münstermann-Info wußte zu berichten, daß die Autos der angereisten Nazis aus Dortmund, Borken, Gelsenkirchen, Gießen, Jena, Leipzig, Rudolphstadt, München, Nürnberg, Bayreuth, Frankfurt und Hanau kamen.

Anwesend waren nach diesem Bericht auch führende Köpfe der deutschen Naziszene wie Achim Ezer (JN-Vorsitzender in NRW), Michael Petri von der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front und Mitglied bzw. Funktionär in diversen Nazigruppen sowie Kai Dalek (Thule-Mailbox, gilt als Geschäftsführer der GDNF) und weitere. Auch Naziprominenz aus der Region um Aschaffenburg wurde gesichtet: Werner Fleckenstein (FAP), Jürgen Schwab (Bund Frankenland), Markus Schwinger (REP) und der Anmelder des Münstermann-Marsches Klaus Beier (NPD/JN).

AntifaschistInnen wollten sich den Fasching nutzbar machen, um gegen den Naziaufmarsch vorzugehen. Mit Pappnasen und anderen Karnevalsutensilien trafen sie sich auf dem Kundgebungsplatz (in direkter Nähe des Tatortes von 1993), da an Fasching eben den Pappnasen die Straße gehört. „Humorlos“ dagegen die Polizei: Sie räumte und machte so Platz für die NPD! Ebenso ging sie gegen ca. 50 Antifas vor, die nach dem Ende der Nazikundgebung angeblich „die Konfrontation mit einzelnen „Rechten“ gesucht hätten. Nach zwei Festnahmen unter den pappnasigen FaschingsfreundInnen setzten Uniformierte die 50 Antifas eine Viertelstunde lang fest, damit die Nazis abziehen konnten und „gingen gegen Einzelne auch mit körperlicher Gewalt vor“. (Main-Echo, 27.02.95.)

Aber auch die NPD bekam Kontakt zu bayerischen Beamten. Elf Neonazis wurden vorübergehend festgenommen. Sie führten nach Polizeiangaben zum Teil Gasrevolver, Tränengas, Elektroschockgeräte, Naziembleme und Uniformteile mit sich. Zudem durften sie den geplanten „Kameradschaftsabend“ nach der Kundgebung nicht durchführen, mußten in Gruppen von maximal zehn Personen abziehen und ihr damaliger Führer Deckert bekam ein Verbot der Teilnahme am „Münstermann-Trauermarsch“.

Ganz nebenbei: Die Eltern von Lui Münstermann, die den ersten Trauermarsch noch mitgetragen hatten, hatten „sich davon distanziert, daß Rechtsextreme den Namen ihres Sohnes benutzen, um ausländerfeidliches Gedankengut zu verbreiten“. (Main-Echo, 27.02.95) Das hatte die Nazis allerdings wenig beeindruckt.

Aktionstag
1996

Schon Wochen vor dem zum „Aktionstag“ aufgepeppten Münstermann-Marsch 1996 konnte jede/r – wenn er/sie sich das wirklich antun wollte – über das Nationale Info-Telefon (NIT) Franken erfahren, daß am Samstag, 24. Februar die NPD ab 11 Uhr in Aschaffenburg eine „Aschersamstags-Veranstaltung“ (wirklich wahr!) durchführen wolle; ab 18 Uhr solle es den üblichen Gedenkmarsch für Hans Münstermann geben, der „von ausländischen Verbrechern brutal abgeschlachtet“ worden sei, berichtete das NIT Franken. (Stand: 24.01.96, 23 Uhr)

Daß in diesem Jahr der albanische Flüchtling wegen Notwehr freigesprochen wurde, hinderte die NPD bzw. deren Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten natürlich nicht daran, weiterhin von einer „deutschenfeindlichen Tat schändlicher Ausländer“ zu reden. Naziideologie schert sich auch am bayerischen Untermain nicht um solche Kleinigkeiten. Jedenfalls rief im NIT die „JN Franken zu massiver Mobilisierung auf“.

