1848 und die Geschichtsschreibung der Herrschenden


[Bild: 1848 auf den Barrikaden in Berlin]

Es gibt wenige vernünftige allgemeinzugängliche Quellen, wenn es um die Regionalgeschichtsschreibung des Jahres 1848 geht. Fast immer liegen uns diese als Berichte der reaktionären Sieger von 1848 oder als Zusammenfassungen nicht minder konservativer späterer Schreiberlinge vor. Erst in den letzten Jahren melden sich einige demokratisch zu nennende Historiker/innen zu Wort.
Dennoch müssen wir bei der Untersuchung gerade der regionalen Ereignisse immer wieder Herrschaftsgeschichtsschreibung über uns ergehen lassen. Nehmen wir als Beispiel die Region bayerischer Untermain mit Schwerpunkt Miltenberg. Denn in dieser heute so verschlafen wirkenden Kleinstadt, die im 21. Jahrhundert vor allem ihren Charakter als romantische Tourismusattraktion pflegt, war um das Jahr 1848 mehr los als in vielen anderen Städten; die Miltenberger hielten auch bis weit in die 1850er Jahre an ihrer demokratischen Gesinnung fest und unterstützen die revolutionären Hanauer Turner, die durch Miltenberg nach Baden zogen, ganz massiv (nachzulesen in den entsprechenden Beiträgen in SPESSART Nr. 3 und 4/1998 oder im Buch von Monika Schmittner, siehe Anhang).
In Miltenberg äußerte sich zum Thema Revolution 1848 z.B. Michael Joseph Wirth, der die »Chronik der Stadt Miltenberg« verfasste, die – obwohl 1860 bereits fertig gestellt – 1987 neu aufgelegt wurde und bis ins 21. Jahrhundert hinein als Standardwerk zur Regionalgeschichte Miltenbergs galt.
Wirth beschrieb die Stimmung vor 1848 so, „als ob Europa unter dem geheimnisvollen Einfluss eines bösen Geistes stünde“. Die Aufständischen wurden bei ihm zu einer „wahnsinnigen Rotte“. Schließlich freute er sich aber wieder: „Eine Revolution ist nicht denkbar … Enttäuscht von sinnlosen Theorien hat das Volk die Überzeugung erlangt, dass jene Reformationen nur Träume waren … Eine Republik in Deutschland wäre die Despotie oben und die Anarchie unten.“ Wie sollen wir uns das vorstellen? Oben: die Bundesregierung als Despotenversammlung; und unten: der Miltenberger Stadtrat als Anarchozirkel? – Selbst als kabarettistische Idee ist dies kaum originell. Aber immerhin ein Hinweis, der die undemokratischen Ideen der Gegner der bürgerlichen Revolution illustriert.
Pfarrer Franz Ludwig Badum schrieb – ebenfalls als Zeitgenosse der 1848er Ereignisse – wütende reaktionäre Tiraden, die noch 1927 in dem Beitrag „Miltenberg im Revolutionsjahr 1848“ in den Aschaffenburger Geschichtsblättern veröffentlicht wurden. Beispiel: „Es werden Tage kommen, wo man sich fragt, wie war es möglich, dass Miltenberg politisch und moralisch so tief sank?“ Oder: „Man wundert sich mit Recht, wie diese Leute, die zumeist der besitzlosen Klasse angehörten, Wein und Bier in Fülle tranken und hie und da im Rausch herumtaumelten.“ Dies sei dadurch möglich gewesen, „dass dieselben von einigen begüterten Miltenbergern freigehalten worden waren“. Hier wird die bürgerliche Revolution zu einer torkelnden Erhebung verarmter Gelegenheitssäufer degradiert.
Der Miltenberger Heimatgeschichtsschreiber Rudolf Vierengel beschränkte sich in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts in seinem für ein breites Publikum gestalteten Büchlein „Miltenberg am Main – Ein kultur- und kunstgeschichtlicher Wegweiser“ auf einen einzigen Satz: „Als 1848 die Wogen des politischen Lebens allerorten in Deutschland mächtig aufwallten, fanden auch in Miltenberg `tumultartige Excesse´ statt.“ Begriffe wie Freiheit, Demokratie oder Menschenrechte kamen ihm da wohl nicht in den Sinn.
Aber auch im späten 20. Jahrhundert fand diese Art der schäbigen Geschichtsbetrachtung noch kein Ende. Als Beispiel sei Leo Hefner aus Obernburg erwähnt, der sich im Main-Echo vom 13.01.87 anlässlich einer Betrachtung zur Revolution von 1848 wie folgt äußerte: „Räuber, Wegelagerer, Gauner, Aufständische, Revolutionäre, Unzufriedene, Umstürzler, Weltverbesserer, politische Wirrköpfe und Fehlgeleitete existieren, seit es die menschliche Gesellschaft gibt. Gleich aus welchen Gründen sich diese Menschen ins Abseits stellten, mit Gewalt eine Veränderung im Sinne ihrer Denkungsweise herbeizuführen versuchten, stets waren Unschuldige unter ihren Opfern. Jede Zeit versuchte mit ihren Mitteln mit der die Mehrheit terrorisierenden Minderheit fertigzuwerden“ (fettgedruckter Vorspann zum genannten Beitrag). Bürgerliche Revolution ist gleich Wirrnis und Gewalt, Aufständische werden in einem Atemzug mit Wegelagerern genannt, die Demokraten zu despotischen Terroristen degradiert: Wer berechtigte demokratische und soziale Forderungen und den Versuch ihrer Durchsetzung so kommentiert, der muss sich Spekulationen über seine politische Gesinnung gefallen lassen!
Bliebe noch die schon erwähnte Zeitschrift SPESSART. Diese gab in ihrer Berichterstattung anläßlich 150 Jahre Revolutionsjahr 1848 nicht nur eine Anekdote wieder, die die Aufständischen in Aschaffenburg als dumme Bauerntölpel karikieren sollte: „Frage: `Wos ist des, Preßfreiheit?´ Antwort: `Des wisse mir aach nit, awwer howwe wolle mer se.´“; das heimatgeschichtliche Blatt zitierte in dem von der Redaktion sinnentstellend gekürzten Beitrag von Monika Schmittner zudem unkommentiert Pfarrer Badum, die Miltenberger Demokraten hätten „unter Brand- und Morddrohungen ganz Miltenberg in Schach gehalten“. Auch hier tauchte eine Anekdote auf, ebenfalls unkommentiert wiedergegeben, nach der eine Frau ihren Mann aufgefordert haben soll, sich bei einer Revolutionsveranstaltung „e schö’s Haisle mit em Gärtche“ unter den Nagel zu reißen.
Wohlgemerkt: Unter den Demokraten sind viele gewesen, die nicht aus hehren politischen Zielen, sondern aus sozialer und ökonomischer Not den Aufstand mittrugen. Die Revolutionäre waren sicherlich auch nicht durchgehend dem gehobenen Bildungsbürgertum angehörig. Nur stellt sich die Frage, ob sich demokratisch nennende Geschichtsschreibung unbedingt den Propagandawitzen und heute unnachprüfbaren Behauptungen reaktionärer Historiker bedienen muss. Politische Unmündigkeit, soziales Elend und mangelnde Bildung werden so nicht als Versagen der Herrschenden angeprangert, sondern als persönliche Dumpfbackigkeit der Aufständischen von 1848 lächerlich gemacht.

