Versuch über das vorläufige Ende der JUI – ein Beitrag zur Diskussion

Am 31. Oktober 2008 lesen die wenigen an dieser Thematik noch interessierten Miltenberger/innen in der Regionalzeitung Bote vom Untermain: „Bürgermeister lässt Räume der JUI schließen.“ Unter dieser Überschrift wird das Stadtoberhaupt zitiert: „Ich habe am Samstag die Räume der JUI in der alten Volksschule geschlossen.“ Weiter heißt es: „Mit dieser Bemerkung hat Bürgermeister Joachim Bieber am Dienstag im Stadtrat auf die unhaltbaren Zustände in der alten Volksschule reagiert.“ Und: „`Ob die Räume jemals wieder geöffnet werden, muss man sehen´, sagte ein sichtlich geschockter Bürgermeister und legte Bilder vor. Sie dokumentierten den schlimmen Zustand nach einer Feier in den Räumen der JUI, die offenbar am Freitag stattgefunden hat. In den Räumen des Kirchenchors darunter sei es zu ernsthaften Wasserschäden gekommen, sagte Bieber, nachdem im Verlauf der Feier ein Spülkasten zerschlagen worden sei. Daraus sei ungehindert Wasser ausgetreten und großflächig durch die Decke gesickert. Auch das Waschbecken sei zertrümmert und als Aschenbecher benutzt worden – trotz Rauchverbots in den Räumen. Weiter sei ein Heizkörper aus der Verankerung gerissen worden. `Wir wollen diese Chaoten hier nicht haben´, sagte Bieber und kündigte ein Gespräch mit den Verantwortlichen der JUI an.“
Das heutige Leiterteam der JUI teilte gegenüber KOMMUNAL zu den Ereignissen an besagtem Abend mit (kompletter Text hier): „Leider befand sich auch ein solcher Besucher unter den Gästen, der es nicht für nötig hielt, mit Einrichtungsgegenständen pfleglich umzugehen. Dieser junge Besucher trat während einer Raucher-Session auf der Damentoilette aus unerfindlichen Gründen auf den Spülkasten ein, der daraufhin einen Riss davon trug. Der Riss blieb unbemerkt da der Spülkasten scheinbar gerade leer war. Als der verantwortliche Leiter bei seinem halbstündlichen Rundgang die Damentoilette betrat, entdeckte er den Riss, aus dem bereits Wasser herausspritzte. Geistesgegenwärtig drückte er die Spülung, um den Kasten zu leeren und schloss anschließend das Ventil um die Wasserzufuhr zu stoppen (auch der Boden wurde getrocknet). Leider trat dennoch über Nacht Wasser aus und führte somit zu dem jetzigen beachtlichen Wasserschaden. Der Verursacher wurde von uns bereits der Stadtverwaltung gemeldet.
Zu dem unhaltbaren Artikel im Bote vom Untermain muss ebenfalls Stellung genommen werden. Es ist absolut nicht tolerierbar, dass Herr Bürgermeister Joachim Bieber ein Interview abgibt, ohne im Vorfeld Fakten vom Leiter-Team eingeholt zu haben. Der Bote vom Untermain sollte sich als seriöse Zeitung schämen, einen solch beispiellos schlecht recherchierten Artikel zu veröffentlichen. Das ist BILD-Niveau.
Das Waschbecken wurde an diesem Abend nicht zertrümmert (es war ein Loch darin), sondern einige Wochen vorher. Allerdings konnten wir es uns nicht leisten, ein neues Waschbecken anzubringen. Das zeigt ganz klar auf, dass die Stadt Miltenberg in Sachen Jugendarbeit zu viel spart. Ein lächerlicher Zuschuss von 250 € pro Jahr konnten wir durch einen `Antrag auf Bedarf´ (der zweimal gänzlich ignoriert wurde und erst beim dritten Anlauf durchkam) auf 500 € pro Jahr verdoppeln, was aber noch lange nicht genug ist. Der Heizkörper wurde vor x Jahren aus der Verankerung gerissen. Ein früherer Leiter hat den Heizkörper vor (schätzungsweise) acht Jahren neu befestigt, nachdem er weitere Jahre lose an der Wand hing.“ Soweit die JUI-Aktiven.
Schon früher gab es eine Schließung wegen entsprechender unhaltbarer Zustände. Dies aber den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausschließlich anzulasten, greift zu kurz, wenngleich sie dennoch nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden können.