Die AntifaschistInnen vom Bündnis gegen Rechts hatten rechtzeitig (am 7. Dezember 1995) reagiert und mit Unterstützung von Grünen, Türkischem Volkshaus, DFG-VK, GEW, DKP, Demokratischer Bewegung Aschaffenburg, dem dortigen Friedenskomitee und der Miltenberger Initiative für Demokratie und Frieden ein Straßenfest angemeldet. Von 16 bis 20 Uhr sollte die Gegend um den Aufmarschplatz der Nazis somit sinnvoller und vor allem interkulturell genutzt werden. Die Stadtverwaltung Aschaffenburg zeigte dagegen, nachdem die NPD/JN – wie zu erwarten war – ihren Münstermann-Marsch (am 15. Januar 1996) angemeldet hatte, die bekannte bundesrepublikanische Form der Gleichmacherei: Sowohl der rassistische Marsch der Nazis als auch das für Verständnis und gegen Gewalt eintretende Straßenfest wurden verboten!

Nun begab es sich aber, daß in der Nazipostille „Junges Franken“ ein Aschaffenburger Kulturkneipenbesitzer als „ausländerfreundlichster Mitbürger Frankens“ denunziert wurde. In der Folge mußte er mit ekligster Nazipost Bekantschaft machen. Seine Kulturkneipe „Klimperkasten“ liegt zudem in direkter Nähe zum geplanten Platz des Straßenfestes. Der Kneipenbesitzer zeigte sich daraufhin großzügig und von seiner besten antifaschistischen Seite und holte das Straßenfest in seinen „Colos-Saal“ genannten großen Veranstaltungsraum, für den er keine Miete berechnete. Eine beliebte Aschaffenburger Rock-Gruppe schloß sich spontan an und bereicherte so das zum „Saalfest“ mutierte Straßenfest, dem sich dann noch ein vom Colos-Saal-Team organisiertes „Rock gegen Rechts“ anschließen sollte. Zusätzlich plante die Initiative Bildung für Alle (ibfa) in einem Jugendhaus ebenfalls ein Rock-Konzert.

Doch die JN war zwischenzeitlich vor Gericht gegangen und hatte so den Münstermann-Marsch doch noch durchgesetzt, erhielte aber die Auflage der Stadt Aschaffenburg, eine Demo-Route abseits des Tatortes von 1993 zu benutzen. Sogar der Lokalsender TV touring, ansonsten betont unpolitisch bis zur gähnenden Langeweile, sah sich genötigt, hierüber zu berichten und räumte dem genannten Kneipenbesitzer am 22. Februar Gelegenheit ein, gegen die Nazis Stimmung zu machen.

NPD-
Landesparteitag

Spätestens ab 20. Februar wußten die AntifaschistInnen am Untermain, daß eine weitere Nazimanifestation in direkter Nähe stattfinden würde. Das Darmstädter Verwaltungsgericht hatte den hessischen NPD-Landesparteitag in Groß-Umstadt am 24. Februar zugelassen. Diese hessische Kommune liegt nur 20 km vom bayerischen Aschaffenburg entfernt. Die dortigen Delegierten wurden über Internet-Botschaft aufgefordert, ab 16 Uhr nach Aschaffenburg zu fahren. (TV touring, 22.02.96)

Nachdem die Nazidemo eingeklagt worden war, meldete Bündnis 90/Die Grünen zusammen mit dem DGB, der Kommunalen Initiative 96, den Jusos und dem Türkischen Volkshaus eine Gegenkundgebung für den Ort an, an dem eigentlich die Nazis ihr „Gedenken“ abhalten wollten. (Main-Echo, 24.02.96) Das Nationale Info-Telefon Franken brachte ab 24. Februar, 0 Uhr eine Sonderansage: Treffpunkt 17 Uhr am Hauptbahnhof Aschaffenburg. Die Funk-Telefonnummern des Veranstalters wurden auch noch durchgegeben.

24. Februar
in Aschaffenburg

Während am Samstag, 24. Februar ab 16 Uhr rund 500 Menschen beim Saalfest des Bündnisses gegen Rechts und dem anschließenden „Rock gegen Rechts“ im Colos-Saal interkulturell feierten und etwa 400 davon um 18 Uhr an der Gegenkundgebung teilnahmen, marschierten – durch rund 600 Polizeibeamte getrennt – ca. 300 meist junge Neonazis unter Abgröhlen von „Antifa – ha, ha, ha!“ und „Rache für Hans!“ sowie „Hier marschiert die NPD!“ oder „Hoch die nationale Solidarität!“ (wie einfallsreich!). Gedacht wurde bei der abschließenden Kundgebung Hans Münstermann und allen, die künftig noch von schlimmen Ausländern und bösen Antifas umgebracht werden!