Martin Bayer

zuerst veröffentlicht in nhz (Neue Hanauer Zeitung) Nr. 103, Sommer 1998, für kommunal überarbeitet

Weiterführend zu empfehlen:
Monika Schmittner
Der Traum von der freien Republik
Revolution am bayerischen Untermain 1848/49
198 Seiten, 45 Abbildungen, mit Namens- und Ortsregister, gebunden, Euro 15.-
ISBN 3-932710-70-3
erschienen 1998

Verlagstext:

1848 erlebte die Demokratie ihren ersten Frühling in Deutschland. Auch am bayerischen Untermain träumten viele Menschen den Traum von der freien Republik. Angehörige aller Schichten beteiligten sich an der Revolution: Bürger setzten despotische Beamte ab und vertrieben das Militär, Bauern erzwangen die Aufhebung der drückenden Abgaben. Bis in die kleinsten Ortschaften hinein wurden „Volksvereine” gegründet, um für politische und soziale Rechte zu streiten und die Landesfürsten zur Annahme einer Verfassung zu bewegen.
Monika Schmittner lässt die Ereignisse der Jahre 1848/49 lebendig werden. Sie schildert die wirtschaftliche Not in Odenwald und Spessart und den Aufstand der Landleute, beleuchtet die turbulenten Ereignisse in Aschaffenburg und Miltenberg und stellt die Revolutionäre und ihre Widersacher vor.
Aus dem Inhalt:
Die Februarrevolution in Paris und ihre Signalwirkung für Süddeutschland * Bayern zwischen Vormärz und Revolution * Revolutionäres Wetterleuchten in der Stadt Aschaffenburg * Aufruhr in München wegen Lola Montez * Aschaffenburg im März 1848: “Ein Unruheherd erster Ordnung” * “Herr Bischof! Helfen Sie mir gegen diese radikalen Schullehrer!” * Bauernrevolten 1848 im Odenwald, entlang des Mains, im Kahlgrund und im Spessart * Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung * Der Orber Aufstand von 1849 * Politische Schaltzentrale für das Umland: Der Aschaffenburger Volksverein * “Es gibt hier viele Demokraten, aber auch einige anständige Bürger” – Revolution in Miltenberg * Das Ende vom Traum der Freiheit