Die Jugendlichen: teils unfähig

Als die JUI vor 29 Jahren gegründet wurde, gab es einen Konsens, der weit über die reine Funktion des Jugendtreffs als Begegnungs- und Saufgelegenheit (also Billigkneipe) hinausging. Kulturelle Bereicherung, gesellschaftliches Engagement, die Idee der Selbstverwaltung – all dies verhinderte – bei allen Schwierigkeiten, die es auch damals schon gab – die gröbsten Entgleisungen. Als die erste Generation sich nach einigen Jahren zurückzog (eine Generation, die auch noch für die Einrichtung eines Jugendtreffs kämpfte und schon daher einen besonderen Bezug dazu hatte), begannen die Schwierigkeiten, die sich zusehends aufbauten.
Schließlich wurde vor einigen Jahren das Leiter-Team eingeführt. Damit war der Untergang offensichtlich unaufhaltsam. Denn jetzt waren grundsätzlich nur noch wenige Einzelpersonen verantwortlich, der Rest der Besucher/innen konnte sich als Gäste ansehen und entsprechend unverantwortlich handeln.
Fazit: Ohne Bezug zu den Räumen, ohne breite Mitsprache- und Mitverantwortungsmöglichkeit und bei der gegebenen reduzierten Funktion der JUI als Billigkneipe konnten immer wieder die katastrophalsten und unverantwortlichsten Volltrottel die beschriebenen Fakten schaffen. Indirekt gestehen das die sehr engagierten heutigen JUI-Leiter auch ein. Sie haben „das komplette Frühjahr und den Sommer 2008 die JUI aus eigener Tasche finanziert (einige Renovierungen, neue Sanitärobjekte, Anstrich, neue Theke, Getränke etc.). Wir haben versucht, das kulturelle Niveau der JUI durch anspruchsvollere Musik zu heben. Durch Bands wie `crooked shoes´, `Hörspiel´, `Set Alight´ etc. haben wir es geschafft, dass sich einige subversive und destruktive Gestalten von der JUI fern gehalten haben. Auch die grundlegende Reinhaltung der Räumlichkeiten war uns ein großes Bedürfnis. Wir waren die erste `JUI 2.0 Generation´ [siehe dazu im letzten Kapitel, d. Verf.] die TÄGLICH die Räumlichkeiten geputzt und DESINFIZIERT (!!) hat. Dies gilt auch für das Treppenhaus und das nächtliche Aufsammeln von Müll und Flaschen im näheren Umfeld der alten Volksschule. Ebenso wirkten wir als Streitschlichter und teilweise auch als `Seelsorger´ für einige Gäste, die es nicht uncool fanden, mit ihren Problemen zu uns zu kommen. Wir hatten einen Plan aufgestellt, wie und wie weit wir die JUI hinsichtlich des früheren Chaos verändern. So hatten wir beispielsweise die Diskussionsrunden wieder eingeführt mit Themen wie Jugendkriminalität, Nahostkonflikt, Tibet-China-Konflikt etc. Außerdem hatten wir überall Zeitschriften wie Stern, GEO, Bild der Wissenschaft usw. ausgelegt. Dies wurde besser als erwartet von den Besuchern angenommen. Ausflüge und Arbeitsgruppen (AK Gitarre, Zeichenkurs usw.) waren in Planung. Wir hatten die Leute bereits sogar soweit in den Griff bekommen, dass sie ohne Aufforderung bei der Reinigung der Räume halfen.
Sicherlich haben Sie auch von den `Schmierereien´ gehört, die sich in ganz Miltenberg, verteilt an Herrn Bürgermeister Biebers Anwesen, am Landratsamt, am Kindergarten etc., befanden. Wir arbeiteten ständig eng mit der Stadtverwaltung und der Polizei zusammen und konnten somit MASSGEBLICH zur Klärung des Falles beitragen. (Wir führten ein Gespräch mit den Betroffenen, die sich daraufhin bei der Polizei stellten.)“