Die „unter zahlreichen Fahnen – überwiegend im reichsdeutschen Schwarz-weiß-rot“ marschierenden Nazis waren „aus dem ganzen Bundesgebiet angereist“ (Main-Echo) sowie aus der Schweiz und konnten bei der Aschaffenburger Bevölkerung keinen Blumentopf gewinnen; das martialische Auftreten führte lediglich zu erkennbarem Kopfschütteln bei Passanten und Protestrufen. Über die demonstrierenden Jungnazis meinte TV touring, daß die „starren Gesichter … zu den üblichen dumpfen, monotonen Parolen“ gepaßt hätten.

Unter starker Medienpräsenz hielten vor allem regionale Rechtsextreme Ansprachen. Der NPD-Kreisvorsitzende Klaus Beier mußte ebenso sein menschenverachtendes Gerede ablassen wie der Nazijournalist Jürgen Schwab aus Amorbach (Kreis Miltenberg). Dieser faselte von der „Schwäche des Systems“, das deshalb wie wild um sich schlage. Es ist ein scheinbar genetisch bedingter Reflex, daß der Mensch im angsteinflößenden Dunkel laut singt, um sich und anderen Mut zu machen. Nichts anderes tat Schwab. Denn das „System“, das sich einst der Nazis bediente, um die Asylrechtsänderung zu begründen, braucht das braune Gewächs nicht mehr, entledigt sich der international so auffälligen rechtsextremsten Gruppen; das hat gerade nichts mit Schwäche, sondern mit Stärke des bürgerlichen Systems zu tun.

Auch keine Schwäche bei der Polizei, die letztendlich alles im Griff hatte: Eine Gruppe von Jugendlichen (TV touring wollte hier sogar eine autonome Zusammenrottung beobachtet haben) wurde eingekesselt und zur Gegenkundgebung „geleitet“. Bereits bei Kontrollen im Vorfeld der Demonstrationen und nachdem einige Steine gegen die NPD/JN geflogen waren (es konnten sich Einzelne bis zur Nazidemo durchmogeln), wurden insgesamt 28 Personen – darunter 20 Nazis und 8 AntifaschistInnen- bis zum späten Abend in Gewahrsam genommen. Auch wurden die üblichen Waffen bzw. waffenähnlichen Gegenstände bei massiven Auto- und Personenkontrollen eingesammelt. Gegen mindestens vier Linke wurden Verfahren eingeleitet.

Besonders gewaltbereit waren allerdings einige Rechte: Nach der Nazidemo versuchten in der Nähe des Hauptbahnhofes zwei Rechtsextreme aus dem Münchner Raum, drei TürkInnen mit dem Auto zu überfahren. Nachdem die TürkInnen Anzeige erstattet hatten, wurden die beiden Nazis über das KFZ-Kennzeichen ermittelt und verhaftet.

Zutreffend ist, wie mehrfach festgestellt wurde, daß „die meisten Lokalpolitiker… sich zum NPD-Aufmarsch nicht öffentlich geäußert hatten“ (TV touring) und die Linken und Alternativen die Gegenmaßnahmen wieder einmal alleine durchführen mußten. Die Nazis feierten anschließend den Münstermann-Marsch in ihrem Nationalen-Info-Telefon Franken als größte nationale Kundgebung seit dem Hess-Gedenkmarsch 1993. (2)

Odenwald als
Nazihinterland

Nicht nur der alljährliche Münstermann-Gedenkmarsch bringt die bundesweite Beachtung der Region Odenwald/Untermain für Nazis und Antifainteressierte mit sich. Sogar die Feierlichkeiten zum 30jährigen Bestehen der NPD sollten laut der bayerischen Antifa-Info-Zeitung RABAZ in Aschaffenburg stattfinden, worauf die Nazipartei aber nach Bekanntwerden ihrer Pläne verzichtete. (RABAZ Nr. 3, Frühjahr 1995)

Die Region Odenwald/Untermain muß für die NPD und andere Nazis eine ganz besondere Anziehungskraft haben. Dies liegt sicher nicht nur an Klaus Beier, dem sehr „rührigen“ NPD-Kreisvorsitzenden für Aschaffenburg/Miltenberg. Dessen „großmundig im Oktober angekündigte Bürgermeister-Kandidatur… in Karlstadt“ (Unterfranken) hatte er allerdings „kleinlaut per Fax zurückgezogen“. (Main-Echo, 19.01.96; vgl. auch ak 385) Nichteinmal die 13 Unterschriften bei der Nominierungsversammlung konnte Beier zusammenbekommen. Es stellt sich aber die Frage: Wollte er überhaupt kandidieren oder nur mittels Androhung ein großes Echo bei Presse und Antifa erzeugen? Beier ist allerdings nicht immer so scheinbar erfolglos. Er konnte z. B. den Europäischen Kongreß der Jugend 1994 in seiner Heimatregion durchführen (vgl. ak 382) – und eben die Münstermann-Märsche.

Und: Es darf sogar vermutet werden, daß Rechtsextreme den Odenwald (oder Teile davon) zur „befreiten Zone“ machen wollen, die dann als Rückzugs- und Aufmarschgebiet dienen soll, ganz im Sinne des Aufrufs „Schafft befreite Zonen!“ in der „Bauernschaft“ vom September 1995. Die rechtsextremen Hinterzimmerstrategen fühlen sich sicherlich bereits als Nationale Befreiungsbewegung, haben sich vermutlich an heroischen Kampfberichten und an „Landser“-Heftchen besoffen gelesen. Die militärische Begrifflichkeit, das offen zur Schau gestellte Sendungsbewußtsein als „Retter Deutschlands“, das nationalrevolutionäre Pathos der Nazis im Odenwälder Raum und ihr auch ansonsten erwiesener Realitätsverlust geben den Vermutungen über eine „befreite Zone“ im Odenwald zusätzlich Nahrung.

Obwohl bei bundesweiter Mobilisierung 300 TeilnehmerInnen beim Münstermann-Marsch nicht viel sind, hat diese Demonstration mit ihrem kultischen Charakter (Blutmythos um ein zum Märtyrer umgelogenes Opfer einer Schlägerei) sicher extrem mobilisierende und festigende Wirkung auf die Nazis im und um den Odenwald. Auch auf der anderen Seite, bei „der anderen Feldpostnummer“ (wie Schwab die Antifa einmal bezeichnete), ist enges Zusammenwirken nötig, damit den Nazis die Lust genommen wird, den Odenwald – oder irgendeine andere Region – als eigenes „Hinterland“, als „befreite Zone“ zu reklamieren.

Anmerkungen:

(1) Dieser Artikel beruht neben aus den im Text angegebenen Quellen auf Informationen von Mitgliedern des Bündnisses gegen Rechts (BgR), Aschaffenburg und der Initiative für Demokratie und Frieden (IDeF), Miltenberg sowie der Antifa in Aschaffenburg verwendet.

(2) Quellen: Radio Primavera (25.2.96), Main-Echo, Würzburger Volksblatt, taz, jw, ND (26.2.96), NIT Franken mit Stand 25.2.96, 21.30 Uhr.

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Weiter so, Aschaffenburg!
Breites Bündnis verhindert Nazi-Aufmarsch

ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 400 / 13.03.1997

Auch in diesem Jahr konnte es die NPD mit ihrer Jugendorganisation JN nicht lassen und versuchte, im Februar nach Aschaffenburg zu mobilisieren. Wieder war der vorgeschobene Grund der Tod eines Schülers, der an Fasching 1993 Opfer einer Auseinandersetzung zwischen deutschen und albanischen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen wurde. Doch diesmal wurde nichts aus dem geplanten Nazi-Aufmarsch. Denn die Gegenseite hatte sich 1997 noch besser als in den beiden Vorjahren auf die Nazi-Zusammenrottung vorbereitet. (1)