Oben: Beschmierte Fassade am Haus von Bürgermeister Bieber, 2008

Sie haben tatsächlich sehr viel getan, haben sich sehr eingesetzt, Pläne aufgestellt, waren Behelfssozialarbeiter und Müllwerker, haben „subversive und destruktive Gestalten“ fern gehalten, letztendlich sogar als Hilfspolizei bei der Ergreifung von Tätern gewirkt, die wohl der JUI zugerechnet wurden, deren Taten aber tatsächlich nichts mit der JUI zu tun hatten. Aber: Sie, das sind hier nach eigenem Bekunden die fünf vom Leiterteam, nicht eine Vollversammlung oder eine andere Form der kompletten JUI. Und sie treten so auch – selbst wenn ihnen das nicht klar ist – als Ordnungspersonal gegenüber anderen Jugendlichen auf. Das scheint das Problem zu sein.
Um eines hier klar zu benennen: Den engagierten jungen Leuten kann hier nicht wirklich ein Vorwurf gemacht werden. Das wird hoffentlich klar, wenn wir uns nun den anderen Faktoren zuwenden.

Die Stadt Miltenberg: meist unwillig

Set über einem Vierteljahrhundert ruht sich die Stadt Miltenberg auf „ihrer“ JUI aus. Sie ist die billigste Form der offenen Jugendarbeit. Die Stadtoberen können ihre Verpflichtung zur Breitstellung offener Jugendtreffs zu einem minimalen Preis verwirklichen; wie wenig dies wirklich ist, zeigen die obigen Ausführungen zum Zuschuss für den Betrieb der JUI. Ein Vierteljahrhundert Jugendreff in der Alten Volksschule heißt ein Vierteljahrhundert Selbstausbeutung der Aktiven (anfänglich viele, später immer wenigere – und heute scheinbar nur noch die fünf vom Leiterteam). Keine vergleichbare Kreisstadt leistet so wenig für die offene Jugendarbeit, selbst erheblich kleinere Kommunen – so das benachbarte Kleinheubach – stellen hauptamtliches Personal an und rüsten ihre Jugendtreffs attraktiv aus.
Wo die eigenverantwortliche Gestaltung des Jugendtreffs früher – bei hoher Identifikation mit dem Treff, gesellschaftlich positiven Ideen und Selbstverwaltung – noch ging, war schon vor Jahren die Grenze der Leistbarkeit der immer wenigeren Verantwortlichen objektiv erreicht.
Statt den notwendigen Schritt in die Professionalisierung der offenen Jugendarbeit zu gehen, wurde mit Repression gearbeitet: Politische Veranstaltungen wurden seitens der Stadt untersagt, einzelne ehrenamtliche JUI-Leiter als verlängerter Arm der Stadtverwaltung in die Pflicht genommen. Offene Jugendarbeit ist aber keine verbindliche Vereinsarbeit. Das wissen die Verantwortlichen der Stadt; sie wissen es, weil sie es in Miltenberg sehen – und weil sie die Situation in vergleichbaren Gemeinden kennen. Und auch, weil so etwas sogar in offiziellen Papieren der Bayerischen Staatsregierung zu lesen ist.
Wenngleich objektive Probleme innerhalb der JUI bestehen – die Forderung zur Änderung des Unhaltbaren muss zuerst an die Stadt Miltenberg gehen, die sich seit Jahrzehnten auf der Billig-Jugendarbeit ausruht!

Die Umstände: heute ungünstig

Zugegeben: Die Zeiten sind ungünstig für eine sich selbst organisierende offene Jugendarbeit. Ideen von Selbstbestimmung haben keine Konjunktur mehr, die Jugend ist noch mehr als früher auf Konsum getrimmt. Das zeigen auch Äußerungen der heutigen JUI-Leiter, z.B.: „Hinzu kam das Rauchverbot, was das Bestehen der JUI finanziell zusätzlich belastete.“ Es wird also in den üblichen Kneipenkriterien gedacht und der finanzielle Aspekt scheinen eine bedeutende Rolle zu spielen.
Viele Ehemalige geben heute aber gerne zu, dass sie es damals einfacher hatten; Konsumkritik war einst angesagt und z.B. die Medienwelt bei weitem nicht so marktförmig und kommerziell-destruktiv. Bürgermeister gründeten früher auch keine Musikschulen, sondern ermöglichten Aktiven aus der Jugendzentrumsbewegung z.B. die Nutzung der Alten Volksschule. Beim Landkreis beschäftigte Jugendpfleger setzten sich damals für die offene Jugendarbeit aktiv ein. Sogar ungefragt.
Treffend meint dann auch ein Ehemaliger aus einem früheren Leiterteam (kompletter Text hier): „Die heutigen JUI-Kids und auch die verantwortlichen jungen Erwachsenen sind in eine vollkommen andere Zeit geboren worden und somit mit ganz anderen Umständen konfrontiert.“
Schlechtere Rahmenbedingungen, eine auf Kommerz getrimmte und perspektivlose Jugend sowie eine unwillige Stadt – bei solchen Vorzeichen ist das Scheitern eines Jugendtreffs erwartbar.