Unter Federführung des Bündnisses gegen Rechts (BgR) versammelte sich ein wirklich breites Bündnis, das von SPD und einem Ortsverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) über Grüne und DGB bis hin zu Autonomen und Antifaschistischen Gruppen reichte. (2) Insgesamt 29 Organisationsbezeichnungen enthielt das erste Flugblatt, das zu einer Podiumsdiskussion mit Stadtratsvertretern unter dem Thema „Rechtsradikalismus und die gesellschaftlichen Auswirkungen“ einlud. Weiterhin wurde mit einer Pressekonferenz, Info-Ständen, regionalen Veranstaltungen einzelner Bündnis-Gruppen, einer antifaschistischen Stadtführung sowie einer kleinen Demo am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer der Judenvernichtung, die eigentliche Gegendemonstration vorbereitet.

Dazu kamen Info-Veranstaltungen in zahlreichen Städten zwischen dem Ruhrgebiet und München, da autonome Gruppen parallel zu einer bundesweiten antifaschistischen Kundgebung mobilisierten (die allerdings in die gemeinsame Demo münden sollte). Demgegenüber beschränkte sich das Konzept der restlichen Gruppen auf eine regionale Mobilisierung, um ganz gezielt bürgerliche Kreise vor Ort nicht aus ihrer Verantwortung für ein Handeln gegen den Nazi-Aufmarsch zu entlassen.

Etablierte
reagieren

Einen ersten Erfolg konnte das Bündnis gegen den Nazi-Aufmarsch schon dadurch erreichen, daß sich die etablierten Stadtratsfraktionen – CSU, SPD und FDP unter Beteiligung der Grünen – genötigt sahen, zu einer eigens angesetzten Veranstaltung mit Michel Friedmann, Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland und CDU-Stadtverordneter im Frankfurter Römer, aufzurufen. Eine ziemlich weiche (aber dennoch für Aschaffenburg seltene) Resolution aller Stadtratsgruppierungen verurteilte den Nazi-Aufmarsch, nicht ohne sich „gegen extreme Kräfte von rechts und links“ auszusprechen. Die Kirchen reagierten mit einen Gottesdienst am 27. Januar, bei dem ausdrücklich Bezug genommen wurde auf den erwarteten Nazi-Umzug.

Nichtsdestotrotz versuchten CSU-Funktionären, die Diskussion in Richtung einer Spaltung des Antifa-Bündnisses zu lenken. Im Hinblick auf ein Flugblatt der autonomen Antifa-Gruppen wurde vor den bösen Militanten gewarnt. Trotz darauf folgender heftiger Diskussion im Bündnis gegen den Nazi-Aufmarsch hielt dieser Zusammenschluß.

Nazis ziehen
den Schwanz ein

Mitten in die Vorbereitungen der Nazi-Aktion sowie der Gegenmaßnahmen platzte die Nachricht, daß am 13. Januar im bayerischen Odenwald das Waffenlager eines Nazis aus den Reihen der Deutschen Liga für Volk und Heimat (DLVH) ausgehoben worden war. Neben zwei kompletten Maschinengewehren wurden u.a. Maschinenpistolen, Pistolen und Revolver, vier Handgranaten, drei Flugabwehrgranaten, 15.000 Schuß Munition und diverses Nazi-Propagandamaterial wie Hakenkreuzfahnen sichergestellt!

Ende Januar: Die Überraschung ist perfekt. Als Sieg durch technischen K.O. konnte das Antifa-Bündnis die Demonstrations-Absage der NPD werten! Die vorgeschobene Begründung der Nazis: Die Waffenfunde in Amorbach hätten „geheimdienstlich gesteuerte Autonomenbanden und andere Störer“ (!) so zahlreich mobilisiert, daß die NPD ihren Aufmarsch nun nicht mehr verantworten könne.

Tatsächlich dürften drei Gründe ausschlaggebend für diesen Schritt gewesen sein: 1. Der NPD wurde gerichtlich aufgrund einer Klage der Familie des 1993 Getöteten verboten, dessen Namen zu verwenden. 2. Die NPD hätte sicherlich keine erneute Steigerung von Teilnehmerzahlen bei ihren Aufmarsch hinbekommen, eher einen Rückgang verzeichnen müssen, was ihrer „Ehre“ abträglich gewesen wäre. 3. Mit einem derart breiten und aktiven Gegen-Bündnis hatten die Nazis bei weitem nicht gerechnet!

Das Bündnis gegen Rechts verkündete sofort, daß die geplanten Aktivitäten gegen die Nazis in vollem Umfang stattfinden werden. Denn „die Inhalte der NPD, gegen die wir auf die Straße gehen, haben sich keineswegs verändert. Und in dem Schreiben der NPD an die Stadt steht wörtlich: Schließlich möchten wir feststellen, daß der Verzicht auf die Durchführung der Demonstration keineswegs bedeutet, daß in kommenden Jahren die Demonstration ebenfalls nicht durchgeführt wird, im Gegenteil.“

Kleine Rache:
Anti-Antifa

Die NPD oder andere Nazi-Kreise konnten es allerdings nicht lassen, wenigsten noch zwei Anti-Antifa-Aktionen durchzuführen.

In einem an diverse Ämter und Stellen verschickten Brief mit gefälschter Unterschrift eines Hauptaktiven des Antifa-Bündnisses wurde u.a. gefordert, die Stadt Aschaffenburg solle alle Kosten der anreisenden Antifas tragen sowie die bürgerlichen Rechte der Nazis außer Kraft setzen etc. Dieser offensichtliche Blödsinn, der noch einmal Verwirrung in die Reihen des Bündnisses tragen sollte, wurde im Regionalfernsehen von dem Vertreter des Bündnisses souverän zurückgewiesen.

Weiterhin versuchten die Nazis, ein weibliches Mitglied der Anti-Antifa in das Bündnis gegen Rechts einzuschleusen. Ein recht dümmliches Vorgehen und die Weitergabe eher drittrangiger Informationen durch diese Person an die Nationalen Info-Telefone (wo diese Infos auch gleich verbreitet wurden) führte zur schnellen Enttarnung und verhinderte größeren Schaden.

Die Anti-Antifa Franken war es dann auch, die wenige Tage vor dem 22. Februar dann doch noch eine Demo für diesen Tag anmeldete, die allerdings verboten wurde. Die sonst übliche Anrufung der Gerichte unterblieb, und die wenigen Dutzend Neo-Nazis, die dem weiterhin bestehenden Demo-Aufruf der Nationalen Info-Telefone gefolgt waren, wurden kurzerhand von bayerischen Beamten nach Hause geschickt.

Die
Demonstration …

Nachdem auch Michel Friedmann indirekt zur Beteiligung an der Antifa-Demonstration aufgerufen hatte, war das Bündnis an Breite kaum noch zu übertreffen. Lediglich OB Willi Reiland (SPD) schoß quer und forderte über das lokale TV die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben und so „den Radikalinskis“ eine Absage zu erteilen.

Damit konnte er allerdings nicht verhindern, daß am 22. Februar an acht Punkten Kundgebungen stattfanden, die sich zu zwei Demo-Zügen formierten, welche in einer Abschlußkundgebung mündeten. Ein starker autonomer Block und viele TürkInnen und KurdInnen sorgten für Demo-Stimmung – und alles verlief erstmal friedlich, da auch die Polizei eine bewußte Deeskalationsstrategie fuhr. Über 2000 Beteiligte, darunter knapp die Hälfte Autonome und Punks, zogen in einer der größten Demonstrationen, die Aschaffenburg je erlebt hatte, durch die Stadt.

Nachdem das Gerücht aufkam, am Hauptbahnhof seien Nazis gesichtet worden, trennten sich rund 350 Autonome unter Führung des Blocks der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation im Eilschritt von der Abschlußkundgebung, beschädigten im Vorbeigehen zwei Fensterscheiben und fünf Autos und landeten am Bahnhof im Kessel der Polizei. Dabei kam es zu einigen Festnahmen. Die Polizei ließ größere Gruppen der Eingekesselten per Bahn abreisen und geleitete den restlichen Kessel dann Richtung „Colos-Saal“, wo das abschließende Rock gegen Rechts stattfand. Dort wurde die Einkesselung ohne Personalienfeststellung aufgelöst.