Die Zukunft: noch möglich

Wenn die Stadt Miltenberg die JUI nun nicht endgültig schließen wird, dann nur, weil alle anderen Formen offener Jugendarbeit deutlich teurer sind als alle paar Jahre ein Wasserschaden oder ähnliches.
Jene, die 1979 die JUI gründeten und 1980 die Räume in der Alten Volksschule bezogen, müssen heute verlangen: Schließt diesen Laden! Denn was dort abgeht, das hat mit der Gründungidee überhaupt nichts mehr zu tun, ist vielmehr nur noch ein Feigenblatt für die fehlende professionelle offene Jugendarbeit in Miltenberg.
Ein Neubeginn der JUI kann nur stattfinden, wenn die verbliebenen Interessierten einen grundlegenden Programmwechsel vornehmen. Nach der JUI 1.0 der ersten Jahre haben wir nun eine JUI 2.0. Für diese gilt: „Das Programm JUI 2.0 zeigt irreparable Fehler aufgrund von Schadprogrammen. Entfernen Sie dieses Programm von Ihrem System. Installieren Sie ein anderes.“
Das neu zu installierende Programm – JUI 3.0 – müsste anti-kommerziell sein (kein Alkoholausschank, keine Billigkneipe), es müsste kreativ sein (Kunst, Kultur), es müsste inhaltlich anspruchsvoll sein (Projektgruppen, Diskussion), es darf sich nicht von der Stadt gängeln lassen (also kein Verbot inhaltlicher [politischer] Aktivitäten) und es müsste vor allem die Verantwortung aller Beteiligten wieder herstellen (Selbstverwaltung, Vollversammlung als Beschlussorgan). Alles, was weniger ist, wäre wieder nur das alte abgeschmierte Programm 2.0. Aber für ein neues Programm sehen wir – ehrlich gesagt – keine Programmierer/innen.
Wenn der bereits oben zitierte Ehemalige aus dem früheren JUI-Leiterteam meint, „man wird die Räume der alten Volksschule leider nie wieder ausschließlich mit neuen engagierten, politisch motivierten, kreativen, verantwortungsbewussten, intelligenten … jungen Erwachsenen füllen können“, so sei angemerkt, das dies auch in den ersten Jahren nicht gegeben war und dies für eine funktionierende Tätigkeit der JUI auch gar nicht notwendig ist. Es müssten aber mehr als fünf sein, viel mehr. „Lasst die Jungen ihr Ding und ihre Fehler machen“ (wie der zitierte Ehemalige meint) ist kein wirklich gutes Angebot. Denn die Alternative zu sich selbst organisierenden jungen Menschen ist etwas, bei dem keine JUI mehr benötigt wird.
Diese Alternative zu einer neuen JUI 3.0 ist eine ganz gewöhnliche städtische offene Jugendarbeit mit Etat und Sozialarbeiter/innen sowie mehreren Räumen. Dafür aber sollte sich niemand besonders engagieren; denn so etwas ist sehr wenig emanzipatorisch, hat keinen basisdemokratischen Anspruch mehr, ist zudem Standard in allen entsprechenden Kommunen der Bundesrepublik und wäre nach Auflösung der JUI selbstverständlich.

EX-JUI
[Ehemalige Jugendinitiativmitglieder, die sich bei Thomas (dem Ehemaligen) und dem heutigen Leiterteam für die ausführlichen Antworten bedanken, die hier zu finden sind.]
25.11.08