… als
Siegesfeier

Wenngleich in den Kundgebungs-Reden illusionslos betont wurde, daß die Neo-Nazis nur die Spitze eines Eisbergs sind, der sich ansonsten aus bürgerlich-parlamentarischer Ausgrenzungspolitik und Alltagsrassismus etc. zusammensetze, kann die Aschaffenburger Demonstration dennoch als antifaschistische Siegesfeier bezeichnet werden.

Entsprechend wurde die Demonstration von Mitgliedern des Bündnisses gegen Rechts als voller Erfolg gewertet. Kritik wurde laut am Verhalten der Autonomen und ihrer Extrademo zum Bahnhof. Dieses sei unsolidarisch gegenüber dem Bündnis gewesen, da eine friedliche Demonstration auf einer genau bezeichneten Route verabredet war.

Zu bedenken bliebe in diesem Zusammenhang, daß die Anmeldung durch nicht-autonome Gruppen und deren Beteiligung an der Demo den Autonomen ganz erheblichen Streß mit der Polizei ersparte – von der ja bekannt ist, daß sie auf ihre eigene „bayerische Art“ vorgehen kann. Bei einer rein-autonomen Angelegenheit hätte die Polizei wohl weniger zurückhaltend reagiert. Die (für die Autonomen günstigen) Bündnisabsprachen hätten Verbindlichkeit bei diesen zur Folge haben müssen. Nun nutzt die rechts-bürgerliche Seite die geschenkte Gelegenheit, um in Leserbriefen mit Beschimpfungen gegen die Autonomen die ganze Demonstration in Mißkredit zu bringen. Entsprechend reagierte auch der Großteil der überregionalen Medien.

Kritik gab es auch am Verhalten des DGB und der ÖTV. Diese hatten ebenfalls Bündnisabsprachen einseitig gekündigt und somit ein „autonomes“ Vorgehen an den Tag gelegt. Mobilisierten sie doch nur für die Abschlußkundgebung, wohl um bei etwaigen Auseinandersetzungen während der Demo nachher ihr Schäfchen um so besser politisch ins Trockene bringen zu können.

Dennoch: Ein nicht zu unterschätzender Sieg über die Neo-Nazis, der nur dank eines breiten Bündnisses zustandekommen konnte. Und: Das Bündnis selbst, in dieser Breite neu für Aschaffenburg, war schon ein Erfolg an sich. Von Aschaffenburg lernen heißt siegen lernen (oder so ähnlich war das doch…).

Anmerkungen:

(1) vgl. ak 388, „Nazi-‘Gedenkmarsch‘ in Aschaffenburg“

(2) Da die Bandbreite der Nazi-GegnerInnen wirklich beachtlich ist, sei hier die vollständige Liste der Beteiligten in der Reihenfolge des ersten Flugblattes aufgeführt: PDS, DKP, GEW, JUSOS, Waschtag (lokale Kulturinitiative), IGM-Jugend, IDeF Miltenberg (Initiative für Demokratie und Frieden), Bündnis 90/Grüne, Bündnis gegen Rechts, IGM-Ausländerausschuß, KI/Kommunale Initiative (linke Kommunalpolitische Liste), IPPNW – Ärzte gegen atomare Bedrohung Aschaffenburg e.V., Flüchtlingsgruppe Dammbruch, Dt. Freidenker-Verband Aschaffenburg, Autonome und Antifaschistische Gruppen, CAJ (Christliche Arbeitnehmer-Jugend), SPD, ÖTV, DGB, IGAA (Initiative gegen Ausländerfeindlichkeit Aschaffenburg), MLPD, Halkevi (Türkisches Volkshaus), DFG-VK, Pax Christi, IBfa-Zentrum (Initiative Bildung für alle), Christen für den Frieden, Demokratische Bewegung (lokale türkisch/kurdische Gruppe), KAB Ortsverband Mömbris, Amt für Industrie- und Sozialarbeit der ev.-luth. Kirche Aschaffenburg. Dazu kamen später als Unterstützer noch die Deutsch-Ausländische Gesellschaft Alzenau und AWA – Die Regenbogenliga (schwul/lesbische Gruppe).

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Alle drei Beiträge von Martin Bayer